Abb. 39. Innere Santiagobucht.
V.
Südliches Baracoasches Bergland.
Das Kap Maisi, in dem sich Cuba seiner Nachbarinsel Haiti bis auf 90 km nähert, ist unter dem augenscheinlichen Einflusse der gegen West gerichteten Meeresströmungen, die in der Windwarddurchfahrt vorherrschen, sandig und flach, und neben ihm liegen ausgedehnte Bänke, vor denen der Leuchtturm auf der Landspitze die Schiffer nicht umsonst warnt. Eine kleine Strecke weiter südwestwärts, gegen die Punta de Caleta hin, erhebt sich aber wieder dieselbe brandungbewegte Klippenwand aus Korallenkalk (Seboruco), welche wir an der Nordostküste kennen gelernt haben, und auch derselbe regelmäßige Stufenbau des Küstenlandes wie dort kommt wieder zum Vorschein. Über den drei oder vier Terrassenstufen und einige Kilometer weiter zurück erhebt sich zugleich auch wieder höheres Gebirge, mit ähnlichen Gipfelformen und Gipfelhöhen wie die Cuchillas de Baracoa, deren südliche Parallelkette es bildet. An manchen Orten, und je weiter man gegen Westen gelangt, desto allgemeiner, stürzt das Gebirge aber ohne die Vermittlung von Terrassen zum Meere ab — in der Gestalt senkrechter, dunkler Felsenstirnen, wie es die Punta Negra und der Salto de Jojo (an der Mündung des gleichbenannten Flüßchens) sind, oder in der Gestalt von tafel-, sarg- und zuckerhutförmigen, von einfachen und doppelten Spitzen und von abgerundeten, zum Teil von mächtigen losen Felsblöcken gekrönten Kuppen, unter denen der Yunque de Seco (am Rio Seco), der Piedra de Sabana-la-Mar (am Rio Ocambo), der Pan de Baitiquiri und die Silla de Guantanamo besonders hervorstechen. Den genannten hohen Steilwänden fehlt die Pflanzenbekleidung beinahe gänzlich, die sanfter abgedachten Küstenberge aber sind durchgängig vom Fuße bis zum Gipfel mit Tropenwald bewachsen — mit rundblätterigen Seestrandswinden und Seestrandstrauben (Coccoloba uvifera) neben Kokospalmen unten, und mit fiederblätterigen Mimosen- und Campechesträuchern, sowie mit Rohr-, Mucuja-, Kohl- und Königspalmen und mit Mahagoni-, Cedrelen-, Cassia-, Guajacum- und Büchsenholzbäumen höher hinauf, und ähnlich verhält es sich auch mit den Gebirgsketten, die in einer Gipfelhöhe von ungefähr 600 m 15–25 km landeinwärts der Küste parallel streichen — in der Sierra de Imias, der Sierra Mariana und der Sierra de Vela. Der Höhlenreichtum, der das Kalksteingebirge auch hier auszeichnet, wird an verschiedenen Orten schon von der See aus bemerkbar — vor allem in der gewaltigen Cueva de Pintado und in der Höhle der Punta Negra, in die das Meer ähnlich mächtig hinein brandet wie in die schottische Fingalshöhle. Man erkennt ohne weiteres, daß die ganze Gegend bis gegen den Sattelberg von Guantanamo hin nichts ist, als ein Teil des Baracoaschen Berglandes — derselben von der Seite her treppenförmig aufsteigenden Kalksteintafel durch die atmosphärischen Gewässer ober- und unterirdisch zurecht gemeißelt, und unter der Wirkung der gleichen Regengüsse und der gleichen Sonnenglut auch dieselbe üppige Vegetation aus seinem Verwitterungsboden heraus treibend, die menschliche Kultur aber in arger Weise hemmend.
Abb. 40. Kokospalmenhain.
Auffällig und befremdlich muß man nach den Erfahrungen an der Nordküste die schlechte Gliederung der Südküste finden. Die Mehrzahl der ins Land einschneidenden Buchten ist klein und gegen Wind und Wellen von der See her weit geöffnet, und nur diejenigen von Baitiqueri und Escondido tragen einen ähnlichen Typus wie die Buchten von Baracoa, Tanamo u. s. w., so daß sie den Schiffen wirkliche Sicherheit gewähren. Leider lagern aber gerade vor ihren Eingängen eine Anzahl gefährlicher Korallenriffe, während solche sonst zusammen mit der korallenen Küstenwand und mit den darüber liegenden Terrassenstufen westlich von der Punta Negra so gut wie gänzlich fehlen. Wir können uns diese Abweichungen nicht anders erklären, als dadurch, daß an der Südküste ein beträchtlicher Teil des in der Tertiärzeit aus den Fluten aufgestiegenen Landes wieder hinabgebrochen ist in das angrenzende tiefe Meer, das Cuba von Haiti und Jamaica trennt.
Abb. 41. Mahagonibaum und Viehzuchtgehöft.