„Ja, das glaube ich auch,“ fiel ihr Ilse mit spöttischem Auflachen ins Wort, „er wird gewiß furchtbar vergnügt und ausgelassen sein, natürlich, warum sollte er denn auch nicht?“
„Aber Ilse,“ sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre Freundin über diese Reise dachte und empfand, „ich bitte dich, warum soll sich denn dein Verlobter nicht amüsieren?“
Die Gefragte schwieg, aber ein mühsam unterdrücktes Schluchzen klang zu Orla herüber.
„Du kleines leidenschaftliches Mädchen,“ sprach Orla [pg 155]liebevoll und sanft zu ihr, „vor allen Dingen werde etwas ruhiger. Ich muß jetzt mal in einem weisen Tantenton mit dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt ohnedies Schweres genug, warum da noch unnütz Grillen fangen und es sich durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf deinen Wunsch alles erzählt, und ich sage dir aufrichtig, ich bedaure dich und deinen Bräutigam, daß es soweit zwischen euch gekommen ist. Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist, aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in deinen Augen habe ich gelesen, daß du ihn noch liebst, daß du mit allen Fasern deines Herzens noch an ihm hängst, mit allen deinen Gedanken noch bei ihm bist. Nicht wahr, du bist böse auf ihn, weil er fortgereist ist und nicht als echter Ritter Toggenburg hintrauert? Das würdest du lieber sehen, das würde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht, nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht nach dir, der Schmerz, daß du ihn verlassen hast, sie machen, daß er es nicht mehr daheim aushält, eine unbezwingliche Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er muß andre Menschen, andre Dinge sehen und je größer der Strudel der Vergnügungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen, desto besser. Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du nicht darin nur einen Beweis, wie tief und innig er dich liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll Kraft und Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm aussieht? Glaubst du, daß er wirklich genießt, was er sieht und hört, daß ihn nicht überall sein Kummer, der Gedanke an dich begleitet? Ilse, du bist mit Blindheit geschlagen, glaube es mir. Sei nicht böse, daß ich offen spreche, aber ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir.“
Ilse hatte bebend zugehört. Orlas Worte machten einen tiefen Eindruck auf sie. War es nicht richtig, was sie sagte, verstand sie Leo nicht besser, als seine eigene Braut es tat? Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich auf einmal so [pg 156]kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr plötzlich wie ein Licht auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch neue Eindrücke zu betäuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte sie so wenig in seiner Seele zu lesen? Keine Silbe von dem, was ihr Orla gesagt hatte, hätte sie bestreiten mögen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie noch nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmütige junge Frau konnte nicht sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann gleich tausend zärtliche Trostesworte für sie, aber um keinen Preis hätte sie ihr das Herz durch Vorwürfe noch schwerer gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit, so war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge Mädchen über sie urteilte, und sie war ihr dankbar, daß sie so offen mit ihr gesprochen hatte.
„Gute Nacht, liebe Orla!“ rief Ilse innig.
Keine Antwort.
Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?
Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die gleichmäßigen Züge verrieten, daß sie fest schlief. Ilse betrachtete mit Entzücken das schöne Gesicht der Freundin, welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt beleuchtet wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren Schatten auf die blassen, im Mondeslicht fast marmorweißen Wangen. Ilse drückte einen leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin und schlich sich dann auf den Zehen zurück nach ihrem Lager.
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