[1] Siehe [Anhang 16].

Drei Meilen von Konana auf dem gegenüberliegenden Abhange (nachdem wir den zur Zeit unseres Besuches bis auf einige Lachen trockenen Fluß durchschritten hatten) wählten wir uns einen Lagerplatz aus und trafen alle nöthigen Vorkehrungen, um etwaigen Ueberraschungen von Seite der Löwen vorzubeugen. Am nächsten Morgen—es war ein wahrhaft lieblicher, klarer Morgen—drangen die goldenen Strahlen warm durch die Zweige über uns und ermunterten die in diesen Zweigen sich tummelnde gefiederte Welt zur Eröffnung ihres Concertes. Namentlich zahlreich waren Würgerarten, kleinere Singvögel und Tockus plavirostris (Tukans) vertreten.—Die Fahrt ging sehr langsam von statten, da wir den Zugthieren oft einige Rast gönnen mußten und die dichtbebuschte Strecke nur vorsichtig durchfahren werden konnte. Ohne eines der königlichen Thiere auch nur ansichtig zu werden, traten wir nach einigen Stunden aus der bebuschten Partie des Weges heraus. Unvergeßlich wird mir und meinen Gefährten der Ausblick auf die Gegend bleiben, der sich uns nun darbot, als wir einen freien Ueberblick über die sich vor uns ausbreitende Hochebene gewannen. Tage wie der 26. November 1873 werden mir, als Jagdfreund, doch in höherem Grade als Beobachter des freien Thierlebens, mein ganzes Leben hindurch in frischem, unvergeßlichem Angedenken bleiben und mich manche bittere Erfahrung vollkommen vergessen lassen, sie mögen auch dem geehrten Leser meine Sehnsucht, nach jenen Gefilden zurückzukehren, begreiflich erscheinen lassen.

Auf die Höhe des Plateaus gelangt, sahen wir eine etwa 20 Meilen lange, von Süden nach Norden sich hinziehende, nach Osten von einigen Mimosengehölzen begrenzte und hier durch freie Zwischenräume mit einer nachbarlichen zusammenhängende, 6-7 englische Meilen breite Grasebene. Dieser mit zahllosen röthlichbraunen, niedrigen Termitenhügeln bedeckte und von frischem, kurz zuvor aufgesproßtem und nur stellenweise, wie in der Nähe der Wassertümpel, aus hohem Gras gebildete, dunkelgrüne Teppich war durch Tausende von Thieren aller Gattungen belebt. Dunkelbraun und schwarz, rothbraun und hellbraun, gelblich und gescheckt waren die Farben der Roben, mit denen Mutter Natur die hier versammelte Gesellschaft bekleidet hatte. Es waren meist schwarze und gestreifte Gnu's, Bläßböcke und Hartebeest-Antilopen, Springbockgazellen und Zebra's (Quagga's). Die einen grasend, die andern einander neckend und spielend, dort eine Heerde Gnu's eines hinter dem andern wie in tiefes Nachdenken versunken gemächlich dahinschreitend. In ähnlicher Weise grasten mehrere Bläßbockheerden, während eine uns zunächst stehende, etwa 150 Thiere starke Zebraheerde, sich in weitem Bogen langsam nach dem Süden zu bewegte. Zahllose Hartebeeste weideten in kleineren Heerden und, wie immer, näher an den Gebüschen, schwarze Gnu's in Rudeln von 10-80 Stück über die ganze Ebene zerstreut, während es zwischen ihnen und den Zebra's, ja überall, wohin man auch sehen mochte, von Springbockgazellen wimmelte. Eine artenreiche Vogelwelt brachte in dieses reizende Bild erhöhte Bewegung. Vor Allem waren es die großen Trappen Eupedotis Kaffra und Kori zwei der schon oft erwähnten Zwergtrappen, Chenalopes, Enten, Kibitze, Ibise, Kraniche, Fischreiher, Regenpfeifer und viele andere, welche durch ihr buntes Gefieder und ihre schlanken Gestalten, durch ihren meist nahe über den Boden dahinstreichenden Flug und durch ihr in allen Modulationen ertönendes Gepfeife und Geschnatter in die Augen sprangen.

Obwohl ich auf der ersten Reise so manche Scene südafrikanischen Thierlebens gesehen, dieses Bild auf dem zwischen der von mir Jungmanns-Pfanne benannten Salzpfanne und dem Konanaflüßchen gelegenen Hochplateau übertraf die kühnste Phantasie, es mußte selbst den Gleichgiltigsten zum Naturfreunde machen. Nachdem wir uns—unsere armen, müden Zugthiere völlig vergessend—wohl eine Stunde lang an diesem Anblick geweidet hatten, beriethen wir uns über die Wahl eines geeigneten Lagerplatzes. Der eben genossene Anblick hatte in mir den Entschluß gereift, hier einige Tage zu verweilen.

