Diese ausgedehnten Hochflächen sind aber besonders durch die in großen Rudeln auftretenden, gefürchtetsten aller südafrikanischen Raubthiere verrufen. Von Gestalt zwischen Proteles und Hyäne, ist dieses Thier der grimmigste Feind aller Viehheerden, vor ihm warnte mich sowohl Herr Martin als König Montsua selbst. »Du darfst nie,« meinte Montsua, »Deine Ochsen in der Nacht grasen, nie sie allein ohne Aufsicht am Tage weiden lassen, sonst wirst Du nur wenige mehr nach Molopolole bringen.« Jenes Raubthier ist der wohlbekannte Canis pictus (auch Lycaon pictus oder venaticus, in Süd-Afrika als »the wild dog« bekannt) der zu den räuberischsten, mit einem unauslöschlichen Vernichtungstriebe und einer nicht minder gierigen Freßwuth von der Natur bedachten Geschöpfen der Erde gehört. Von der Größe eines nicht ganz erwachsenen Wolfes, doch schmächtiger, wird dieses Thier großen Säugethieren wie Rindern, Eland-, Hartebeest-Antilopen etc., dadurch gefährlich, daß es nur in Rudeln jagt, niederen Thieren dadurch, daß es, sobald es eines derselben (Ziege, Schaf, Wildschwein) getödtet, sich auf ein zweites und drittes wirft und auf diese Weise unbewachten Heerden die größten Verluste beibringen kann. Die Länder der Eingebornen und die Grenzdistricte der Transvaal-Provinz werden besonders häufig von ihnen heimgesucht.
Dieses Raubthier bewohnt unterirdische Höhlen und jagt in Rudeln in einem bestimmten Districte von seinen Höhlen aus oder über weite Strecken, um sich zur Frühjahrszeit in seinen alten Wohnsitzen einzufinden. Mit hochgehaltener Schnauze sucht es die Witterung aufzunehmen, ist es darin erfolglos, so läuft die Truppe zerstreut, doch nicht weit auseinander, durch das Gras, mit der Schnauze längs dem Boden hinfahrend. Aufgenommene frische Spuren von Wild und Hausthieren (sehr selten Pferden, die für den Canis pictus zu rasch und gefährlich sind) werden sofort verfolgt dann jagt die Meute dicht gedrängt, heulend und kläffend in der Spur, kommt ihnen außerdem die Witterung noch zu Hilfe, so geht ihr Lauf in ein solches Rasen über, daß manche oft gegen Büsche anrennen und über Gestein und Ameisenhügel kollern. Ihrer geringen Größe halber lassen größere Thiere, wie Rinder und Elandantilopen, sie oft nahe kommen, was diesen dann zum Verderben wird. Ja es geschieht sogar zuweilen, daß sich dieselben nicht eher zur Flucht wenden, als bis sie von der Meute angegriffen werden. Während sich nun das eine Rind mit den Hörnern gegen zwei oder drei der Austürmenden kehrt, haben sich deren drei bis vier andere in die Schenkel, ebenso viele in den Bauch verbissen—statt sich nun zu wehren, sucht sich das Thier durch die Flucht zu retten; manchmal gelingt dies und die Rinder kehren mit in den Unterleib gebissenen Löchern heim, doch wenn es stolpert, wenn es am Halse, oder gar an den Nüstern gefaßt wird, wenn ihm die Kniegelenke durchbissen werden und durch die Wunden im Unterleibe, die in der Regel die gefährlichsten werden, die Eingeweide herausfallen oder herausgezerrt werden, ist es verloren und geht nach stundenlanger Qual zu Grunde.
Am 18. zogen wir über das Hochplateau des Banquaketse-Landes. In Folge des vorgeschrittenen Sommers grünte alles um die Wette, ich sah nicht eine trockene Mimose. Die Perle der verschiedenen, dem Auge sich bietenden Felsenscenerien trafen wir an den Naprstekhöhen, mit denen das pittoreske Landschaftsbild auch nach Norden zu seinen Abschluß findet.
Gegen Sonnenuntergang fuhren wir in das mäßig tiefe Thal eines bis auf eine kleine Rinne trockenen Sand-Rivers, Mosupa (Masupa, Moschupa) genannt, der sich mit dem Taung, einem linken Nebenfluß des Notuany vereinigen soll. Das Bett des Flusses wie seine Ufer waren stellenweise mit riesigen Granitblöcken übersäet, welche am linken Ufer gewaltige Platten bildeten, deren ebene, etwas vertiefte, obere Flächen große von der Natur gebildete, seichte Wasserreservoirs zeigten. Einige hundert Schritte zur Rechten macht der Fluß eine plötzliche Wendung nach Nordosten; im inneren Winkel dieses Buges und am linken (nördlichen) Ufer erhebt sich ein grotesker Felsenhügel, welcher mit zwei anderen zusammenhängenden, doch niedrigeren, aus wahren Riesenblöcken bestehenden, abgeflachten Höhenkuppen durch einen Sattel zusammenhängt.
