„O,“ rief Nellie, „du armes Rosi, wie bedaure ich dir, denn in der Kneip ist es zu schön. Oft gehe ich mit Fred [pg 93]und einige gute Freunde ins Wirtshaus, und dann trinken wir Bier zusammen. O, das ist fein! Und das Comment hat mir Fred auch gelehrt, ich kann es gut – paß auf!“

Sie sah Rosi mit schelmischer Herausforderung an, erhob ihr Glas und hielt es dem Pastor entgegen.

„Herr Pastor, trinken Sie auf mein Wohl, dann werde ich mir a tempo löffeln,“ rief sie lustig.

Er wurde über und über rot wie ein junges Mädchen, aber dem lieblichen Gesicht der jungen Frau konnte er nicht widerstehen. Er nahm sein Glas und stieß mit ihr an. Er wollte auch etwas sagen, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken, als er einen verstohlenen Blick auf seine Frau warf.

Sie stimmte nicht mit ein in das fröhliche Lachen Althoffs und Ilses, sondern richtete sich noch steifer auf, und ihre Züge blieben unbeweglich. In ihrem Innern dachte sie mit Unwillen: „Nellie ist doch recht burschikos.“

„Ich denke, wir brechen jetzt auf, lieber Adolf,“ sagte sie sanft aber bestimmt und stand auf. „Wir haben eine Menge Besorgungen; es möchte sonst zu spät werden.“

Die andern erhoben sich pflichtschuldigst.

„Kommen Sie mit in mein Zimmer, Herr Pastor,“ sagte Althoff. „Bis die Damen fertig sind, wollen wir eine Zigarre rauchen.“ Der Pastor begrüßte diese Aufforderung mit großer Freude, denn er fürchtete jetzt ein Alleinsein mit seiner Frau.

Nellie war in die Küche gegangen, um für das Mittagessen noch einige Anordnungen zu treffen. Ilse hatte Rosis Sachen vom Vorplatz hereingeholt und belustigte sich nun über die Umständlichkeit, mit der die Frau Pastorin ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte.

Sie war doch noch ganz die pedantische Rosi aus der Pension! Die Bänder des Kapothutes wurden zu einer streng symmetrischen Schleife zusammen gebunden, dann [pg 94]feuchtete sie die Fingerspitzen mit der Zunge an und strich mit denselben über den Scheitel, damit jedes sich vorwitzig hervordrängende Härchen in seine Schranken zurückgewiesen wurde. Eine innere Unruhe ergriff Ilse bei diesen Anstalten. Wie konnte man nur beim Anziehen so langweilig sein. Wenn sie sich ihren Hut aufsetzte, blickte sie nur flüchtig in den Spiegel, um zu wissen, ob er schief oder gerade saß, und damit Punktum! Endlich war Rosi fertig, und die Reise konnte nun losgehen.