Die cubanische Tabakkammer läßt als wirkliche Vuelta Abajo nur die Gegend zwischen dem Rio Hondo und dem Rio Cuyaguateje gelten und als „halbe Vuelta“ — „Semi-Vuelta“ — die von Artemisa westwärts, während sie den Landstrich unmittelbar südwestlich von Habana als die „Partidos“ (etwa mit „Übergangsland“ zu übersetzen) bezeichnet, und es läßt sich nicht verkennen, daß diese Einteilung der westlichsten cubanischen Landschaft eine gewisse Begründung in den physikalisch-geographischen Verhältnissen hat. Die Partidosgegend kann man ebenso gut Batabanoisthmusgegend nennen, und dieselbe ist in der That ein Mittelding zwischen der regelmäßig gegliederten Stufenlandschaft der Vuelta Abajo und dem wirren Durcheinander von Berg- und Thalformen der Vuelta Arriba, wie sie auch zugleich die Stelle bezeichnet, an der das Endglied des cubanischen Inselkörpers allmählich in seine von der allgemeinen abweichende südwestliche Längsachseneinrichtung einlenkt. Wer sich von der Chorreramündung bei Habana in gerader Linie auf Guanajay zu bewegt, dem wird der Stufenbau allerdings ziemlich klar, denn von der 10–12 m hohen Seborucofläche am Meeresrande geht es da rasch empor auf eine ausgedehnte höhere Fläche von ungefähr 50 m Erhebung und von dieser wieder auf die 200 m hohe Mauer der Sierra de Anafe, die wir vor Mariel vom Meere aus gesehen haben. Die kleinen Lomas um den Ariguanabosee und in dem Rio San Antonio ([Abb. 92]) sind aber denjenigen der Vuelta Arriba durchaus ähnlich, und eine Überraschung bereitet uns eigentlich nur die See selbst sowie sein ebengenannter Abfluß. Bis 10 m tief, nahe an 10 km lang, 2,5 km breit und von etwa 15 qkm Flächengehalt, hat derselbe in dem Innern von Cuba nirgends ein ebenbürtiges Seitenstück, und höchstens könnte man von einer Anzahl viel kleinerer Wasserkörper in dem Hügellande der Vuelta Arriba und in der Cinco-Villas-Landschaft behaupten, daß sie denselben Familiencharakter tragen; so etwa von der Laguna de Coabillas, südwestlich von Colon. Dagegen liegen ähnlich ausgedehnte Lagunen allerdings hier und da in der Küstennähe, vor allem in der Cienaga de Zapata (die große Laguna de Tesoro, nördlich von der Cochinosbai), und in dem äußersten Südwesten von der Vuelta Abajo (die Laguna Siguanea, Laguna Jovero und andere). Ebenso merkwürdig als naturästhetisch reizvoll ist an dem Ariguanabosee seine Gliederung durch von Nord und Süd vorspringende Halbinseln und Landspitzen sowie durch kleine Hügelinseln dergestalt, daß er aus mehreren ostwestlich aneinander gereihten Einzelbecken zusammengesetzt zu sein scheint. Noch merkwürdiger und interessanter ist es aber, daß er mit einem Systeme unterirdischer Flußläufe und Höhlengänge in Verbindung steht. Die Größe sowie die Schwankungen seines Wasservolumens lassen sich aus den oberflächlich einströmenden kleinen Bächen nicht begreifen und ebenso wenig auch das Wasservolumen des Rio San Antonio, der ihm an der Ostseite entströmt und der eine kleine Strecke unterhalb der Stadt San Antonio de los Baños plötzlich unter einem großen Ceibabaume spurlos verschwindet. Übrigens steht dieser Fluß mit seiner Schwinde in der Gegend keineswegs allein, sondern ähnlich wie er verliert sich auch der Rio de Guanajay, der seine Quellen in der höhlenreichen Sierra de Anafe hat, und der den Ariguanabosee im Westen umfließt. Andererseits aber stoßen wir 14–18 km südlich von dem See auf zahlreiche große Höhlen, die teilweise mit Wasser gefüllt sind, wie die Cueva de Agua bei Guira de Melena, und an einfachen Wiesenquellen („ojos de agua“ Wasseraugen) und Naturbrunnen („Pozos“) fehlt es in der Gegend so wenig als anderweit in Cuba. Die Anzeichen, daß der Ariguanabosee gleichwie