[Bei König Seschele.]

Rev. Price hatte mir bei meinem Besuche in seinen. Hause in Molopolole diese Episode mitgetheilt, später hörte ich sie wieder von meinem Freunde in Schoschong, ohne zu ahnen, daß auch die Zeit an mich herantreten würde, in der ich mit einem ähnlichen Ungemach zu kämpfen haben sollte. Doch wenn wir Beide auch aus verschiedenem Antriebe die Einöden Süd-Afrika's durchwanderten, er mit dem Banner der Religion, ich um meine geringen Kräfte der Wissenschaft zu widmen, die Sumpffieber haben unsern Wissens- und Thatendrang nicht zu ersticken vermocht.

Obwohl er sich in Molopolole bereits eine Heimat gegründet hatte, folgte er willig dem an ihn ergangenen Rufe an den Tanganjika-See.

Neben Rev. Price erwähnte ich Rev. Williams als seinen Brudermissionär, gleich den Missionären in Kuruman (Batlapinen), Taung, Kanja (Banquaketse) und Schoschong (östliche Bamangwato) der »London Missionary Society« angehörend, war er erst einige Jahre in Süd-Afrika und eben im Begriffe, sich ein Wohnhaus aufrichten zu lassen. Die beiden Herren erboten sich, mich dem Könige vorzustellen und so machten wir uns den zweiten Tag nach meiner Ankunft in Molopolole daran, die Felsenhöhe, auf der wie ein Adlernest der von den Getreuesten der Getreuen Seschele's bewohnte Stadtheil erbaut ist, hinanzuklimmen. An Mr. Williams Gebäude vorüber, hatten wir eine enge, steile Schlucht nach aufwärts zu verfolgen, an derem Eingange die von Mr. Price erbaute Kirche, ein 60 Fuß langes und 21 Fuß breites, mit einem Anbau versehenes, gewöhnliches, mit Gras gedecktes Gebäude steht. Von der Kirche gingen wir durch den südöstlichen Theil des oberen Stadttheiles nach der Residenz zu, doch zuvor mußten wir in die Kotla eintreten, um hier in formeller Weise den von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzten König zu begrüßen. Unter der Kotla verstehen wir die aus starken Pfählen und Baumstämmen geformte runde Umzäunung, wie sie in der Regel in der Mitte der Betschuanastädte für Berathungszwecke erbaut ist. Auf der der königlichen Wohnung zugekehrten Seite der Umzäunung befindet sich in derselben eine Oeffnung, die nach Belieben mit Baumstämmen geschlossen werden kann. An der den genannten Wohnungen nächsten und besonders dicht gebauten Stelle findet sich der Ort, wo der Herrscher, auf einem Stühlchen sitzend zu beiden Seiten von den Aeltesten des Stammes, oder den Häuptlingen, oder seinen Verwandten umgeben, die Berichte der vor ihm auf der Erde hockenden Boten, Jäger, Spione und die Parlamentäre anderer Eingebornenkönige anhört und ihnen selbst, oder durch einen der zunächst Sitzenden Bescheid ertheilt. Oft ist in der Umzäunung eine kleine gedeckte Holzhütte erbaut, in welcher in der Regel ein Feuer brennt, dieselbe wird während der Regenzeit als Versammlungsort benutzt. Diese Kotla's dienen zugleich als Forts; bei jenen, die am Fuße von Höhen liegen, sind namentlich die gegen dieselben gewendeten Umfriedungspartien aus großen und schweren Baumstämmen errichtet, um die Wirkung der Wurfgeschosse abzuschwächen.

Seschele empfing uns stehend. Der König der Bakwena's ist hoch in den Fünfzigern, wohlbeleibt, von großer Statur, ein beinahe unaufhörliches Lächeln umspielt sein Gesicht. Es war leicht erklärlich, daß ich mich in meinem Urtheile über dieses eigentümliche Lächeln nicht täuschte, und meine Ansicht auch bestätigt fand. Es drängte sich mir unwillkürlich die Meinung auf, daß ich einen »Tartuffe« vor mir habe.

Seschele wandte sich, nachdem er unsere Grüße erwidert, zu Rev. Price und ersuchte ihn, mir zu sagen, es hätte ihm noch nie ein Weißer so gefallen wie ich. Während mir es Price übersetzte und ich erstaunt war, solch' ein Kompliment von einem Eingebornen, den ich zum ersten Male getroffen, zu hören, und den König prüfend anblickte, sah ich, wie dieser mit seinem rechten Auge einen ihm zunächst stehenden Alten (Unterhäuptling) und seinem Sohne zuwinkte; sein Mienenspiel der rechten Gesichtshälfte stand mit dem mir vorhin erwiesenen Komplimente im offenen Widerspruche. Die Leichtigkeit, mit der er sich aber sofort, als er mein Erstaunen begriffen, aus der zweideutigen Lage zu helfen wußte, zeigte von nicht geringer Selbstbeherrschung.

Er lud mich und die beiden Missionäre hierauf ein, ihn in seine Behausung zu begleiten und eine Tasse Thee zu nehmen. Wenige Augenblicke später standen wir vor seinem neuen Hause, einem reinen und schmucken Gebäude, neben welchem sein früheres, nur von dem ältesten Sohne bewohntes Häuschen stand, an das sich die übrigen von der königlichen Familie bewohnten anschlossen. Das neue Haus für den König von Taylor um den Betrag von 3000 £ St. aufgebaut und adaptirt worden, welcher Betrag dem Kaufmanne in Straußenfedern und Ochsen ausgezahlt wurde.

Unter allen Betschuana-Herrschern ist Seschele am bequemsten und in europäischem Style eingerichtet. Doch bevor wir mit dem Könige das reine, gepflasterte Höfchen, in dem die Königin, auf unseren Besuch unvorbereitet, nach Bakwenasitte auf einem Rindsfelle lag, und sein Wohnhaus betreten, erlaube ich mir, den geehrten Leser mit Seschele etwas vertrauter zu machen. In Bezug auf Charakter nimmt Seschele unter den sechs Betschuana-Herrschern, trotzdem er sich die längste Zeit zur christlichen Religion bekennt, die unterste Stufe ein, während sein nördlicher Nachbar, der jetzige König der östlichen Bamangwato, Khama, am höchsten und ihm als der Nächste unser gutherziger Freund Montsua zur Seite steht.[[1]] Seschele ist ein geschickter Intriguant, ein Mann mit einem Doppelgesicht, seinen Intentionen entspricht die Sentenz »Der Zweck heiligt das Mittel«.

[1] Von Chatsitsive will ich noch nachträglich erwähnen, daß er als Character zwischen Mankuruan und Montsua die Mitte hält, d.h. daß ihm mehr zu trauen und zu glauben ist als dem Ersteren, ohne daß er die Gutmüthigkeit und lobenswerthen Eigenschaften des letzteren besäße.