Mächtige Sandbänke, darunter vor allem der ungeheure Bajo de Buena Esperanza, lagern sich dem Seefahrer in den Weg, und die meisten derselben sind mit jungen, gutenteils noch von Leben erfüllten Korallenbauten besetzt und umsäumt, die vielfach hart an die Meeresoberfläche treffen und an denen die See mehr oder minder stark brandet. Endlos folgen einander daneben niedere Inselchen aus fossilem Korallenkalk und Sand, die in der Regel kaum meterhoch, oft genug auch kaum zollhoch über den Flutenstand des Meeresspiegels emporragen, und über die jede stärkere Sturmwoge hoch hinweg schlägt, so daß eine andere Vegetation als Mangrovegebüsch und ein anderes Tierleben als Vogelleben nicht auf ihnen denkbar ist. Es sind dies die sogenannten Cayos oder Keys, die Cuba als eine Art kleiner Trabanten rings umschwärmen, und deren Zahl allein auf der kaum 300 km langen Strecke zwischen Kap Cruz und der Agabamamündung mehr als tausend betragen mag. Jeder einzelne davon gewährt, vom Schiffe aus betrachtet, ein überaus reizendes und freundliches, ja vielfach ein bezauberndes Bild, aber einer gleicht in seinem Gepräge genau dem anderen, und nur die Ausdehnung wechselt zwischen einem Hektar oder Ar und gegen 50 qkm ([Abb. 42]). Der Schiffer sieht sich bei ihnen vergeblich nach Merkzeichen um, die ihm den rechten Kurs einhalten helfen, und nur eine kleine Zahl, die ein paar Meter höher emporsteigt und außer Mangroven einige Fächerpalmen oder einem Ceibabaume (Eriodendron anfractuosum) die erforderlichen Daseinsbedingungen bietet, macht in dieser Regel eine Ausnahme. Besonders winzig sind die Inselchen auf dem ersten Dritteile der Strecke, an der Bucht von Guacanayabo, sie sondern sich daselbst aber gut in einzelnen Gruppen, zwischen denen verhältnismäßig breite und tiefe Durchfahrten liegen — der Balandraskanal, östlich von der Buena-Esperanza-Bank, und der Barcoskanal sowie der Quatro-Reales-Kanal, der Pitajayakanal und der Levizakanal, westlich davon. In dem mittleren Teile der Strecke dagegen, dort, wo die Landschaft des Camaguey sich weit gegen Südwest ausbaucht und ihre bedeutendste Breite (110 km) erreicht, sind die Keys etwas größer, ihr regelloses Durcheinander ist aber hier ein völlig verwirrendes, und die alten spanischen Seefahrer haben die Zusammenscharung an der fraglichen Strecke mit sehr triftigem Grunde das Zwölfmeilenlabyrinth — Laberinto de Doce Leguas — benannt. Weiter westlich folgen dann die drei größten Keys der ganzen Flur (Cayo Caballones, C. Piedra und C. Grande), an deren Seiten die Caballones- und Boca-Grande-Durchfahrt den Fahrzeugen von der hohen See her offen stehen, und endlich streckt sich die große Bank des Cayo Breton, auf der sich zahllose Schildkröten und Fische zwischen den Riffen tummeln, 55 km weit gegen Nordwest bis in die Nähe der Hauptinsel.
Abb. 53. Vorstädtisches Cienfuegos nebst Bai und Tafellandumgebung.
Abb. 54. Uferlandschaft des Rio Damuji.
Südlich stößt an die beschriebene Korallen- und Inselflur, die wir nach ihrer Hauptgruppe Laberintoflur nennen, ein ungeheuer tiefes Meer, und 10 km von dem Cayo Grande werden bereits 2800 m gelotet, die Verhältnisse liegen also nach dieser Richtung hin genau wie bei der Sierra Maestra. Auf ihrer Nordseite hingegen schließt die Flur mit ihren äußeren Gliedern ein seichtes cubanisches Randmeer ab, das man füglich von dem weißen Korallenschlammgrunde, der auf weiten Strecken seltsam durch das Wasser hindurch leuchtet, als cubanische Weißsee oder besser vielleicht noch der Lage nach als Camagueysee von dem offenen Karibenmeere unterscheiden könnte. Als Golf von Jucaro weit gegen Nordost ausgreifend, schnürt dieses Randmeer den Körper Cubas nochmals isthmusartig (auf 65 km) zusammen, und die Landschaft des Camaguey sowie der ganze cubanische „Oriente“ findet daselbst seine natürliche Westbegrenzung in ganz ähnlicher Weise wie bei Jobabo seine Ostbegrenzung.
Daß die Südküste des Camaguey außerordentlich schwer und nur unter mannigfaltigen Fährlichkeiten zugänglich ist, ist aus dem Gesagten klar genug, und wenn man erwägt, daß die Seekarten von der Gegend bis auf den heutigen Tag äußerst ungenau geblieben sind, daß zahlreiche Inselchen und Riffe darauf gänzlich fehlen, und daß man an eine Ausstattung der Flur mit Leuchttürmen und Tonnen bisher nicht gedacht hat, so steht man wohl schwerlich an, das Camaguey nach dieser Seite hin als ein ziemlich streng verschlossenes Land zu bezeichnen. In ihrer Längserstreckung bietet die Camagueysee den Schiffen in der Küstennähe ein verhältnismäßig offenes und tiefes Fahrwasser, und bei genügender Vorsicht in der Gegend des Laberinto de Doce Leguas können Schiffe von mäßigem Tiefgange (5 m) darin bequem zwischen Manzanillo und Casilda hin und her fahren. Das betreffende Fahrwasser ist zugleich auch durch den wirksamen Schutz, den die Koralleninseln und Riffe gewähren, im allgemeinen ein außerordentlich ruhiges und glattes, und gerade in der Camagueysee gedenkt man unwillkürlich des Kolumbischen „allezeit sanft wie der Strom von Sevilla.“
Abb. 55. Hafenstadtteil von Cienfuegos.