Sobald wir uns mit unserem Kastendampfer dem westlichen Ausgange der Camagueysee nähern und Jucaro sowie die Jatibonicomündung im Rücken haben, sehen wir in der südcubanischen Küstenscenerie einen abermaligen starken Wechsel eintreten. Der eintönige Mangrovesumpf wird schmaler, es springen aus demselben mehrfach höhere Landrücken und Landspitzen heraus, und im Hintergrunde tauchen in blauer Ferne hohe und malerische Berge auf. Der Seemann ist von hier ab um Landmarken nicht mehr verlegen, und befindet man sich erst auf der Höhe der Mündung des Rio Sasa, so erscheint einem das Gebirge, das daselbst an das Meer tritt, beinahe ebenso stolz und prächtig wie die Sierra Maestra. Thatsächlich soll auch die Loma de Banao, die etwa 15 km von der Küste entfernt ist, nach Esteban Pichardo an die 1700 m aufsteigen, höher also als die Gran Piedra, und eine ganze Anzahl anderer Kuppen, wie die scharf geschnittene Pan de Azucar (Zuckerhut), die Loma del Infierno (Höllenberg) und die Lomas del Purial (Fegefeuerberg), mag wenigstens nahe an 1500 m messen. Durch das tiefe Agabamathal und die davor liegende Mangroveniederung erhält diese Gebirgsgruppe, die man gemeinhin Sierra de Sancti-Spiritus nennt, eine Art Abschluß. Unmittelbar westlich von dem genannten Thale erheben sich aber weitere stattliche und schön geformte Berge bis gegen 1000 m — so vor allen Dingen der Pico de Potrerillo ([Abb. 50]), den Alexander von Humboldt auf 944 m bestimmte, die Cabeza de San Juan (Johanneshaupt) und andere — und diesen Zug, der erst am Rio Arimao endigt, bezeichnet man als Sierra de Trinidad. Der Absturz dieser Gebirge zum Meere ist steil genug, wenn auch nicht so steil wie bei der Sierra Maestra, und nicht ohne die Vermittelung von niedrigeren Vorbergen ([Abb. 51]), die Gipfelformen sind aber beinahe durchgängig gerundete, und an die Zacken und Spitzen der östlichen Sierren fühlt man sich höchstens bei der Ostgruppe erinnert. Hier und da glänzen weiße Flecken von den Höhen herab, die der Unkundige für Firnflecken nehmen kann, die aber in Wirklichkeit nichts anderes sind als kahle Kalkstein-, Quarz- oder Glimmerschieferwände, da Schnee in dieser Gegend auch in 1700 m Höhe niemals fällt. In der Hauptsache aus archäischen und paläozoischen Gesteinen zusammengesetzt, unter anderen auch Gneis, Glimmerschiefer, Quarz und krystallinischem Kalkstein, bildet das Gebirge, das den wenig volkstümlichen Gesamtnamen der Montes de Guamuhaya führt, aller Wahrscheinlichkeit den ältesten Teil der ganzen Insel, der als eine Art Horst ihre erdgeschichtlichen Schicksale seit Beginn der mesozoischen Zeit überdauert hat und der in der Vorzeit zu viel gewaltigeren Höhen emporgeragt haben muß als heute. Die südlichen Vorberge bestehen bis zu einer Höhe von 300 m und vielleicht noch wesentlich höher aus Tertiärkalk, und an ihrem Fuße sind dieselben zum Teil von der niedrigen