Abb. 44. Ein Ceibabaum.

Lage von Santiago.

Die Verbindungen von Santiago in das Binnenland sind keine leichten, ganz besonders in der Regenzeit, wenn die Bäche und Ströme des Gebirges hoch anschwellen und wenn der rote Boden sich in einen tiefen Morast verwandelt, immerhin sind sie aber leichter, als von den anderen Punkten der Südküste, Guantanamo nicht ausgenommen, und jedenfalls haben sich schon früher einigermaßen brauchbare Straßen nach den Kupfergruben im Westen, nach den Eisengruben im Osten und nach den fruchtbaren Thal- und Hügelgegenden an den Quellströmen des Cauto im Norden, sowie durch die letzteren nach Bayamo und Puerto Principe (als sogenannter Camino central) anlegen lassen. Zu Eisenbahnen haben sich diese Verbindungen freilich nur in der näheren Nachbarschaft von Santiago vervollkommnet (bis Cobre, Juragua, El Caney und Sabanilla), und in dem Mangel einer Schienenstraße nach Holguin und Gibara sowie nach Bayamo und Puerto Principe hat die Hauptschwäche der Stadt bei ihrer Verteidigung gegen die Amerikaner gelegen. Die Stadt erlag ja dem ersten Ansturm der Feinde nur, weil weder Proviant noch Verstärkungen mit genügender Schnelligkeit herangezogen werden konnten.

Bei den Schwierigkeiten, die der Landverkehr in dem Ostteile von Cuba ganz im allgemeinen findet — dergestalt, daß sie auch von den zukünftigen Herren der Insel niemals vollkommen zu überwinden sein werden —, bei diesen Schwierigkeiten war der Seeverkehr für die größeren Aufgaben der Verwaltung sowie für die in größere Ferne reichenden Handelsbeziehungen immer die Hauptsache, und für diesen bietet die Santiagobai nicht bloß den Vorteil einer genauen Mittellage an der Südküste (von Kap Maisi sowie von Kap Cruz ungefähr 170 km), sondern auch den Vorteil einer annähernden Mittellage zwischen den Häfen der Nordostküste und der Cautomündung oder Manzanillo. Die eigentlichen Kulturdistrikte Ostcubas liegen beinahe sämtlich unfern der Küste. Als selbstverständlich dürfen wir es endlich bezeichnen, daß für die Anfänge der Entwickelung von Santiago auch die bequeme Verbindung mit San Domingo sowie die verhältnismäßige Nähe des Mutterlandes von Wichtigkeit war. Dauernd konnte es freilich den Schwerpunkt des cubanischen Kulturlebens nicht bilden, und ebendeswegen hätte sich auch das Schicksal von Cuba wohl schwerlich vor seinen Mauern entschieden, wenn nicht die Herrschaft der Spanier auch in der Westhälfte der Insel in der geschilderten Weise gründlich untergraben gewesen wäre.

Was die Kehrseite des schönen Bildes von Santiago betrifft, so ist die Stadt öfter und stärker als jede andere von den verwüstenden Erdbeben betroffen worden, die der Gegend charakteristisch sind, und man kann sagen, daß es geradezu den Hauptherd derselben bilde. Zahlreiche Häuser und Teile der Kathedrale stürzten dadurch ein in den Jahren 1580, 1678 und 1755, und das letzte größere Beben, welches Schrecken verursachte, fand 1895 statt. Ferner wüten vor der Bucht, und nicht gerade selten auch über ihr, in den Monaten August bis Oktober dieselben schlimmen Orkane wie bei Guantanamo. Und endlich ist das Klima durch die Bergumschlossenheit der Bucht das heißeste und schwülste von ganz Cuba (mit einer Minimaltemperatur von 20° und einer Maximaltemperatur von 34° C), was die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen an dem Orte ganz besonders schwer macht und gutenteils auch ihre Thatkraft in einem besonders hohen Grade lähmt, ganz abgesehen davon, daß der Stumpfsinn und die Unwissenheit der Regierten sowie der Regierenden die sanitären Verhältnisse auch sonst sehr im argen liegen gelassen haben. Von der Bevölkerung, die sich 1895 auf 60000 belief, gehört demgemäß auch die große Mehrzahl (etwa im Verhältnis von 2 : 1) der farbigen Rasse an. Zur Zeit Herreras wurde die Zahl ihrer Bürger auf 200 geschätzt, um das Ende des XVIII. Jahrhunderts betrug ihre Seelenzahl aber 10000, um die Mitte des XIX. gegen 30000.

Die Kupfergruben des nahen Cobre (4000 Einwohner), die seit 1596 im Betriebe waren, sind vollständig in Verfall geraten, und der genannte Ort hat daher heute nicht mehr durch die auszuführenden Erze, sondern nur noch durch sein weithin berühmtes wunderthätiges Marienbild Bedeutung für Santiago. Die Ausfuhr der Eisenerze von Jaragua dagegen findet vorwiegend über Nueva Salamanca statt. Einen hervorragenden Rang als Handelsplatz wird Santiago aber durch den ungeheuren Reichtum und die große Vielseitigkeit der pflanzlichen Produktion seines Hinterlandes jederzeit haben, und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß sowohl die Kulturen des Zuckers, des Kaffees, des Kakaos, des Tabaks und der tropischen Früchte jeder Art als auch die Viehzucht und die Gewinnung von tropischen Nutzhölzern (Mahagoni-, Cedrelen-, Tecoma-, Eisen-, Gelb-, Blauholz u. s. w.) daselbst einer sehr starken weiteren Steigerung fähig ist. 1890 gab es in dem Distrikte 64 Kaffeepflanzungen (34 Prozent von der Gesamtzahl Cubas), 38 Tabakvegas und 28 Ingenios.

Nachdrücklicher als angesichts jeder anderen cubanischen Landschaft kommt es dem geographischen Reisenden angesichts des mächtigen Gebirges westlich von der Santiagobai zum Bewußtsein, welch schwere Unterlassungssünde die spanischen Herren der Insel dadurch auf sich geladen haben, daß sie die gründliche wissenschaftliche Durchforschung derselben versäumt haben, und wie sie ihren kostbaren Kolonialbesitz im Grunde genommen vor allen Dingen dadurch vor der Richterin Weltgeschichte verwirkten, daß sie die Entdeckerarbeit der Kolumbus und Ocampo nicht im Geiste der fortschreitenden Zeiten weiter zu führen verstanden. Und indem er dem jähen seeseitigen Südabsturze des Gebirges entlang mit seinem Dampfer auf den Wellen dahingleitet, gewinnt er zugleich auch Muße, darüber nachzudenken, wie die Unterlassungssünde wohl zu erklären und vielleicht bis zu einem gewissen Grade zu entschuldigen ist. Dem deutschen Bergsteiger, der mit seinen Stahlnerven frisch von daheim kommt, erscheint das Erklimmen der Höhen, die er von der Santiagobucht oder von der offenen See gegen das Kap Cruz hin überschaut, sicherlich sehr verlockend; sobald er länger in der Gegend weilt und Erfahrungen sammelt, verschließt er sich aber schwerlich der Einsicht, daß es mit dem Durchwandern und Besteigen tropischer Waldberge ein anderes Ding ist, als mit dem Durchwandern und Besteigen deutscher Wald- und Alpenberge. Es sind eben andere, und gutenteils viel unheimlichere Berggeister, die hier walten und die vorhandenen Geheimnisse und Schätze bewachen, als in dem Harz und Riesengebirge oder in dem Berner Oberlande.

Abb. 45. Uferlandschaft des Rio San Juan.

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GRÖSSERES BILD]