sein kleinerer Nachbarsee im Norden (die Laguna de la Pastora, die ihm ihren Abfluß zusendet) durch eine Folge von Höhleneinstürzen entstanden sei, sind hiernach sehr starke, wenn nicht geradezu zwingende. Gegenwärtig ist die kleine Doppellagune De la Pastora durch die Sinkstoffe, welche ihre Zuflüsse in der Regenzeit von der Sierra de Anafe herabbringen, in rascher Ausfüllung begriffen, und in einer nahen Zukunft wird dadurch der großen Zahl der cubanischen Roterdeebenen eine neue hinzugefügt worden sein; und ähnlich, obzwar langsamer, schreitet der Ausfüllungsprozeß auch bei dem Ariguanabosee fort, so daß man ihm das gleiche Schicksal voraussagen muß. Bieten die beiden Seen damit aber nicht einen ganz guten Schlüssel zur Lösung des Rätsels, das sich an die fruchtbaren cubanischen Roterdeebenen überhaupt knüpft? Die große Mehrzahl dieser Ebenen, deren tischplattengleiche Oberfläche oft so seltsam mit der unvermittelt daraus auftauchenden Umrandung von Steilhängen und Felswänden kontrastiert, dürfte unserer Meinung nach ebenfalls nicht anders entstanden sein, als durch den Zusammenbruch von Höhlengewölben und durch das Durchgangsstadium einer längeren Wasserbedeckung, in der die ruhige Ablagerung der „terra rossa“ bewirkt wurde. Nicht weniger als an die Roterdeebenen des cubanischen Binnenlandes haben wir aber beim Hinblicke auf den Ariguanabosee an die nierenförmigen Hafenbuchten zurückzudenken, die eine andere gesellige Erscheinung bilden, welche der Insel Cuba in einem hohen Grade charakteristisch ist. Denken wir uns den Ariguanabosee zusammen mit der Laguna de la Pastora nur 8–10 km nordwärts gerückt, dergestalt daß sie dicht am Meere liegen, und lassen wir dann die trennende Schranke aus Korallenkalk, die sie noch von letzterem trennt, durch die dagegen donnernde Brandung oder durch ein Erdbeben oder durch einen allmählichen Senkungsprozeß des ganzen Küstenstriches fallen, so erhalten wir eine weitere nierenförmige Hafenbucht, so schön, als wir sie wünschen können, und an der betreffenden Stelle gleichzeitig eine bedenkliche kulturgeographische Rivalin der Habanabucht.
Abb. 86. Außenhof eines Ingenio.
Eine der berührten Roterdeebenen, die die angegebene Entstehungsgeschichte gehabt haben dürfte, breitet sich südwestlich von der Sierra de Anafe um Guanajay aus. Südlich von dem Ariguanabosee aber verflacht sich die Partidosgegend ganz ähnlich, wie das anstoßende Hügelland von Managua, und bei Guira de Melena und Guanimar ist auch derselbe letzte Stufenabsatz zur sumpfigen Küstenniederung bemerkbar (mit den bereits erwähnten Höhlenöffnungen) wie dort.
San Antonio.
Als das berühmteste Tabakland der Welt kann die Vuelta Abajo dem Reisenden, der nicht in alle Geheimnisse des fraglichen Wirtschaftszweiges eingeweiht ist, recht wohl schon hier erscheinen, denn die Zahl der Tabakvegas ([Abb. 5] und [93]) ist eine sehr große. Zur Erzeugung des feinsten Krautes ist der Boden aber nicht geeignet, und ebenso bedeutend als der Tabak- ist in der Gegend der Zuckerrohrbau, ja an ihrem Südrande stehen sogar noch eine beträchtliche Zahl von Kaffeepflanzungen in Blüte. Für den Hauptort der Gegend, San Antonio de los Baños (8000 Einw., [Abb. 94]), spielen außer ihren berühmten Heilquellen die beiden letzteren Kulturen die Hauptrolle, für die Stadt Guanajay (6000 Einw., [Abb. 95]) dagegen neben dem Zuckerrohr- in sehr hervorragender Weise der Tabakbau. Die schönsten Kaffeegärten aber finden sich von alters her bei Alquizar und Guira de Melena, und alle diese Orte sowie auch der beliebte Sommerfrischen- und Seebadeort Marianao (10000 Einw.) sind mit Habana durch Eisenbahnen sowie durch verhältnismäßig gute Landstraßen verbunden.
