Wir wurden von Seschele zuerst in das Empfangszimmer geführt, während Ma-sebele den Auftrag gab, uns einen Imbiß zu bereiten. Das Empfangszimmer (Seschele gebraucht den englischen Ausdruck »drawing-room«, nur daß er ihn in einer regelwidrigen Weise ausspricht) ist vollkommen mit europäischem Comfort eingerichtet, Stühle etc. aus Nußbaum, die Sitzpolster mit rothem Sammt überzogen. Ein selbstbewußtes Lächeln, durch die hohe Meinung über sich selbst hervorgerufen, besonders wenn er sich in seinem drawing-room befand, soll das ohnehin freundlich lächelnde Vollgesicht des Bakwena-Herrschers umspielen, so oft er einem Weißen das Innere seines Palastes zu zeigen in der Lage ist, und sich an dem Erstaunen des Fremden weiden kann—auch mir armen Sterblichen wurde das hohe Glück zu Theil, es zu schauen.

Während wir uns niederlassen mußten, breitete sich der König erst sein Schnupftuch (das er jedoch nicht zu gebrauchen scheint) auf den von ihm erkorenen Stuhl aus, bevor er sich auf denselben niederließ. Ma-sebele trat später auch ein, und ließ sich auf einem Holzstuhle nieder. Durch meine beiden Begleiter befragte mich Seschele nach dem Zwecke meiner Reise, nach meiner und der Nationalität meiner Begleiter. Da er, wie die meisten der Betschuana's nur »Engländer« und »Boers« kannte, die ersten gerne sah, die letzteren »nicht liebte«, so war er sehr erstaunt zu hören, daß ich ein Weißer sein konne, ohne zu einer der beiden Nationen zu gehören. Endlich hatte er sich das Wort »Austria« eingeprägt und nun fragte er, an welchem Flusse ich wohne und ob in einer Stadt oder auf einem Viehposten, d.h. auf dem Lande. Ich nannte Prag, für ihn ein neues Räthsel und dies um so mehr, als ich, um die Größe der Stadt nach Betschuanabegriffen darzustellen, ihm mittheilte, daß Prag seine Residenz Molopolole zwanzig Mal an Umfang übertreffe. Er meinte, sein »Herz wäre voll Staunen über das große Dorf« und nachdem er die ihm übersetzten Worte meiner Begleiter nachgesprochen, erzählte er der Königin, die mich gnädig zu mustern schien, die ganze Episode mit den Worten: »Er (nach mir weisend) ist ein Naka (Njake, Njaga oder auch Njaka, d.h. Doctor) no Englishman, no Boer (er sprach Bur), sondern ein—hier sah er wieder fragenden, doch auch lächelnden Antlitzes Herrn Price an; dieser nickte auch und sagte Au—strian—O—O—stri—en, plapperte Seine Majestät nach und stand auf, um sich in die Brust zu werfen, da ihm dies gelungen.

Ein neuer Ankömmling, lachend und beide Missionäre begrüßend, ward nun auf der Thürschwelle sichtbar, es war ein etwa 14jähriger, hoch aufgeschossener, mit Hemd, Weste und Beinkleidern angethaner Jüngling, der eine rothe, wollene Zipfelmütze trug. Er lachte zu allem was gesprochen wurde, namentlich als ihn seine Mutter—denn der schmucke Jüngling mit dem Barett auf dem wolligen Kopfe war kein Minderer als Sebele, der Jüngste oder Ma-sebeles darling Baby (Herzenskindlein)—mir mit den Worten mo Sebele o Thō-li[)ng] Bĕb vorzustellen geruhte. Nach einer halben Stunde fiel es plötzlich dem jungen Königssohne ein, seiner Mutter mitzutheilen, daß der Thee im Speisesalon aufgetragen sei.

Seschele eröffnete hierauf den Zug, wir folgten und Ma-sebele bildete den Nachtrab. Wir waren alle im besten Humor—namentlich ich und Tholing—, ich weil ich zum ersten Mal seit zwei Monaten, und Tholing Beb, weil er schon zum zweiten Mal an diesem Morgen die »Kuchen« des Makoa (die Kuchen des weißen Mannes) erblickte. Doch wurde ihm das Glück nicht zu Theil, gleich uns an der Tafelrunde zu sitzen; er war bestimmt die »Honneurs« zu machen, worauf er sich ziemlich gut zu verstehen schien.

