An der Nordseite löst sich die Sierra in verhältnismäßig sanfter allgemeiner Abdachung allmählich in einzelne Züge und Gruppen von Brotlaib- und Tafelbergen auf, zwischen denen die tief eingeschnittenen Thäler der Quell- und Zuflüsse des Rio Cauto liegen. Die namhaftesten derselben sind die Lomas von Palma Soriano und Santa Rita am Cauto selbst, die Lomas von La Guira und Las Piedras am Rio Contramaestre und die Lomas von Horneros, Jiguë und Yagua am Rio Cautillo. Tertiärkalk ist auch hier das verbreitetste Gestein, an vielen Orten, namentlich aber im Quellgebiete des Cautillo, finden sich große Höhlen (die Cuevas de Torrelado), und der allgemeine Charakter der Landschaftsformen ist Schroffheit und wilde Zerklüftung — die Wirkung einer gewaltigen tropischen Erosion seit den jungtertiären Zeiten, die in der Regenzeit von Tag zu Tag noch weitere große Fortschritte macht.
Abb. 48. Cubanische Landleute.
Das Pflanzenkleid der Sierra Maestra ist nach seiner genaueren Zusammensetzung und Verbreitung wissenschaftlich noch ebensowenig bekannt wie das Gestein, man weiß aber, daß namentlich Kiefern und Farnbäume stark in ihr vertreten sind, und daß ihre reichen Bestände der mehrfach genannten tropischen Nutzhölzer an den meisten Orten noch vollkommen unberührt geblieben sind. Die schwere Zugänglichkeit des Gebirges sowie von dem Lande her macht wenigstens letzteres begreiflich.
Abb. 49. Eine Volante.
Menschenarmut des Gebirges.
Von Menschen bewohnt war die Sierra zu keiner Zeit, und auch die Indianer suchten in ihren Schluchten und Thälern, die ohne Aufhören von Wolkenbrüchen, Überflutungen, Stürmen, Erdbeben und Bergrutschen heimgesucht werden, immer nur ihre letzte Zuflucht. Die entlaufenen Negersklaven späterer Tage, sowie auch die schwarzen und weißen Räuberbanden, die die Sierragegend jederzeit unsicher gemacht haben, und in den Zeiten des Aufruhrs die Insurgenten, fanden inmitten der niedrigeren und wirtlicheren Lomas weiter nördlich allerwärts Verstecke, die ihren Verfolgern zur Genüge unnahbar waren. Pflanzungskultur, vor allem Tabak- und Kaffeekultur, ist in größerem Maßstabe nur in die nördlichen Thalgegenden eingedrungen, und zu einem beträchtlichen Teile ist ihr Aufschwung auch hier aus Haiti vertriebenen Franzosen zu verdanken. An dem Südhange ist lediglich auf einige zerstreute Hütten (Ranchos), von denen etwas Viehzucht betrieben wird ([Abb. 47]), sowie auf eine Ochsenschlachtstätte (Asserardero) und zwei oder drei Tabakvegas hinzuweisen. Als Verkehrsstraßen von einem Hange zum anderen mußten aber bislang auch selbst in der Nähe von Santiago und Kap Cruz beschwerliche Reit- und Fußwege genügen, und die mittlere Hochsierra ist gänzlich pfadlos. Der weitaus vorwiegende Teil der eigentlichen Gebirgsbevölkerung besteht aber selbstverständlich aus Mulatten und Negern. Fremde durfte das Gebirge in solcher Weise sicherlich von dem Eindringen abschrecken, und einheimische Cubaner fühlten sich um so weniger dazu berufen, als ihre geistigen Führer — die Priester — sie zum Ersteigen von Bergen, die höher emporragen als der Wallfahrtsberg von Cobre, in keiner Weise anspornen.