Sierra de los Organos.
Westlich von Guanajay und Artemisa stoßen wir dann auf die höchsten Stufen des großen Treppenbaues, den die Vuelta-Abajo-Landschaft darstellt — auf die durch die Züge des Insurgentenführers Maceo berühmt gewordenen Rubihügel (etwa 200 m), die Lomas de Cuzco (450 m), den Monte Pelado (406 m), die Sierra del Rosario, die Sierra de Cacarajicara (etwa 600 m) und die mächtige Tafelbergmasse des Pan de Guajabon (795 m), in der das Ganze gipfelt, und mit der es gegen West wieder zu Stufen von geringerer Erhebung abfällt. Hier breiten sich unersteigliche Wände, wilde Klüfte, schöne Wasserfälle (der Rosariofall) und große Höhlen (von Seiba, Sumidero u. s. w.) in großer Zahl, und man sieht dabei ein, daß auch hier die meteorodynamischen Agentien, oder wenn man will, die tropischen Berg- und Luftgeister, gar viel von der ursprünglichen Gestalt der Landschaft zerstört und beseitigt haben. Der ganze Bau überschaut sich infolgedessen auch von innen heraus bei weitem nicht so bequem, als von dem Dampfer auf hoher See aus. Gegen Norden fällt das Gebirge, das wir mit dem in Deutschland üblich gewordenen Gesamtnamen der Sierra de los Organos (Orgelgebirge) bezeichnen, in der Gestalt steilhängiger Lomas ziemlich rasch zu einer schmalen Küstenniederung und mit dieser zur tiefen See (20 km nördlich vom Pan de Guajabon, 1000 m) ab. Eine breitere Zone von Lomas und ein sanfteres allgemeines Gehänge begleitet die hohen Sierras dagegen im Süden, und erst südlich von der großen Heerstraße, die von Artemisa noch San Cristobal (als „Fahrstraße erster Ordnung“ — „Carretera de primer orden“) führt und von da als bloßer „Camino Central“ weiter nach Pinar del Rio und Guanes, tritt eine vollständige Verflachung zum schwachwelligen Tieflande und zur sumpfigen Küstenniederung ein. Das höhere Bergland ([Abb. 96]) trägt in dieser Gegend noch sehr allgemein sein ursprüngliches Weltkleid, und vor allen Dingen besteht dasselbe aus Pinal oder Pinar (Kiefernwald), von dem die politische Westprovinz Cubas ihren Namen führt, daneben hat aber der Palmar (Königspalmenwald) seine hervorragende Stelle so gut wie in den anderen Landschaften, und ebensowenig fehlt es an Coabas (Mahagonibäumen), Cedros (Cedrelen), Ceibas (Baumwollbäumen), Ebanos (Sideroxylon), Guavengesträuch u. s. w. Bei der Unzugänglichkeit des höheren Gebirges und der Reproduktionskraft der Tropennatur ist vielleicht auch nicht sehr zu fürchten, daß die etwa in einer nahen Zukunft vordringenden amerikanischen Terpentinsammler und Holzschläger dieselben furchtbaren Verwüstungen in diesen schönen Wäldern anrichten werden wie in ihrem eigenen Lande. Der Tabakbau hat sich an den Hängen und in den Thälern der südlichen Lomas eine wichtige Stelle erobert, und zu gewissen Zwecken wird das daselbst erzeugte Blatt hoch geschätzt, einen großartigen Umfang hat die Kultur aber seit alten Zeiten auf dem sandigen Lehmboden der Niederung zwischen Artemisa und Paso Real, behufs Gewinnung des schwersten und kräftigsten cubanischen Krautes. Der Zuckerrohrbau ist nur in der nördlichen Niederung zwischen Cabañas und Bahia Honda sehr namhaft, der Kaffeebau aber in der südlichen Niederung bei Candelaria. Die Viehzucht ist sowohl im Gebirge als auch im Tieflande schwach entwickelt, und nur in der Savannengegend südlich von Artemisa ist die Pferdezucht beträchtlich.