Abb. 46. Niederungsstrom mit Zuckerrohrfeld.

Die Sierra Maestra.

Die Sierra Maestra, um die es sich hier handelt, und der wir vom physikalisch-geographischen Standpunkte aus auch die mehrfach genannte Cobre- und Granpiedragruppe zuzurechnen haben, hat insgesamt eine Längserstreckung von 240 km, entspricht in dieser Beziehung also ziemlich genau dem schweizerischen Alpenzuge zwischen Martigny und Rheineck. Ihre Gipfel aber erreichen nach den spärlich vorliegenden und unzuverlässigen Messungen in der Cobregruppe 1018 m, in dem Pico Turquino, ziemlich genau mittwegs zwischen Santiago und dem Kap Cruz, 2560 m, und in dem Ojo del Toro, nahe dem Westende des Gebirges, 1582 m, und zahlreiche namenlose Spitzen nordöstlich und nordwestlich von dem Pico Turquino kann man aus der Ferne auf reichlich 2000 m, verschiedene Berge zwischen dem Pico de Turquino und dem Ojo del Toro, wie die Silla del Rosario und den Sibon, aber wenigstens auf 1500 m schätzen. Sind nun diese Höhen dem absoluten Ausmaße nach im Vergleiche mit den Alpen keine sehr bedeutenden, so sind sie es doch dem relativen nach, denn das Auge betrachtet sie unmittelbar vom Meeresspiegel aus, und der Fuß hat so unmittelbar von dort aus zu steigen. Der Pico Turquino ragt über das Karibische Meer ebenso hoch empor wie der Tödi über das benachbarte Vorderrheinthal, und der Abstand des Gipfels von der betreffenden Basis ist bei dem Pico Turquino geringer (7,5 km), so daß sein allgemeiner Anstieg steiler sein muß.

Der Südfuß der Sierra Maestra, den das Gebirge hineintaucht in das herrliche Azurblau der tiefen Cubasee, offenbart sich bei näherer Betrachtung westlich von Santiago als ein noch viel ungastlicheres Gestade als östlich davon. Allerorten steigen steile Hänge und Wände empor, die ersteren dicht bebuscht, die letzteren aber das nackte weiße oder braune Gestein zeigend — die offenbare Wirkung neuerlicher Bergstürze, da das feuchtwarme Tropenklima dergleichen Wände niemals lange duldet und sie rasch wieder mit Grün bekleidet. An verschiedenen Orten verraten Höhlenöffnungen auch hier den Kalkstein, ein ursprünglicher Terrassenbau des Gebirges ist aber im allgemeinen nicht zu erkennen, und nur bei dem Kap Cruz können ein paar mauergleich verlaufende Stufen unterschieden werden. Auch dort zeigen die Schichten aber mehrfach starke Störung und zum Teil vollkommen senkrechte Aufrichtung. Jungkorallene Bildungen treten ebenfalls nur stellenweise auf — namentlich um den Cayo Damas, südöstlich vom Turquinopik, und in der Gegend des Kap Cruz. Die Buchten aber, die die Steilküste gliedern, sind ausnahmslos dort gegen die See aufgerissen, und Schutz gegen südliche Winde oder Orkane gewähren nur einige wenige durch vorgelagerte Inselchen, so besonders der kleine Nothafen Portillo unter dem Meridian von Manzanillo. Wir haben nach dem früher Gesagten kaum nötig, hervorzuheben, daß uns alle diese Eigentümlichkeiten des seeseitigen Absturzes der Sierra Maestra in merkwürdiger Übereinstimmung zu bezeugen scheinen, wie auch hier weite Striche des tertiären Kalksteinvorlandes sowie vielleicht in beträchtlichem Umfange zugleich spätere Bildungen (namentlich koralline) von dem blauen Meere verschlungen worden sind. Die orkanbewegten Wogen stürmen nun wütend genug gegen den Gebirgsfuß an, und sie reißen dabei wohl manche Klippe fort. Den ganzen Betrag der Zerstörung vermögen sie aber nicht zu erklären, und man hat dabei vielmehr zurückzudenken an die heftigen Erdbeben, die die Gegend so oft betreffen und deren Bedeutung für die Bildungsgeschichte der Sierra Maestra erst voll gewürdigt werden wird, wenn man in Südostcuba gelernt haben wird, genaue seismologische Beobachtungen anzustellen. Auf die ungeheuren Tiefen der Cubasee, die bis reichlich 5000 m hinabsinken und die unter dem Meridian des Turquinopiks 7,5 km südlich von der Küste ungefähr dasselbe Ausmaß haben wie der Pik ebenso weit nördlich davon, können nur durch einen großen Dislokationsprozeß begriffen werden, der seit der späteren Tertiärzeit vor sich gegangen und noch beständig im Fortschreiten begriffen ist, wenn auch vielleicht gegen früher sehr verlangsamt.