Klippenwand aus fossilen Korallen begleitet, die wir aus dem Ostteile der Insel zur Genüge kennen. Dem Ostabhange der Sierra de Sancti-Spiritus ist auch noch ein höherer tafelförmiger Unterbau charakteristisch, der als eine der bekannten oberen Terrassenstufen aufgefaßt werden kann, und das Gleiche ist auch gegen die Arimaomündung hin und darüber hinaus zu bemerken. Es hat demnach den Anschein, als ob das alte Gebirgsland auch den Ablagerungen der jüngeren Erdalter als festere Stütze gedient habe, als das Küstenland weiter östlich. Die Verwitterung und das Nagen der Abflußgewässer, die selbstredend auch hier echt tropische und überaus energische sind — man denke nur an die hohe Lösungskraft des warmen, kohlensäuregeschwängerten Wassers, — scheint den größeren Teil des tertiären Stufenbaues freilich auch hier wieder zerstört zu haben. Das sehr tief eingegrabene Agabamathal, welches das Guamuhayagebirge in genau meridionaler Richtung auf einer Strecke von 70 km quer zerschneidet, dürfte im wesentlichen ein sehr altes Erosionsthal sein, und Ähnliches ist wohl auch der Fall mit den Thälern der Sasa und des Arimao (im Oberlaufe Manicaragua genannt) die das Gebirge umgrenzen und inselartig aus seiner Umgebung herausheben, sowie mit den Seitenthälern des Agabamo und Arimao, die von der Sierra de Trinidad gegen Norden hin die Montes de la Siguanea und die Montes de Manicaragua als besondere ostwestlich verlaufende Ketten abgliedern. Die letztgenannten, ungemein zerklüfteten, höhlenreichen und dicht bewaldeten Gebirge waren jederzeit berühmte Horte der Insurgenten sowie in früheren Zeiten Hauptschlupfwinkel der entlaufenen Negersklaven und der Banditen. Wie die betreffenden Ströme an der Zerfeilung des Guamuhayagebirges arbeiten, zeigen namentlich eine große Zahl schöner Wasserfälle, unter denen wir diejenigen des Ay (rechtsseitiger Nebenfluß des Agabama) und des Hanabanilla (linksseitiger Nebenfluß des Arimao) hervorheben, sowie daneben auch verschiedene Flußschwinden (z. B. die Jibacoaschwinde). Im übrigen tragen alle die genannten Thäler, die leider sehr häufig von sehr verheerenden Überschwemmungen heimgesucht werden, im Naturzustande eine herrliche Waldvegetation, und soweit die Kultur an sie vorgedrungen ist, sind die einen (Sasa-, Agabama- und Arimaothal) durch umfangreichen Zuckerbau, die anderen aber (besonders das Manicaraguathal) durch namhaften Tabakbau ausgezeichnet. An den Gehängen gab es dazu namentlich in der Nähe von Trinidad seit langem zahlreiche „Cafetales“, und auf den Höhen blüht allenthalben die Viehzucht. Seine düsterste und kulturärmste Seite kehrt das Gebirge eigentlich dem Meere zu, denn dort schaut aus dem Guaven- und Mimosengebüsch an vielen Orten das gelbbraune, verwetterte und sonnenverbrannte Gestein heraus, und Palmenbestände erheitern den Anblick nur hier und da, besonders gegen den Fluß hin.

