Holguin und Binnenlandschaft von Jibara.
Südlich von Jibara (7500 Einwohner) nimmt nämlich das cubanische Binnenland teilweise einen anderen Charakter an, und es erstrecken sich daselbst nicht mehr ausschließlich Kalksteingebirge kultur- und verkehrsfeindlich von Ost nach West, sondern das archäische Grundgerüst der Insel tritt an vielen Orten zu Tage, und gerundete Kuppen und Hügel aus Granit, Syenit, Diorit und Serpentin — sogenannte „Lomas“ (Brotlaib-Berge) und „Cerros“ (Rundhügel) — reihen sich lose aneinander, engere und breitere Thalmulden mit sandigem Lehmboden von schokoladenbrauner oder roter Farbe umschließend. Namentlich dehnt sich aber am oberen Rio Salado, der dem Rio Cauto zufließt, eine große und fruchtbare Roterdeebene aus. Hier ist das Waldkleid Cubas an vielen Stellen gelichtet, und der Anbau von Zuckerrohr und Mais, von Tabak und Baumwolle und von anderen Feldfrüchten sowie daneben die Rinderzucht hat statt seiner Platz gegriffen. Die Stadt Holguin (10000 Einwohner) aber, die um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts in der fraglichen Ebene begründet worden ist, erfreut sich einer verhältnismäßig hohen und zunehmenden Blüte. Bis Ende der siebziger Jahre mußten ihrem Verkehre die schwerfälligen cubanischen Ochsenkarren ([Abb. 31]) und Lasttiere ([Abb. 32]) genügen, jetzt verbindet sie aber mit Jibara eine Eisenbahn, und es wäre wohl möglich, daß diese Bahn demnächst in der Richtung auf Santiago und Manzanillo eine Fortsetzung erhielte. Ein Teil des entwickelungsfähigen Hinterlandes von Jibara ist übrigens durch den für kleine Fahrzeuge schiffbaren Rio Jibara, der dem Berglande von Holguin entströmt, zu erreichen.
Abb. 37. Am Mercado von Santiago.
Von Jibara westwärts ändert sich mit der Physiognomie des Binnenlandes auch die Physiognomie der Küstenlandschaft. Die Bergketten — auch hier noch aus tertiärem Kalkstein bestehend — treten weiter und weiter von dem Meere zurück, und das unmittelbare Gestade ist flach und niedrig und von breiten Sandbänken begleitet, dergestalt, daß die im allgemeinen nicht höher als 1 m steigenden Springfluten öfters darüber hinwegschlagen. Ganz besonders ist dies der Fall an den Buchten von Padre, von Malagueta, von Manati und von Nuevas Grandes, durch die die Küste sich hier gliedert und in deren Umgebung nur einige unbedeutende Hügel über die mit üppigem Mangrove- und Palmenwuchs bedeckte Seestrandsniederung emporragen. Das Leben der Rallen, Reiher, Pelikane, Papageien, Manglarsänger u. s. w. mag hier noch bunter und reicher sein als bei Baracoa, und ebenso auch das Leben der Schildkröten, Krokodile und Seekühe und das Leben der zahllosen Insekten — nicht zu vergessen den zur Nachtzeit prächtig leuchtenden Cucujo (Pyrophorus noctilucus) und die bösen Landplagen der Sandflöhe und Moskitos. Die Vorbedingungen für das Gedeihen namhafter Siedelungen sind aber in dieser Gegend entschieden schlechte, denn abgesehen davon, daß der Passatwind sich auch an den Einfahrten der Padre- und Manati-Bucht in keiner Weise als ein guter Handelswind — trade wind — bewährt, so fehlt es daselbst vor allem an gutem Baugrund und an gesundem Trinkwasser.
Isthmus von Tunas.
An dem Rio Naranjo, der in die Bucht von Manati mündet, sowie auch an dem Rio Cabreras, der sich erst in zahlreiche Arme spaltet und dann zur Bucht von Nuevas Grandes erweitert, streckt sich der Mangrovesumpf in breiten Streifen weit in das Binnenland, und wir sind geneigt, hierin eine Art Naturgrenze für den in vielfacher Beziehung eigenartigen Ostteil Cubas zu erblicken. Von Süden greift ja annähernd unter dem gleichen Meridian der große Golf von Guacanayabo (Manzanillo) gliedernd in den Inselkörper ein, und wenn der letztere an der fraglichen Stelle schon dadurch halsartig zusammengeschnürt erscheint, so ist dies durch die Sümpfe, die sich von Norden und Süden her einander entgegenerstrecken, mindestens verkehr- und kulturgeographisch in einem noch viel höheren Maße der Fall. Mit gutem Grunde hat das spanische Kolonialregiment also die Gegend östlich von der Zusammenschnürung (die wir als Isthmus von Jobaba oder Tunas bezeichnen) als eine besondere Provinz behandelt und zu Zwecken der Civilverwaltung nach der Hauptstadt Santiago, zu Zwecken der Militärverwaltung aber Departamento Oriental genannt, und der Geograph könnte den Ostteil Cubas beim Hinblicke auf das an einen schmächtigen Eidechsen- oder Fischkörper erinnernde Kartenbild der Insel recht wohl als ihren Kopfteil gelten lassen. Um diesen Ostteil aber so viel als möglich als ein zusammenhängendes Ganzes kennen zu lernen und seine Eigenart einheitlich zu beurteilen, brechen wir unsere Fahrt bei Nuevas Grandes bis auf weiteres ab — wie dies Kolumbus seiner Zeit wenige Meilen weiter westlich that —, und wir wenden uns nach Baracoa zurück, um von dort aus das Kap Maisi zu umschiffen und von der Südseite her das Eindringen zu versuchen.
Abb. 38. Innere Santiagobucht.