Diese Ebene reicht mit anderen zusammenhängenden bis gegen den oberen Hart-River nach Osten, bis zum Maretsane-Fluß nach Norden und bis gegen Mamusa nach Süden, bedeckt einen riesigen Flächenraum und gehört zum größten Theile zum Gebiete des Königs Montsua. Sie hat keinen merklichen Abfall, kaum hinreichend, daß das überschüssige Regenwasser mit Ausnahme der unmittelbaren Uferpartien einen Abfluß nach dem Hart-River, dem Maretsane, Konana und Mokara findet, daher treffen wir auf derselben zahlreiche größere und kleinere Salzseen und eine Unmasse seichter Vertiefungen, die zur Regenzeit durch Wasserlachen gefüllt sind. Diese Salzpfannen scheinen zum Gedeihen des Wildes wesentlich beizutragen.

Eine solche Vertiefung, etwa drei Meilen von der Stelle, wo wir standen, wurde zum Lagerplatze auserwählt. Als wir mit unserem Wagen durch die Ebene zogen, waren es zuerst die Zebra's und die Bläßbockantilopen, welche die Flucht ergriffen; einige der zahlreicheren Heerden, wie die Zebra's, jagten gegen eines der Gehölze, um durch eine der vielen Lichtungen in demselben auf die nächste Ebene zu flüchten.

Am Nachmittag machte ich mit E. und B. einen Ausflug in südlicher Richtung, wobei wir Gelegenheit hatten, die Gnu's ziemlich nahe beobachten zu können, einige der Thiere blieben ohne Scheu stehen, andere rannten südwärts, als wir auf der Rückkehr etwas näher an das eine Gehölz herantraten, setzten sich sämmtliche Thiere—eine wenigstens 300 Stück zählende Gnuheerde—eine hohe Staubwolke aufwirbelnd, in Bewegung und wandten sich an uns vorbei nach Süden (windabwärts). Das interessante Schauspiel wiederholte sich auch am folgenden Morgen und war durch eine nicht weniger anziehende Fata Morgana noch erhöht, welche die einzelnen Thiere riesig gestaltete und die hüpfende Bewegung ihres Laufes in den über dem fernen Horizonte liegenden Luftschichten widerspiegelte.

Am folgenden Abend beschlossen wir an einem der zahlreichen, von den Regenlachen gebildeten, seichten Löcher auf den Anstand auszugehen. Deutlich konnten wir das Brummen der Gnu-Stiere hören, die ihre Heerden nach den Lachen zur Tränke führten. Am Morgen versuchten wir im südlichen Theile der Ebene eine Treibjagd, doch ohne Erfolg. F. und Pit hatten eine falsche Richtung eingeschlagen, und das Wild benützte eine entstandene, etwa 360 Schritte breite Lücke, um durchzujagen.

Zum Wagen zurückgekehrt fanden wir einige Barolongen, die von Konana kamen und auf eines der Mimosengehölze lossteuerten, in dem schon ihre Gefährten bei der beabsichtigten Treibjagd harrten. Sie trugen uns ihre Hilfe an, von der ich jedoch keinen Gebrauch machte, da ich weniger der Jagd als vielmehr der Beobachtung der Wildspecies obliegen wollte. Endlich kam der Abend und mit ihm eine Nacht, die mir ebenso unvergeßlich bleiben wird, wie der vorhergehende Tag, unstreitig die schlimmste Nacht in der ersten Hälfte meiner zweiten Reise. Bei Anbruch der Nacht war ich mit Boly ausgegangen, wir hielten uns nahe an unserem Bestimmungsorte und Jeder von uns suchte es sich in dem engen Erdloche so bequem wie möglich zu machen. Da ich mich kriechend einer Lache genähert, gelang es mir, meinen Platz einzunehmen, ohne die Vögel an dem Gewässer aufzuscheuchen. Dieser Vielen vielleicht unscheinbar dünkende Umstand ist aber für den Jäger auf den südafrikanischen Ebenen insoferne wichtig, als die aufgescheuchte Vogelwelt solch ein Zetergeschrei erhebt, daß das Wild, auf eine nahende Gefahr aufmerksam gemacht wird und dann die gewöhnlichen Pfade meidet.