Trinidad. Die Berge der Cinco-Villas-Landschaft.


Das Meer hat südwestlich von dem beschriebenen Hauptgebirge der Cinco-Villas-Landschaft eine bedeutende Tiefe (5 km von der Küste der Potrerillogegend über 1000 m), so tief als das Meer südwestlich von der Laberinto-Key-Flur ist es aber bei weitem nicht, und nicht sehr fern von der Küste tauchen daraus verschiedene Bänke (Pazbank, Xaguabank) bis nahe an die Oberfläche — in beachtenswerter Weise eine unterseeische Fortsetzung des äußeren Keygürtels der Laberintoflur andeutend, und eine gewisse Verbindung zwischen dieser Flur und der weiter westlich gelegenen Flur, die wir noch zu betrachten haben werden, herstellend oder aufrecht erhaltend. Vor der Lasa- und Agabamamündung handelt es sich noch um die Camagueysee; dieselbe ist auch hier seicht und von Korallenriffen und Keys sowie durch die Anschwemmungswirkung der Ströme von Schlamm- und Sandbänken erfüllt. Die beiden Ströme sind aber für kleine Fahrzeuge über ihre Mündungsbarre hinweg schiffbar, und westlich von beiden liegen durch Landvorsprünge und Keys gut geschützte Buchten, die wenigstens mittelgroßen Schiffen (bis 3,5 m tiefen) verhältnismäßig leichten Zugang gewähren: die Bucht von Tunas und die Doppelbucht von Casilda-Masio. Die kulturgeographischen Verhältnisse liegen daselbst jedenfalls ungleich günstiger als an der Südküste des Camaguey, und schon in den allerersten Zeiten der spanischen Besiedelung wurde daher von hier aus das Eindringen in die genannten reichen Thäler mit gutem Erfolge versucht, so daß Sancti-Spiritus (18000 Einw.), in einem rechten Seitenthale des Sasaflusses ebenso wie Trinidad (20000 Einw.), am Südwestabhange der nach ihm benannten Bergkette und am für Kähne schiffbaren Rio Guarabo, den ältesten Städten der Insel zuzählen und bereits 1514 gegründet worden sind. Die Entwickelung dieser beiden ersten der „Cinco Villas“ („Fünf Städte“) ist nur durch die Insurrektionskämpfe immer besonders schwer geschädigt worden, und Trinidad hat außerdem in früheren Zeiten von Seeräuber- und Boucaniereinfällen viel zu leiden gehabt. Die kleinen Hafenplätze Tunas und Casilda sind heute vor allem durch Zucker- und Holzausfuhr namhaft und sowohl durch Stromschifffahrt als auch durch Eisenbahnen ihrem Hinterlande verbunden. Weiter westlich, wo die Tiefsee unmittelbar am Gebirgsfuße liegt, greift aber eine viel schönere Meeresbucht in die Cinco-Villas-Landschaft ein, ganz ähnlich, wenn auch mit anderer nordwestlicher Hauptachsenrichtung, wie die Buchten von Santiago und Guantanamo, und der letzteren auch durch ihre gewaltige Größe sowie durch ihre Spätlingsrolle in der cubanischen Kulturgeschichte vergleichbar: die Bucht von Xagua oder Cienfuegos. Die hohen Zinnen des Siguanea- und Trinidadgebirges thronen über der Bai nur im fernen westlichen Hintergrunde, gewissermaßen nur als der prächtigste Schmuck ihres Bildes ([Abb. 52]), im übrigen umrahmen ihre weite Wasserfläche die bewaldeten und hier und da mit Landhäusern und Bohios besetzten Abhänge einer mäßig hohen (gegen 40 m) Kalksteintafel ([Abb. 53]), und an der rechten Seite des Arimao sowie zu beiden Seiten des Rio Caunao und des Rio Damuji ([Abb. 54]) breiten sich flachwellige oder völlig ebene Niederungen von hoher Fruchtbarkeit aus, und das ganze Innere ist sowohl zu Lande als auch streckenweise in flachen Booten auf den genannten Strömen bequem erreichbar. Die Bai ist sehr tief (5 bis 10 m) und sicher, ihr Eingang ist aber eng (180 m) und durch Gezeitenströmungen schwierig; der letztere Umstand hat es wohl hauptsächlich verschuldet, daß sie in den Zeiten ausschließlicher Segelschiffahrt nur als Nothafen aufgesucht wurde. Seit den zwanziger Jahren des XIX. Jahrhunderts siedelten aber auch hier zahlreiche französische Pflanzer an, und durch sie sowie durch später hinzugekommene spanische und amerikanische Pflanzer hat sich das Hinterland der Bai sozusagen in ein einziges ungeheures Zuckerrohrfeld verwandelt, die Ingenios der Gegend aber sind hinsichtlich ihrer Ausstattung mit Maschinen sowie hinsichtlich ihrer Förderung die hervorragendsten von ganz Cuba geworden (Caracas von 1895 mit einer Jahresförderung von 45,6 Millionen Centnern Zucker, Constancia mit 29,5 Millionen u. s. w.). In sehr bemerkenswerter Weise ist die Gegend auch von den Verwüstungen der Revolutionskämpfe viel weniger betroffen worden, als andere Gegenden. Die Stadt Cienfuegos (30000 Einw.) aber, die als die jüngste der cubanischen „Fünf Städte“ erst im Jahre 1830 an der Ostseite der Bucht angelegt worden ist und die sich durch ihre Physiognomie mehr als jede andere in Cuba als eine Schöpfung der Neuzeit bekundet ([Abb. 55] und [56]), hat als Zucker- und Melasseausfuhrhafen sowie durch ihre sonstige Handelsblüte ihre beiden älteren Schwestern an der karibischen Seite der Cinco-Villas-Landschaft beträchtlich überflügelt. Als helfende Sammelpunkte der Erzeugnisse des Inneren sowie als Knotenpunkte von den wichtigsten Zuckerrohreisenbahnen ([Abb. 57]), die für die Gegend charakteristisch sind, und von denen manche Ingenios an die 50 km besitzen, seien daneben erwähnt Rodas (2000 Einw.), zugleich an der Eisenbahn nach Cardenas und Habana und am Endpunkte der Damujischiffahrt; Camarones (2500 Einw.), am Caunao; und Palmira (2000 Einw.) sowie Cruces (1500 Einw.), an der Eisenbahn nach Santa Clara und Sagua la Grande.

Abb. 64. Hafenansicht von Habana.

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GRÖSSERES BILD]

Der Sabana-Archipel.