Das Speisezimmer hatte eine schöne mit weißem Linnen gedeckte Tafel, der Thee wurde in napfförmigen Tassen servirt, von denen die des Königs, der oben an der Tafel saß, mindestens einen Liter fassen mochte. Die Kannen, Zuckerdose und das übrige auf einem Seitentischchen stehende Tischgeschirr war aus Silber gearbeitet und wie ich hörte, dem Könige von den periodisch sich in Molopolole aufhaltenden Kaufleuten verehrt worden. Der Thee war gut und die Kuchen ließen nichts zu wünschen übrig. Unser Gespräch aus dem drawing-room wurde fortgesetzt und ich über das Gebahren der englischen Regierung in den Diamantenfeldern und jenes der holländischen in Pretoria und Bloemfontein befragt.

Ihre schwarze Majestät schien an unserer Conversation kein Interesse zu finden und fing anfangs leise und verstohlen, doch als nach und nach die Natur über sie die Oberhand gewann, merklicher und hörbarer, ihre durch unser Eintreten in's Höfchen unterbrochene Beschäftigung wieder aufzunehmen, d.h. zu schlummern. Der Herr Ehegemahl sah dies und da es ihm vielleicht etwas ungebührlich dünkte, gab er ihr erst durch ein Hüsteln und als dieses nichts half, zeitweilig durch eine zarte Berührung mit seinen Elephantenfüßchen den begangenen Verstoß gegen die Hofsitte zu verstehen. Ich hatte alle Mühe meine Lachmuskeln im Zaume zu halten und bemeisterte endlich die Versuchung, indem ich an den König das Wort richtete.

»Morena! Als ich ein Knabe von dreizehn Jahren war und zum ersten Male die Bücher Naka Livingstone's las und in denselben auch Deinen Namen fand, dachte ich wahrlich nicht, daß ich einst Dich selbst sehen, sprechen, ja noch Thee und Kuchen in Deinem Hause genießen würde.« Seschele, der es, trotzdem er die Regendoctorei prakticirt, sehr gut versteht, an passender Stelle Bibelsprüche anzuführen, war auch sofort mit einer ebenbürtigen Erwiderung zur Hand. »Die Wege der Vorsehung sind wunderbar,« waren seine unmittelbar darauf folgenden Worte; doch schon während Mr. Williams Uebersetzung meiner Worte hatte der König, dessen rechte Gesichtshälfte uns, die linke seinem Weibe die nöthige Aufmerksamkeit zuzuwenden schien, zu seinem Bedauern beobachtet, daß Ma-sebele wieder eingeschlummert war und diesmal sich gefährlich nach der Seite neigte. Mich mit listigem Blicke betrachtend, applicirte er seiner Frau einen so unzarten Fußstoß, daß Ma-sebele, die arme Königin, mit ihrer Stirne beinahe die vor ihr stehende Tasse umgeworfen hätte.

Nach Tisch machte ich mit den beiden Herren einen Spaziergang auf die Felsenhöhe, auf welcher Molopolole erbaut ist; diese Höhe heißt Mo-ra-a-Khomo, d.h. der Vater der Ochsen, so genannt nach einem einst hier ansässigen Bakwena-Viehzüchter und bildet mit der ihr gegenüber liegenden Höhe das Felsenthor Kobuque.

Die früher hier ansässigen Makalahari's und Bakwena's—es geschah dies noch als Seschele in dem nahen Liteyane wohnte—benützten die steil abfallenden Wände der Moraakhomo-Höhe an dem Felsenthore, um altersschwache Eltern oder nahe Verwandte, deren Ernährung und Verpflegung ihnen lästig fiel, über dieselben herabzustürzen. Die Unthat wurde vom nächsten in demselben Gehöfte wohnenden Verwandten vorgeschlagen und mit Hilfe seiner Nachbarn im Dunkel der Nacht vollbracht. Die Schwachen und Hilflosen, wohl wissend, was ihnen unausweichlich bevorstehe, wurden ohne Widerstand an den Felsenrand hingebracht oder hingetragen und Hyänen oder Schakale besorgten noch in derselben Nacht die Bestattung der Herabgestürzten oder machten den Leiden der durch den Sturz nur Schwerverletzten ein Ende.

Das unter dem Molopolole-Felsen, d.h. am nördlichen Felsenthore befindliche, von dem etwa 2½ englische Meilen auswärts in der Schlucht entspringenden Tschanjana-Flüßchen gefüllte, drei bis vier Fuß tiefe Felsenloch wird an trockenen Tagen von der dunklen Jugend Molopolole's als Badeort benützt. Daß jedoch Baden und Waschen keine den Betschuana eigentümliche Tugend ist, konnte ich an den Jungen, die sich vor mir badeten, und wobei natürlich Sebele, des Königs Sohn, den Anführer spielte, und die unsinnigsten Sprünge etc. ausführte, bemerken. Sie krochen wohl in's Wasser, beeilten sich jedoch, bald aus dem nassen Elemente herauszukommen und sich an den sengenden Sonnenstrahlen zu trocknen; an trüben Tagen mieden sie ängstlich das Wasser.