„Ilschen,“ wandte sich Nellie jetzt zu ihr, „die artige Rosi mit ihre Pfarrersmann wird uns heute besuchen. Freust du dich nicht?“ Sie nahm den Brief wieder an sich und las ihn nochmals. „Durch Flora hat Rosi von dein Hiersein gehört und freut sich riesig dich wiederzusehen,“ teilte sie Ilse mit. „Sie fahren mit der Kutsche, schreibt mich Rosi, um acht Uhr von den Dorf weg; wann sind sie also hier, Fred?“

Sie mußte ihre Frage wiederholen, denn er las in der Zeitung und hatte nicht zugehört.

„Um acht Uhr fahren sie fort,“ berechnete er, – „vielmehr sind sie fortgefahren, da werden sie gegen elf Uhr hier sein.“

„O, dann haben wir noch viele Zeit,“ meinte Nellie, „dann können wir in Ruhe Vorbereitungen zu Ehrwürdens Empfang machen. Hilfst du mir, Ilschen?“

„Natürlich, Nellie! Ich bin riesig gespannt, Rosi wiederzusehen. Sie ist gewiß eine unterwürfige Frau, eine demütige Magd, wie sie im Buche steht, geworden.“

Die Kaffeestunde wurde heute abgekürzt, denn Nellie mußte für das Frühstück und Mittagsmahl sorgen. Geschäftig eilte sie mit dem Schlüsselkörbchen klappernd hin und her, bald war sie in der Küche, bald im Zimmer. Jetzt kam sie mit einem Pack Tischzeug herein, legte dasselbe auf den Eßtisch und fing an zu decken. Ilse stand mit verschränkten Armen daneben und sah ihr zu.

„Nellie, weißt du noch, wie ungeschickt ich mich in der Pension benahm, als ich zum ersten Male den Tisch decken sollte? Jetzt mache ich solche ‚Dienstbotenarbeiten‘ ganz gern; so geschickt wie du bin ich natürlich noch nicht und werde es auch nie sein.“

„O, darling,“ erwiderte Nellie, „wenn du erst ein kleines Hausfrau bist, wirst du alles schön machen, viel schöner als ich es –“

Ilse ließ sie den Satz nicht beenden. Das Wort Hausfrau hatte sie peinlich berührt und machte sie verlegen. „Nein,“ rief sie schnell, „nie, nie! Ich bin ein ungeschicktes, plumpes Bauernmädchen gegen dich.“

„O, o,“ sagte Nellie, indem sie bei diesen übertriebenen Worten erstaunt aufblickte, „wie kannst du dich unterstehen, eine liebe Freundin von mir so schlecht zu machen, das verbitte ich mich. Komm, hier hast du eine Obstschale und [pg 88]hier den Obst von dem Büffet. Da sind auch einige Weinblätter noch, du mußt ihr malerisch zwischen die Früchte gruppieren.“