Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht in deren Augen schimmern, die heute einen seltsam weichen Ausdruck hatten. Schmeichelnd legte sie ihren Kopf in Orlas Schoß.
„Liebe, liebe Orla,“ flüsterte sie leidenschaftlich und hätte sich ihr in der Stimmung, in welcher sie sich befand, am liebsten um den Hals geworfen, um sich dort auszuweinen. Aber sie wußte, daß Orla eine Feindin solcher Szenen war, und deshalb begnügte sie sich damit, ihr die Hände zu streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So saß sie ganz still mit geschlossenen Augen und als Orla ihr liebkosend über das braune, lockige Haar fuhr, da war es ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser ließe ihre Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die zärtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drängten sich in ihre Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das wohlige Gefühl, von den Armen eines geliebten Mannes umschlossen zu sein. Hatte ihr Herz in solchen Momenten nicht höher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und warum war es denn anders geworden, warum sollten diese glücklichen Zeiten vorbei sein? Wie ein Nebel zerfloß vor ihren Augen die kleinliche Ursache ihres Streites, und sie wollte es sich gar nicht mehr eingestehen, daß sie deshalb ihr Glück auf das Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage hatte sie [pg 205]sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigeführt! Wann wird diese ein Ende nehmen?
Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles war, da doch das Leben nur kurze Dauer hat und die schweren Zeiten ohnedies nicht ausbleiben. Konnte sie nicht ein gleiches Schicksal treffen wie Flora, welche auch achtlos in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spät erkannte, welche Pflichten sie hätte erfüllen müssen? Wenn jetzt deren Mann stürbe, würde dann nicht die Reue sie ewig peinigen und ihr mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlässigt, du hast sein Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen Vorwurf im Herzen leben zu müssen, dachte Ilse, nein, das könnte sie nicht, da würde sie eher vergehen.
Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glück besessen und beides mit leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Würde sie wohl wieder aufrichten können, was sie zerstört hatte, oder war es schon zu spät dazu? Nein, das durfte, das konnte nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und der Gedanke, daß Leo jetzt sterben könnte, stand drohend vor ihrer Seele und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes willen, nur das nicht, nur das nicht, dachte sie bebend, und sie gelobte sich in diesem Augenblick feierlich, anders werden, ihm nie wieder solches Leid zufügen zu wollen.
Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern gekränkt hatte, wie die darunter leiden und mit welcher Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken mochten. Dennoch aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre Briefe waren stets liebevoll und zärtlich gewesen, aus zarter Rücksicht hatten sie niemals ihr Zerwürfnis mit Leo berührt. Und wie vergalt sie solche Liebe und Güte, war sie dankbar dafür?
Beschämt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fühlte, wie unrecht sie gehandelt hatte und noch handelte; immer klarer wurde es in ihr, ihre bessere Natur gewann wieder [pg 206]die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich Trotz und Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lösten.
Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit vorüber, die Rückkehr aus der Pension in das Elternhaus, ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das kleine Brüderchen, sie hörte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und fühlte sich glückselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer und begleiteten sie in ihren Träumen, aus denen sie erst erwachte, als sie plötzlich ihren Namen rufen hörte.
Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff, der eifrig mit Orla sprach. Sie wurde sich bewußt, daß sie sehr lange geschlafen haben mußte, denn die Morgendämmerung stahl sich schon durch die Fenster herein und überzog alles mit einem grauen, fahlen Schein.
„Komm Ilse, steh auf,“ sagte Orla und half ihr sich erheben. Mit einem traurigen Blick auf das schlafende Kind neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr und sagte mit leiser Stimme: „Der arme Doktor Gerber ist tot.“
„O, mein Gott!“ rief Ilse so laut, daß Orla sie aus dem Zimmer zog, weil das Kind nicht aufwachen sollte.