Was vielleicht dem Reisenden am meisten an den Masarwa's, die in manchen Gegenden über Mittelgröße, ja zuweilen im Lande der Bamangwato's oder Bakwena's etc. ebenso wie der herrschende Stamm von hoher Statur sind, neben der Häßlichkeit ihrer Gesichtszüge am meisten auffällt, das sind die röthlichen, wie halbgeröstet aussehenden vorderen Schienbeinflächen, oft tragen die Vorderarme und der Rücken sowie die Fußrücken und Schenkel ähnliche narbenartige Merkmale. Der Masarwa—in selteneren Fällen der Makalahari—der kaum mehr als ein kurzes Fellstück, über die Schulter geworfen hat und zuweilen außer einem kleinen aus Elandfell gearbeiteten Schildchen nichts zu seinem Schutze mit sich trägt, ist gegen die Kälte sehr empfindlich. Statt sich nach Betschuanasitte ein umzäuntes Höfchen zu machen und hier oder nach jener der Koranna's in der Hütte selbst ein Feuer anzuzünden, entzündet er das seine stets im Freien und sucht sich dann so rasch wie möglich zu erwärmen; er rückt dem Feuer so nahe wie möglich und schläft hockend mit auf die Kniee gesunkenem, zwischen die Arme gepreßtem Kopfe ein, daher sind dann auch die vorderen Unterschenkelflächen dieser armen Geschöpfe denen des Metatarsus der paarenden Straußenhähne nicht unähnlich gefärbt.
Berichtet man von dem Buschmann der Colonie, daß er die Haut des Wildes benützt, um sich demselben bis auf Treffweite seines Pfeiles zu nähern, so benützt der Masarwa einen kleinen dichten Busch als Deckung, d.h. den Busch mit der einen Hand vor sich hinhaltend und vorschiebend, um in kriechender Stellung seine Opfer zu beschleichen. »Eines Abends,« erzählte ein mir wohlbekannter Jäger, »saß ich allein an meinem Feuer in einer der weiten Ebenen des Mababifeldes. Vor mir lag die Ebene, das Gras war noch jung, kaum zwölf Zoll hoch. Ich rauchte und blickte auf die Ebene hinaus; vor mir hob sich hie und da ein kleiner Busch empor. Als ich nach einer Weile wieder aufsah, schien es mir, als ob sich der eine Busch an einer Stelle befände, an welcher ich zuvor keinen erblickt, d.h. kaum 50 Schritte vor mir. Ich fixirte das Object, doch mehr denn eine Viertelstunde verrann und noch immer stand der Busch an seiner Stelle. Ich hielt das ganze für Sinnestäuschung und kehrte mich zum Wagen—doch wer beschreibt meine Ueberraschung, als ich mich nach einigen Minuten zufällig umwandte und etwa 20 Schritte vor mir einen Masarwa erblicke.«
Bei den Wassertümpeln angelangt, fühlte ich mich bedeutend wohler. Unsere Haltstelle, wo ich uns eine mehrtägige Rast gönnen wollte, schien vor einem Jahre, oder doch während dieser Zeit von Jägern bewohnt gewesen zu sein. Einige Hufe von Zebra's, welche mit Auswüchsen, durch Wespenmaden hervorgebracht, wie mit Zoten dicht überwachsen waren, sowie Bruchstücke von Kudu- und Bläßbockhörnern, gestreifte Gnuschädel, ein Giraffen- und ein beschädigter Nashornschädel, und Reste einiger Grashütten wiesen deutlich darauf hin. Unsere Masarwa-Führer betätigten meine Vermuthung und theilten mir mit, daß hier Bakwena's (die Herren des Landes) unter der Anführung eines Sohnes Seschele's, d.h. des königlichen Prinzen mit mehreren Pferden gejagt und nebst einigen Straußen einen großen Wagen mit Fellen und Fleisch beladen nach Molopolole zurückgebracht hätten.
Nachdem wir uns alle gelabt und erfrischt hatten, konnten wir endlich daran denken, den Tag der Jahreswende zu feiern. Es geschah dies nicht ohne jedes Ceremoniell, ein Toast auf das Wohl des Kaisers von Oesterreich schloß die Feier des Neujahrstages 1874 im Herzen der südafrikanischen Wildniß. Erstaunt sah uns der Masarwa an, er sah uns in die Lüfte sprechen und frug Pit, ob wir zu unserem Morimo geredet hätten.
Gegen Abend fühlte ich mich so weit hergestellt, daß ich sogar einige hundert Schritte weit in die Büsche gehen konnte, wobei mir ein undurchdringliches dichtes Gehölz nahe an der Stelle, wo der nach Westen zu führende Weg plötzlich nach Norden sich wendet, durch seine Höhe auffiel. Gruppenweise fanden sich in diesem Walde zwischen Molopolole und Schoschong bis zu 60 Fuß hohe Bäume. Eine der Acacia horida äußerst ähnliche Art war besonders häufig vertreten. Alte Stämme waren niedergefallen, lagen theilweise zwischen den zerschmetterten, schwarz berindeten Aesten gebettet, theils lehnten sie an anderen, sich noch kräftigen Gedeihens erfreuenden und bildeten mit den vielen neu aufsprossenden Bäumen, dem anderweitigen Gebüsch, sowie den durch den Moder der absterbenden Bäume beförderten reichen Pflanzenwuchs dichte, oft undurchliche, wenn auch beschränkte Urwaldpartien in dem unabsehbaren, tiefsandigen Niederwalde. Bei der herrschenden Dunkelheit hielt ich es nicht für gerathen, in das oberwähnte Gehölz einzudringen, trotzdem mich ein mehrstimmiges Perlhuhngegacker anlockte.
Nachdem ich sie reichlich beschenkt, entließ ich die beiden Masarwa-Führer und ließ ihrer Mahnung entsprechend, sechs große Feuer um unser Lager anzünden, um die hier zahlreich herumwandernden Raubthiere abzuhalten. Ohne Ahnung, daß der folgende Tag für mich einer der ereignißreichsten und zugleich trübsten während meines siebenjährigen Aufenthaltes werden sollte, verfiel ich bald darauf in einen wohlthätigen Schlummer. Später als ich es sonst gewohnt war, wachte ich durch ein unnatürliches Kältegefühl auf, welches durch eine von der Wärme angelockte und wohl irgendwo unter den zahlreichen umliegenden Thierschädeln wohnende kleine Schlange verursacht worden war. Die Sonne stand schon hoch und am Feuer saßen Besucher aus dem gestern von uns wahrgenommenen Dorfe. Ich erkannte sie an dem Bakwena, der das Wort führte. Der Mann hatte einige Pallahfelle, einige weiße, doch nicht besonders feine Straußenfedern und einen etwa neun Pfund schweren Elephantenzahn mitgebracht, der deutliche Spuren trug, daß er von einem der Thiere »verloren«, durch lange Jahre irgendwo im Grase gebleicht hatte, bevor ihn der Zufall dem Bakwena oder einem seiner Masarwa-Diener in die Hände gespielt hatte.
[Verirrt.]