Die Orkane und Gewitterböen, welche so überaus häufig gegen den Südfuß der Sierra Maestra heran und über ihre Berge hinwegbrausen, machen unserer Meinung nach daselbst eine gewisse Dauerwirkung namentlich darin geltend, daß sie hochstämmigen Baumwuchs bloß in geschützten Rillen und Thalungen dulden, während sie an den offen liegenden Hängen, ebenso auf den Gipfeln im allgemeinen nur ein undurchdringliches Gewirr von Sträuchern und Schlingpflanzen, sowie eine üppige Epiphytenvegetation aufkommen lassen.

Abb. 47. Rancho.

Geologische Verhältnisse.

Die zahllosen Ströme und Bäche, welche in engen Schluchten von dem Kamme des Gebirges herabkommen, sind sämtlich kurzläufig, und ihre Wasserführung schwankt nicht bloß mit der Jahreszeit, zwischen weit auseinander liegenden Extremen, sondern in vielen Fällen von Tag zu Tag oder von Stunde zu Stunde, je nach den Wolkenbrüchen und Regengüssen, die in ihren Quellgebieten niedergehen. Einmal versagen sie in solcher Weise dem Wanderer in der Sonnenglut den erfrischenden Trunk, und das andere Mal wehren sie ihm gebieterisch jedes Vordringen, den Straßen- und Eisenbahnbauern aber mag bei ihrem Anblick von vornherein der Mut entfallen. Von der Höhe herab bringen sie gewaltige Massen roten Schlammes, sowie zugleich auch groben Gerölles und Schuttes, und aus dem letzteren läßt sich schließen, daß die Hochsierra zu einem großen Teile aus Felsarten zusammengesetzt ist, die älter sind als das Tertiär, was mit den Beobachtungen, welche an den Bergwerken des Cobredistriktes gemacht worden sind, gut übereinstimmt. Namentlich die Hauptkerne des Gebirges in der Gegend des Rico Turquino und bei dem Ojo del Toro sind offenbar archäisch und im wesentlichen aus Diabas, Diorit und Syenit zusammengesetzt. Auch an Porphyren, Doleriten und Basalten scheint es aber nicht zu fehlen und ebensowenig an kretaceischen Schichtgesteinen, so daß das Gebirge westlich von Santiago genetisch in keiner Weise von der Granpiedragruppe getrennt werden kann. Wahrscheinlich bildeten die Hauptteile der Sierra Maestra zusammen mit anderen noch zu erwähnenden Teilen von Cuba und vereint mit Jamaica, sowie mit Haiti und Puertorico nebst den Jungferninseln in der mesozoischen Zeit einen größeren Landraum. Gegen das Ende dieser Zeit und in dem größten Teile der Tertiärzeit wurde derselbe aber bis auf eine Reihe kleiner Reste vom Meere überflutet, und erst im späten Tertiär tauchte die Insel in der bereits berührten Weise wieder aus den Wellen empor, im allgemeinen viel breiter als heute, und vorübergehend nochmals mit den anderen Großen Antillen verbunden. Die Einzelheiten darüber bedürfen aber noch der Feststellung, und bei der weiteren Erforschung der Sierra wäre es recht wohl möglich, daß man daselbst noch auf verschiedene Mineralschätze stieße.