„Ich will versuchen, ob ich die Blätter malerisch gruppieren kann,“ lachte Ilse.
„O du kannst,“ entschied Nellie, „du hast ein groß malerisch Sinn.“
Der Frühstückstisch war fertig, und die Obstschale prangte in der Mitte. Nellie überschaute alles noch einmal mit prüfendem Blicke.
„Wir haben unser Sach gut gemacht,“ sagte sie befriedigt zu Ilse, „wir dürfen uns dieser Lob spenden. Vor artig brave Rosi dürfen wir uns aber auch keine Bloßheit geben.“
„Das ist klassisch: Bloßheit geben. Blöße meinst du wohl, Nellie?“ verbesserte Ilse heiter. „Du hast oft Ausdrücke zum Totlachen, aber sie klingen in deinem Munde furchtbar niedlich und süß!“
„O, du furchtbar niedliches Ilsekind,“ neckte Nellie, „du mußt nicht über mich lachen, wenn ich falsch spreche, du mußt mir ausbessern.“
Es war eine kleine Koketterie von der jungen Frau, daß sie sich oft nicht die Mühe gab, die richtigen Worte zu finden, weil sie genau wußte, wie drollig und komisch es klang, wenn sie so gebrochen deutsch sprach.
Nellie verschwand jetzt eiligst, um ihren hellblauen Morgenrock mit einem Hauskleide zu vertauschen.
„Du mußt mir rufen, wenn du den Wagen kommen hörst,“ rief sie Ilse noch zu, die sich ans Fenster gesetzt hatte und nun nachdenklich auf die Straße hinabschaute.
Mit gemischten Empfindungen sah sie Rosis Ankunft entgegen. Sie freute sich, die Pensionsfreundin wiederzusehen, aber der Gedanke, daß sie wieder peinliche Fragen nach ihrem Verlobten über sich ergehen lassen müsse, wie [pg 89]bei Flora, beunruhigte sie schon im voraus. Sie kam sich wie eine Schuldige vor, die ihre Schuld vor der Welt verbergen mußte, und dieses Gefühl war ihr schrecklich. Gegen elf Uhr hörte sie fernes Wagenrollen und schnell rief sie nun die Freundin herbei.