Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der Winter ein, der mit Schnee und Eis sein Recht behauptete. Seit einigen Tagen schneite es unaufhörlich, leise und sacht fielen die weißen Flocken zur Erde nieder. Baum und Strauch mußten sich unter der Schneelast beugen. Flora, deren Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt den „gestrengen Winter“, und das tanzende, wirbelnde Schneegestöber wurde für sie ein unerschöpfliches Thema mit den verschiedensten Abwechslungen. Sie ward nicht müde, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde Flockengewirr zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare blaue Himmel entgegen und die freundliche Wintersonne schien ins Fenster herein.

Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob man nicht das herrliche Winterwetter benutzen und mit mehreren Bekannten eine Schlittenpartie unternehmen wolle, es wäre die schönste Bahn. Voller Begeisterung begrüßte Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort bereit, nach Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie aufzufordern.

„Ihrer reizenden kleinen Freundin, Fräulein Ilse wird [pg 158]gewiß eine Schlittenfahrt auch Spaß machen. Ich werde mir erlauben, das Fräulein selbst zu fahren.“

Ärger und Enttäuschung kamen bei diesen Worten in Floras Gesicht zum Ausdruck.

„Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das nicht? Sie hat ein frisches, glattes Gesicht, aber Sie müssen doch gestehen, daß demselben jede Vergeistigung fehlt, die ein Antlitz doch erst anziehend und interessant macht. Ohne diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schön finden und deshalb läßt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig.“

Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer Eitelkeit verletzt fühlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht, als sie Lüders auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht erst seine wahre Schönheit bekäme, und sie erwartete, daß auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde. Aber er blieb stumm und ein ironisches Lächeln zuckte um seinen Mund.

Erregt stand Flora auf.

„Gehen Sie mit?“ fragte sie. „Ich will zu Althoffs. Übrigens – Sie wissen doch, Ilse ist Braut! Kühlt das Ihre Begeisterung nicht etwas ab?“

Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spöttische Frage keine Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis mit dem jungen Mädchen zusammenzukommen. Er verabschiedete sich von Flora, indem er ihr sagte, daß er gegen Abend wiederkommen würde, um das nähere über die Partie zu erfahren.