Seit dem Besuche bei Flora war wieder eine Woche verstrichen. Das Doktorpaar hatte schon nach einigen Tagen einen Gegenbesuch gemacht, und Floras Mann hatte Ilse außerordentlich gut gefallen. Er war klug und liebenswürdig und hatte ein ruhiges, sicheres Benehmen. Bei Floras überschwenglichem Unsinn schwieg er meistens, und es erschien dann in seinem Gesicht ein Ausdruck, als ergebe er sich in das Unvermeidliche, das zu ändern er aufgegeben hatte.
„Wie kam nur der nette Mann dazu, sich in Flora zu verlieben, Nellie?“ fragte Ilse. „Ich begreife das nicht.“
„O,“ meinte diese, „Florchen wird sein Herz mit ihre schöne Liebesgedichte gefangen haben. Wir müssen ihr gelegentlich über ihre Verlobung ausforschen. Mich tut der arme Mann leid und die kleine Baby; Flora macht ihnen kein Glück, weil sie nichts wie dummes Zeug im Kopf hat.“ –
An einem Sonntagmorgen saß das junge Althoffsche Ehepaar mit Ilse gemütlich am Kaffeetisch, als das Mädchen einen Brief für Nellie hereinbrachte.
„Eine große Neuigkeit!“ rief sie, als sie ihn gelesen hatte. „Ratet, ich sage nix,“ und geheimnisvoll sah sie zu Ilse hinüber, deren Blicke ängstlich fragend auf ihr ruhten. Was mochte der Brief für eine Nachricht enthalten, von wem mochte er sein? Ihr Herz pochte in heftigen Schlägen, und wieder tauchte die Hoffnung in ihr auf: es ist vielleicht eine Nachricht von ihm, und er meldet sein Kommen an. Die erwartungsvolle Aufregung, in der sie die erste Zeit hier [pg 86]verbracht hatte, war nach und nach einer bitteren Ruhe gewichen. Sie zerfloß nicht mehr in leidenschaftlichen Tränen, wenn Briefe von den Eltern eintrafen, die nichts von Leo enthielten, und sie schreckte auch nicht mehr bei jedem Klingeln zusammen. Nur abends, wenn sie im Bette lag, scheuchten noch häufig angstvolle Gedanken den Schlaf von ihren müden Lidern, und sie wälzte sich dann manchmal ruhelos auf ihrem Lager umher. Schwarz wie die Nacht erschien ihr dann die Zukunft, sie kam sich einsam und verlassen vor und schlief unter Tränen ein. –
Ilse wagte nicht, Nellie, welche sich mit ihrem Manne herumneckte, nach dem Inhalt der Karte zu fragen.
Doktor Althoff, der nach langem Hin- und Herraten, das ihm jedesmal ein lakonisches „Falsch“ von seiner Frau eingetragen hatte, ungeduldig geworden war, nahm schließlich Nellie den Brief aus der Hand.
„O, was seid ihr Männer neugierig,“ sagte sie lachend. Er las den Brief und warf ihn dann auf den Tisch.
„Wenn es weiter nichts ist,“ sagte er mit enttäuschter Miene, „ich dachte Wunder, was der Brief enthielte! Also Pastors wollen uns heute besuchen, das ist die ganze interessante Neuigkeit. Na, das wird einen heiteren Sonntag geben,“ setzte er mit sauersüßer Miene hinzu.
Ilse hatte gespannt auf jedes seiner Worte gelauscht, sie war von neuem enttäuscht, und doch löste es sich wie ein Alp von ihrer Brust.