Die Bucht von Guantanamo.
Eine gewaltige Bucht, die ihresgleichen an der Nordküste nur in der Bucht von Nipe hat, erstreckt sich aber hinter der Silla de Guantanamo über 25 km weit landein, und dieselbe läßt hinsichtlich der Bequemlichkeit und Sicherheit ihres Zuganges, sowie hinsichtlich der Tiefenverhältnisse und des Ankergrundes kaum irgend etwas zu wünschen übrig. Die Kraft des Passatwindes ist hier gebrochen, es wehen abwechselnd Land- und Seewinde, und nur in den Sommermonaten wühlen die heftigen westindischen Orkane das Meer außerhalb zeitweise furchtbar auf, das Eindringen in das Innere wehren den Sturmwogen aber auch dann die zahlreichen Landvorsprünge, die die Bucht auf das mannigfaltigste gliedern und in eine Außen- und Innenbucht (Caimamera- und Joabucht) scheiden. Zugleich tritt das höhere Gebirge daselbst weit in das Binnenland zurück, und es bleibt Raum für breite Thalebenen mit reichem Schwarzerdeboden, der durch die Vermischung des herbeigeschwemmten Verwitterungslehmes mit verwesten Pflanzenstoffen entstanden ist, und der von Natur einen beinahe undurchdringlichen tropischen Bruchwald trägt — Mangroven, Fächer- und Federpalmen und von Farnkräutern, Orchideen und Melastomaceen überwucherte, sowie von Lianen umwundene Bäume und Sträucher der verschiedensten anderen Arten. An diesem Orte waren der tropischen Pflanzungskultur also wohl von vornherein noch viel günstigere Vorbedingungen gegeben als bei Holguin, und wenn die Besiedelung der Gegend bis zum Schlusse des vorigen Jahrhunderts über wenige dürftige Anfänge nicht hinausgekommen ist, so begreift sich dies nur daraus, daß es den Spaniern für die allseitige Nutzbarmachung der ihrem Scepter unterstehenden weiten Gebiete an Kolonisationskraft gemangelt hat. Als die Negerrevolution in Haiti ausbrach, da wandten sich aber die französischen Flüchtlinge zu allermeist in die Umgebung der Guantanamobucht, und durch ihren Fleiß und ihr Gärtnergeschick zählten die Zuckerrohr- und Kaffeepflanzungen am Rio Yateras, der sich östlich von der Bucht in das Meer ergießt, sowie auch am Rio Guaro und Rio Jaibo, die in die Bucht selbst münden, bald zu den größten und blühendsten der Insel, und die Stadt Guantanamo (6000 Einw.), bezugsweise sein mit ihm durch eine Eisenbahn verbundener Hafen Caimanera, gewann als Zuckerausfuhrplatz den Vorrang vor Santiago.
Im Westen von Guantanamo erhebt sich aus der Niederung ziemlich unvermittelt und steil ein Gebirge, das an Höhe und Schönheit alle bisher erwähnten weit übertrifft, wenn man seine Thal- und Gipfelformen auch vielleicht als ruhigere bezeichnen kann. Die Loma de la Canasta, der der Rio Jaibo entquillt, und die Loma del Indio südlich davon steigen bereits gegen 1000 m auf, der majestätische Blocksberg der Gran Piedra aber, weiter westlich, erreicht 1588 m. Tertiäre Kalksteine nehmen auch an der Zusammensetzung dieses Gebirges teil, und in den lang gestreckten Mesas und Tafelbergen der Gegend von Santiago lassen dieselben auch den mehrfach berührten Stufenbau wieder erkennen, in hervorragenderer Weise bestimmen aber kretaceische Thon- und Sandsteine und Konglomerate, sowie alte Eruptivgesteine — besonders Diorit — das Gepräge der Landschaft, und die letzteren umschließen südöstlich von der Gran Piedra mächtige Eisen- und Manganerzablagerungen. Die Küste begleiten teils abgerundete Brotlaibberge (Lomas), teils steilwandige Tafelberge, und gute Ankerplätze gibt es an ihr nicht, zur Verschiffung der Eisenerze von Juragua ist aber bei Baiquiri eine große Kunsthafenanlage geschaffen worden. Im Juli 1898 benutzten die Amerikaner diese Anlage zur Landung ihrer Truppen, und Baiquiri (Nueva Salamanca), sowie die ganze westliche Fußhügelgegend der Gran Piedra bei Guasima und El Caney erlangte so durch den blutigen Entscheidungskampf, der daselbst ausgefochten wurde, historische Bedeutung.
Abb. 42. Mangrove-Keys (Cayos) und Küstensumpf (Cienaga).
Abb. 43. Palmstrohhütte und Ceibabaum.
Santiago-Bucht.
