Die Sumpfküste von Camaguey.
Welcher Art ist aber die Küste des Camaguey, die es durch das geschilderte Randmeer zu erreichen gilt? Ohne Unterbrechung und, wie es einem bei der Küstenfahrt bedünken kann, ohne Aufhören dehnt sich von der Gegend von Manzanillo bis in die Gegend von Tunas ein Mangrove-, Binsen- und Waldsumpf (Manglar und Crenaga) aus, der im allgemeinen 10 bis 20 km binnenwärts reicht, der mit zahlreichen Lagunen besetzt und von einem Gewirr von Wasserläufen — den Mündungsarmen der gegen Süd ablaufenden Ströme des Camaguey (Jobabo, Sevilla, Najasa, Sabanilla, San Pedro, Altamira u. s. w.) — durchzogen ist. Es ist dies wieder ein Paradies der Manatis und Krokodile, sowie der Pelikane, Reiher, Enten, Wasserhühner, Moskitos, Garragatos u. s. w., aber ein sehr schlecht geeigneter Boden für irgend welche Ansiedelungen von Kulturmenschen. Während der Regenzeit ist eine trockene Stelle in dieser Sumpfwildnis kaum zu finden, in der Trockenzeit gibt es aber eine Anzahl kleiner Inseln und Sumpfoasen, die genügend von Wasser frei werden, um den Wuchs von Savannengräsern, Bataten, Cassawen und Bananen zuzulassen und dadurch Nahrung für eine Rinderherde, sowie für eine Guajiro- oder Mulattenfamilie darzubieten. Gegen die Fieberdünste der Gegend, sowie gegen die Moskitostiche sind ja die Guajiros und Mulatten gefeit, und an die Beschaffenheit des Trinkwassers stellen dieselben auch keine großen Anforderungen. Die Verschlossenheit des Camaguey gegen das Karibische Meer hin wird aber durch den breiten Gürtel amphibischen Landes noch sehr bedeutend erhöht, und alles in allem kann man dieselbe ohne Bedenken als eine noch viel vollkommenere nennen als bei dem Berglande von Santiago. Zugleich darf man sich auch fragen, ob und wann es wohl einer zukünftigen Verwaltung Cubas gelingen wird, den vorliegenden Naturfehlern abzuhelfen. Ein einziger kleiner Hafenplatz, Santa Cruz del Sur (1000 Einw.), der unfern der durch eine Barre gesperrten Mündung des Rio San Juan de Najasa liegt, und der nur sehr flach gehende Schiffe zuzulassen vermag, muß zur Zeit dem an der Südseite der weiten Landschaft aus- und eingehenden Handel und Verkehre genügen, und lediglich das hohe strategische Interesse, welches der Isthmus von Moron in den Zeiten des Aufstandes in Anspruch nahm, hat daneben an einer ähnlich seichten Reede weiter westlich noch den Truppenlandungsplatz Jucaro ins Dasein gerufen.
Abb. 56. Hauptstraße von Cienfuegos.
Das Eindringen in das innere Land, das von Santa Cruz aus nur auf einer schlechten Landstraße bewirkt werden kann, versuchen wir von der Seite des Karibenmeeres nicht, sondern wir wenden uns vielmehr zu diesem Behufe zurück nach Nuevas Grandes, um daselbst unsere früher abgebrochene Küstenfahrt und Küstenschau am Alten Bahamakanale wieder aufzunehmen. Wir stoßen auch hier alsbald auf eine ausgedehnte Insel- und Korallenflur. Eine beträchtliche Anzahl der Keys, die dieselbe zusammensetzen, erscheint aber im Vergleiche zu denen, die wir an der Südküste kennen gelernt haben, riesengroß; so vor allem der eng an die Hauptinsel angeschmiegte und flache Cayo Sabinal (360 qkm); der hügelige Cayo Guayaba (120 qkm); der langgestreckte größere und kleinere Cayo Romano (480 bezw. 250 qkm); der Cayo Cocos (180 qkm) und der Cayo Turiguano (150 qkm), der letztere wieder dicht an der Hauptinsel liegend, und die Kette der Riesenkeys an dem Isthmus von Moron schließend. Im allgemeinen erheben sich die genannten Keys auch zugleich höher über den Meeresspiegel als die im Süden, und die Hügel des Cayo Guayaba erreichen 30, die „Silla“ des Cayo Romano aber sogar 70 m. Außer Mangroven und Salzteichen, sowie Sanddünen enthalten sie daher auch etwas Mimosen- und Guavengebüsch, kleine Kokospalmen- und Fächerpalmenbestände und ziemlich ausgedehnte Savannen, und es sind daher an verschiedenen Orten Fischerhütten und Viehzuchtgehöfte darauf zu finden. Seewärts von ihnen liegen dann noch zahlreiche kleinere Keys, wie der Cayo Confites, der Cayo Cruz, der Cayo Paredon Grande mit seinem hohen Leuchtturme u. a., vor allem aber begleitet die Kette auf dieser Seite ein ausgedehntes Saumriff von lebenden Korallen, das steil in den ansehnlich tiefen Bahamakanal (auf der fraglichen Strecke 600–2000 m) abstürzt. Die Durchfahrten, welche die genannten großen Keys zwischen sich lassen (die Caravelasdurchfahrt, die Boca Guayaba u. s. w.), sind durch dieses Riff um so gefährlicher, als an demselben für gewöhnlich eine starke Brandung tost, als die Gegend ebenso wie die früher beschriebene, weiter im Osten liegende der strengen Herrschaft des Nordostpassates untersteht und als sehr verwickelte Gezeitenströmungen durch die Kanäle hindurchgehen. Dazu ist der gegen 200 km lange und bis über 20 km breite Meeresraum, der in kleinen Fahrzeugen durch die Kanäle erreicht werden kann und den man füglich als Cayo-Romano-See bezeichnen darf, durchgängig außerordentlich seicht (meist nicht mit 1 m Wasser) und mehrfach durch quer darin liegende Gruppen von kleineren Keys, auch selbst für Küstenfahrer unpassierbar.
Abb. 57. Zuckerrohr-Eisenbahnzug.
Ein schwer zugängliches, zugeschlossenes Land muß man das Camaguey also auch an der Nordseite nennen, und ein breiter Gürtel von Mangrove- und Binsensumpf, der sich auf dem Hauptlande dem Cayo-Romano-See entlang zieht, vervollständigt und verstärkt auch hier das System kulturgeographischer Absperrung.
Nuevitas. Moron.