„Das Landpastorkutsch erregt große Aufsicht,“ sagte Nellie und wies auf die Fenster der Nachbarhäuser, die mit Neugierigen besetzt waren, welche das herannahende Wagengebäude in Augenschein nehmen wollten. Langsam bewegte sich dasselbe vorwärts und unterbrach jäh die sonntägliche Stille durch das Gerassel, welches es auf dem holperigen Straßenpflaster verursachte. Zwei schwerfällige dicke Gäule wurden von dem Kutscher durch Zureden und Peitschenhiebe angetrieben, ohne daß es ihm gelungen wäre, sie aus ihrem Phlegma aufzurütteln. In unregelmäßigen Schwankungen bewegte sich der große, über und über mit Schmutz bedeckte Wagen, dessen ehrwürdiges Alter nicht zu verkennen war, vorwärts; die einstmals wahrscheinlich blauen, jetzt bis zur Unkenntlichkeit verschossenen Gardinen waren zugezogen, und umsonst reckten sich die Hälse der Neugierigen krampfhaft aus, in dem Bemühen die Insassen zu sehen. Diejenigen, welche dem Althoffschen Hause gegenüber und [pg 90]dicht daneben wohnten, harten es bequemer; denn als der Wagen hielt, konnten sie ohne Genickverrenkung erkennen, wer ihm entstieg.
Also Althoffs bekommen Besuch, das war ja höchst interessant! Leider konnte man seine Neugierde nicht genügend befriedigen, denn die zwei Personen, welche den Wagen verließen, wurden nicht, wie man erwartet hatte, draußen an der Pforte in Empfang genommen, sondern verschwanden sogleich hinter der Haustüre. Man hätte sich die beiden so gern erst genauer betrachtet, gerne gewußt, welches Kleid die Dame unter ihrem Mantel trug, und den Schnitt desselben geprüft. Auch konnte man unter dem dichten Schleier, den sie vor das Gesicht gezogen hatte, nicht erkennen, ob sie jung oder alt, hübsch oder häßlich war. Kurz und gut, man war enttäuscht, wie die verwitwete Frau Sekretär, welche Althoffs gegenüber wohnte, durch das ärgerliche Zuschlagen ihres Fensters deutlich bewies.
„Komische Moden führt die junge Frau da drüben ein,“ sagte sie zu ihrer verblühten Tochter. „Bisher war es Sitte, daß man seinen Gästen entgegenging; wie unpassend, ihnen nicht mal beim Aussteigen behilflich zu sein! Na, wie ich das finde!“ Sie begleitete ihre Worte mit einem mißbilligenden Kopfschütteln und setzte sich wieder an ihren Nähtisch.
„Ja, das kommt mir auch merkwürdig vor,“ pflichtete das älteste Mädchen bei. „Übrigens kann es uns ja ganz egal sein, was die da drüben machen und tun.“
Und doch war es ihr nicht gleichgültig, was „die da drüben“ taten, denn sie war eine scharfe Beobachterin ihres Gegenüber. Das glückliche junge Ehepaar weckte so oft ein geheimes Sehnen in ihrem Herzen, mancher Seufzer entstieg dann ihrer Brust und voll Bitterkeit dachte sie, daß ihr, der alten Jungfer, niemals ein solches Glück erblühen würde. –
Drüben war die Begrüßung vorüber, und Althoffs saßen mit ihren Gästen bereits am Frühstückstisch. Die beiden Ehepaare waren im lebhaften Gespräch, und Ilse hatte daher Muße, sich ihre Schulfreundin und deren Mann gründlich zu betrachten. „Genau, wie sie Nellie geschildert hat,“ dachte sie in ihrem Innern. Rosi hatte sich wenig verändert, nur strenger waren ihre Züge geworden, und die Haare glänzten vielleicht noch heller als früher in ihrer Glätte. Tadellos wie immer war ihre Haltung und von fast klösterlicher Einfachheit ihr Anzug. Das schwarze Kleid sah doch recht trist und altmodisch aus, und wie steif war der weiße Strich am Kragen, den die goldene Brosche zusammenhielt, welche schon in der Pension aller Entsetzen gewesen war. Auch der Herr Pastor im langen, schwarzen, tabakduftenden Rock wurde von Ilse einer eingehenden Prüfung unterworfen, ihrem scharfen Blick entging nichts. In dem gutmütigen Gesicht berührte ein liebenswürdiger Zug äußerst angenehm, aber über den schüchternen Ausdruck in seinen blauen Augen mußte Ilse unwillkürlich lächeln. Und wie unbeholfen waren seine Bewegungen, als er sich jetzt mit der Hand über seine dünnen blonden Haare strich und dann die goldene Brille zurecht rückte.
Rosi riß Ilse endlich aus ihren Betrachtungen.
„Liebe Ilse,“ sagte sie freundlich, „ich freue mich, dir nun mündlich noch zu deiner Verlobung gratulieren zu können. Ich nehme den wärmsten Anteil an deinem Glück. Wann heiratet ihr denn?“
„O, noch lange nicht,“ stieß Ilse hervor und wurde blutrot, denn sie bemerkte, daß der Pastor bei diesem Gespräch zu ihr herüber blickte, wahrscheinlich wollte auch er seinen Glückwunsch hinzufügen. O, diese Wünsche für ihr Glück erschienen ihr wie der bitterste Hohn, und die Heuchelei, die Verstellung, mit der sie dieselben hinnehmen mußte, widerstanden ihrer ehrlichen Natur.