Die Bucht von Santiago ist als eine Art Hauptbresche in dem imposanten südostcubanischen Gebirge schon aus weiter Ferne erkennbar, und indem man sich derselben von Süd her nähert, entfaltet sich ihre Uferumrandung zu einem Bilde von wunderbarer Harmonie und Schönheit. Es erscheint die wohlbekannte niedrige Klippenwand, an der die Meereswellen sich hier für gewöhnlich und in sanftem Spiele brechen, darüber erhebt sich aber rechts von der Einfahrt mauergleich eine höhere Terrassenstufe (gegen 70 m), auf der im Vordergrunde der Morro thront — der altersgraue Wächter der Bucht, der länger als ein Vierteljahrtausend seines Amtes gewaltet hat, und der sich zwar schon den Boucanieren und Engländern gegenüber (1662 und 1762) nicht als vollkommen uneinnehmbar bewiesen hat, der sich aber trotz seiner mangelhaften Armierung im Verein mit seinen tiefer gelegenen Vorwerken auch noch den Amerikanern gegenüber wohl genug bewährt hat ([Abb. 33]). Zur Linken schiebt sich eine niedrigere Terrassenstufe vor, die neuere Befestigungen (die sogenannte Socapabatterie) trägt, und dahinter werden die gerundeten Hügel der Ziegeninsel und der Vorgebirge von Estrella, Santa Catalina und Gorda sichtbar, alle gleichfalls mit drohenden Bollwerken versehen, wenn auch nicht alle mit solchen, die dem Geschützfeuer der Neuzeit gewachsen sind. Ringsum aber türmen sich grüne Waldberge von der verschiedensten Gestalt und Höhe übereinander. Ist man dann unmittelbar unter den Festungsmauern durch die enge und tiefe Einfahrt, die die Amerikaner durch die Versenkung des „Merrimac“ vergeblich zu sperren suchten, in die Bai gelangt, so gesellen sich den kriegerischen Zügen des Landschaftsgepräges auch friedliche zu — Fischerkähne und leicht gebaute Fischerhütten, einzelne Landhäuser und ein Lotsendörfchen ([Abb. 35]) —, und das Auge wird nicht müde, sich an dem bunten Wechsel zu weiden. In ihrer ganzen Pracht zeigt sich die Bai aber erst, wenn man jenseits der Punta Gorda ihren weiten Binnenteil erreicht hat und der Blick über die herrliche blaue Wasserfläche hinweg mehr in die Ferne schweifen kann — hinüber zu den hell leuchtenden Häusern und Türmen der großen Stadt, die in ihrem innersten Nordostwinkel liegt, und zu den stattlichen Schiffen, die davor ankern, empor zu der hohen Mesa, an der die Straßen von Santiago hinaufstreben ([Abb. 36] und [37]), und höher empor zu den schön gezackten Bergen der Piedra- und Cobregruppe ([Abb. 38] und [39]), von deren Abhängen kleinere Ortschaften, sowie zerstreute Haciendas und Bohios aus ihren Mango- und Brotfruchtgärten und aus ihren Königspalmen- oder Kokospalmenhainen ([Abb. 40]) herabwinken. Man versteht an dieser Stelle besser als an jeder anderen die Begeisterung, welche Kolumbus betreffs der cubanischen Landschaft hegte, und man gesteht sich gern, daß es wenigstens an den Gestaden des amerikanischen Mittelmeeres keine Hafenbucht gibt, die dieser an stolzer Schönheit gleichkommt. Darf man sich also darüber wundern, daß die Spanier hier „Hütten bauten“, und daß Velasquez seinen Statthaltersitz nach kurzem Besinnen von Baracoa hierher verlegte (1514), daß Santiago bis in das XVII. Jahrhundert hinein (1607) die Regierungshauptstadt von ganz Cuba, später aber wenigstens diejenige der Osthälfte der Insel gewesen ist, daß die Stadt bereits seit 1522 eine stattliche Kathedrale besitzt, und daß der oberste Seelenhirt Cubas (seit 1804 zum Erzbischof erhoben) seine Residenz bis auf den heutigen Tag daselbst behalten hat? Viel kleiner als die Bucht von Guantanamo und nur etwa 7 km weit ins Land reichend, ist die Bucht von Santiago doch fähig, Flotten jeder Größe in sich aufzunehmen, und im Zusammenhange mit der näheren Bergumgebung ist sie nicht bloß landschaftlich viel großartiger, sondern zugleich auch viel tiefer und dicht an ihrem Ufer sowohl mit besserem Trinkwasser als auch mit besserem und gesünderem Baugrunde ausgestattet. Im übrigen darf man sie ein getreues Abbild der Guantanamobucht nennen, sowohl was die Richtung ihrer Hauptachse als auch was ihre Gliederung in eine Innen- und Außenbucht und in eine Reihe von Nebenbuchten angeht. Ist dies aber nicht ein Zeugnis dafür, daß an den beiden Buchten dieselben erdgeschichtlichen Bildungsprozesse thätig gewesen sind?