Von dem Hochplateau gegen die Thalsohle herabfahrend, verwehrte uns üppiges Baum- und Buschdickicht den Fernblick und so öffnete sich denn plötzlich vor uns eine der anmuthigsten und schönsten Scenerien. Die glühende Sonnenscheibe berührte den Rand des nahen, bebuschten Hochplateaus, aus dem sich der Masupa-River den Weg nach Osten bahnt. Die ganze Fülle der Strahlen ergoß sich in das Thal und auf die ihm zugekehrten Seiten der Höhen. Während es ihnen ob der tiefen Lage des Flußbettes, aus dem nur hie und da der weißliche Sand und die hellen Felsenblöcke undeutlich herausschimmerten, nicht möglich war, in diese Mulde zu dringen, beschienen sie hell die riesigen Felsenplatten und Massen aufgetürmter Felsenblöcke am linken, jenseitigen Ufer, aus denen an verschiedenen Stellen die erleuchteten Oberflächen der klaren, natürlichen Felsencisternen nach allen Seiten riesigen Diamanten gleich funkelten. Hob sich der Blick nach den Höhen im Norden und Nordosten (den nahen Naprstekhöhen) so erschienen die schroffen und abschüssigen, die abgerundeten und abgeflachten Felsenblöcke derselben überall da, wo sie nicht eine schattige Sykomore oder anderes, helleres oder dunkleres Grün von Bäumen oder Sträuchern deckte, wie durch innere Hitze erglühend und der Reflex dieses Purpurlichtes, sowie die unmittelbar auf das Laub der Bäume fallenden Strahlen des untergehenden Sonnenlichtes hüllten die dem Westen zugekehrten Kronen in ein goldenes Gewand, welches bei der Bewegung der Aeste, Zweiglein und Blätter, zu flimmern schien. Von den so herrlich beleuchteten Punkten der vor unseren Blicken sich ausbreitenden Scenerie vollkommen gefesselt, hatte unser Auge die weniger beleuchteten Partien, wie z.B. jenen freien geschützten Raum am Fuße der Höhen zwischen den nördlichen und den am jenseitigen Ufer sich erhebenden Felsenmassen nicht gesehen. Doch als nun das goldene Gestirn untergegangen war, als der Purpurglanz an den Höhen und den vorragenden Erhebungen und Felsenformen im Thale erbleicht war und eine gleichmäßigere Vertheilung des Lichtes platzgriff, fiel uns jene oberwähnte, anfangs nicht beachtete Strecke am südlichen Fuße der Höhen, jener zwischen denselben von pittoresken und belaubten Felsenmauern umschlossene Raum auf.
Hatten wir mehrere zufällig hingeblickt, oder war es die erwähnte gleichmäßige Lichtvertheilung, welche die Netzhaut unseres Auges in gleicher Weise afficirte, genug, E., ich und Pit der Griqua stießen unwillkürlich einen Ruf der Ueberraschung aus. Was hatten wir erblickt? War das ein Kirchhof—doch nein, wir sind ja im Centrum Süd-Afrika's unter Wilden. Ruinen sind es, Ruinen einer mit einer niedrigen Felsenmauer umgebenen Stadt. Der von Montsua uns mitgegebene Führer wußte uns darüber folgendes zu berichten: Diese Eingebornenstadt war bis in die letzten Jahre hin von einem Banquaketsestamm (Zweigstamm) bewohnt. Der Sohn des Häuptlings Mosilili, mit Namen Pilani, ein Freund Seschele's des Bakwenakönigs, verließ mit einer Anzahl seiner Anhänger seines Vaters Stadt und das Gebiet des Chatsitsive, um sich im neuen Gebiete des Königs Seschele in Molopolole niederzulassen, worauf Mosilili, ein alter Freund von Chatsitsive, die halbverlassene Stadt mit dem Reste ihrer Einwohner im Stiche ließ, um sich in der Nähe von Kanja anzusiedeln. Die Ruinenstelle ist etwa ¾ englische Meilen lang und stellenweise 2-600 Schritte breit. Die Mauer, die um den Kraal läuft, ist niedrig, blos 3 Fuß hoch, 1-2 Fuß dick und diente wohl dazu, nur das Vieh nahe an den Häusern zu halten. Zur Vertheidigung war sie nur dann von Nutzen, wenn mit Dornenbüschen 4-5 Fuß hoch überdeckt; mit einer ähnlichen, blos aus aneinander gelegten, kopfgroßen Gesteinen errichteten Mauer war auch der tiefste Einschnitt im Höhensattel versehen. Der nächste Tag wurde dem Besuche der Ruinen gewidmet und auf die zahlreichen, die Höhen bewohnenden Hyänen Jagd gemacht.
[Afrikanischer Luchs.]
An den Ruinen fielen uns vor Allem die cylindrischen Mauern, Ueberreste der Wohnungen und Gehöft-Einfriedigungen, ferner einige noch bedachte Hütten, zur Rechten die Ruinen eines Missionshauses, doch vor Allem kegelförmige gedeckte, meist aus röthlichem Thon gefertigte, noch ziemlich gut erhaltene Eingebornen-Wohnungen auf.[[1]]