[Erzählender Barolonge.]

[Der Betschuana findet seinen zerfleischten Bruder.]

»Und warum hat denn Dein »Bruder« nicht alle die Löwen erschossen?«—Der Berichterstatter wandte sich nach den nach immer grollend dastehenden Gefährten und dieser, der sich durch die Frage beleidigt hielt, antwortete in der Setschuana mit vor Zorn entstellten Zügen. »Sagte nicht das Kind als es zu mir kam. »Ra« (Vater, Herr), ein Löwe hat Deine Kuh erwürgt? Und so nahm ich eine Kugel mit.« Darauf ergriff er seine Löwenhaut und trug sie von dannen.

Auch Schebor, der später hinzutretende Häuptling, betätigte, daß die Löwen in den Büschen und auf den Höhen an den drei Flüssen Konana, Setlagole und Maretsane »schlimm« (böse) seien und ihm schon so Manchen seines Volkes, so manches seiner Rinder getödtet hätten. Er ermahnte uns, namentlich während der Auffahrt auf die gegenüberliegenden bebuschten Höhen vorsichtig zu sein, da diese ein besonders beliebter Aufenthalt der Löwen seien. Er berichtete mir folgenden traurigen Fall, der sich an diesen Flüssen zugetragen und der mir auch später in Linokana (Stadt der Baharutse) wiedererzählt wurde.

Eine Schaar Eingeborner aus der Nähe von Maraba (Maraba's Stadt) passirte auf ihrem Wege nach den Diamantenfeldern jene Gegend. Diese Menschen, die oft ihre Heimat (z.B. das Makalakaland, von den Diamantenfeldern über 800 englische Meilen entfernt) nur mit einem Assagai und einem Stück Fell ausgerüstet verlassen und sich auf der ganzen langen Strecke bis nach den Diamantenfeldern nur von Wurzeln, wilden Früchten, nur hie und da vom Fleische kleinerer Wildbeute ernähren, bieten häufig dem Reisenden, der mit ihnen auf seiner Wanderung nach Norden zusammentrifft, einen Anblick, der den Hartherzigen erweichen müßte. Es sind förmlich zu Skeletten abgemagerte, oft tagelang hungernde Gestalten, die ihres Weges dahinschleichen und die den Hunger dadurch bekämpfen, daß sie die Leibriemen, die meist neben dem Stückchen Fell ihre einzige Bekleidung bilden, fester zusammenziehen. Eine solche Schaar war auf ihrem Marsche bis an den benachbarten Setlagolefluß gekommen. Wie gewöhnlich folgte Einer dem Andern auf dem von den Eingebornen dieser Gegend benützten Pfade. Der Kräftigste, noch Ungebeugteste, übernahm die Führung, die Schwächeren blieben zurück, der schwächste, oder ein Kranker sich selbst überlassen, gewöhnlich als letzter weit hinter seinen Genossen. Bei dieser Schaar befanden sich zwei Brüder, von denen der eine seit acht Tagen schon der »letzte« war. Am Ufer des Setlagole angekommen, wollte sich die Schaar etwas ausruhen und fahndete nach rübenartig geformten Knollen, die auf Kohlenfeuer gebraten, den ersehnten Nachtimbiß liefern sollten. Das Ufer des Flusses erwies sich an solchen so ergiebig, daß man hier zu übernachten beschloß. Der gewöhnliche Kreis schloß sich jedoch diesen Abend nicht vollkommen—einer der dunklen Männer fehlte. Sie sahen sich gegenseitig an, worauf Einer, des Vermißten leiblicher Bruder, aufstand, seine und des Bruders Knollen in sein kleines Fell nahm, das er sich von der Schulter zog, den Assagai ergriff und seinen Bruder suchen ging. Die Uebrigen setzten sich näher zum Feuer, schlossen den Kreis, verzehrten ihren Imbiß und nachdem sie mehrere Feuer errichtet, legten sie sich zwischen diese und ein Gebüsch zur wohlverdienten Ruhe.

Der kranke, durch Hunger geschwächte, von wunden Füßen gequälte Betschuana (ein Batloka) mußte häufig ausruhen und so war er vom rechten Pfade abgekommen und einem gefolgt, der in einen felsigen, durch zahllose Kareebäume und Büsche zu einem stellenweisen Dickicht umgewandelten und unter den Eingebornen als Löwenhöhle notorisch bekannten Thalstrich führte. Unter einer blühenden, schattigen Mimose ausruhend, wurde der Arme durch einen plötzlichen Sprung von einem dem ganzen Schwarm seiner Freunde und ihm unbemerkt folgenden Löwen niedergeworfen und im nächsten Momente auch getödtet.

Sein Bruder geht den Pfad zurück, läuft im Grase, um desto deutlicher die Stelle zu erkennen, an der die Fußspuren den Pfad verlassen, er findet die Stelle und den Irrpfad, den der Kranke eingeschlagen, doch er sieht auch schon des Löwen Spur im Sande. Statt umzukehren und die Hilfe der Genossen anzusprechen, eilt er vorwärts—er hat ja eine Waffe, doch was ist diese Waffe in der Hand eines Halbverhungerten gegen einen Löwen, der schon warmes Menschenfleisch genossen und Blut gerochen? So kommt er zu der Stelle wo der Bruder ohne Gegenwehr von dem Löwen getödtet wurde, des Bruders Stock liegt auf der Erde—die Leiche selbst mußte von dem Löwen fortgeschleppt worden sein—er blickt herum, geht einige Schritte—dort des Bruders aus Stroh geflochtener Hut und sein Kürbißgefäß, er springt näher, um einen Baum herum—unter diesem liegt die halbbenagte Leiche des Gesuchten. Ein Schrei dringt durch die Stille des Abends am Setlagole-Ufer. Aber auch der Löwe, der den Ankömmling schon lange bemerkt, hatte sich hinter ein nahes Gebüsch in Hinterhalt gelegt und sein zweites Opfer in dem Momente erfaßt, als es sich über den zerfleischten Körper seines Bruders zu werfen im Begriffe war.

Am folgenden Morgen als die Batloka's aufwachten und sich zur Weiterreise rüsteten, vermißte man die beiden Brüder. Nichts Gutes ahnend, liefen erst einige zu einem, am anderen Ufer einige hundert Schritte abseits liegenden Barolongen-Gehöfte, um sich Hilfe, d.h. Männer mit Gewehren zu erbitten, die man ihnen auch bereitwilligst mitgab. Man folgte dem Pfade, fand die Löwenspur theilweise von den Fußspuren des zweiten Bruders verwischt und endlich beide Leichen; die Leute konnten auch deutlich wahrnehmen, daß das Raubthier erst vor sehr kurzer Zeit, wahrscheinlich vor den lärmenden Menschen zurückweichend, den Ort verlassen haben mußte. Man nahm nun seine Spur auf und folgte ihr 500 Schritte weit längs des Flußufers. Bei einer Biegung glaubten einige in den Vaalbüschen einen gelbschimmernden Gegenstand zu sehen, riefen die Uebrigen herbei und obgleich man den Gegenstand nicht für einen Löwen hielt, schlugen sämmtliche Schützen auf das kleine Gebüsch, respective das gelb durchscheinende Object an und drückten los. Das Erstaunen aber war groß, als sie einen ausgewachsen, männlichen, von sechs Kugeln durchbohrten Löwen todt im Gebüsche vorfanden.[[1]]