[Von Masarwa's gestörtes Löwenmahl.]

Gegen Mittag schulterte ich das in Moschaneng erstandene Doppelgewehr, nahm 12 Patronen mit und schlug eine westliche Richtung ein, um unseren Tisch mit frischem Wildfleisch zu versehen. Etwa 700 Schritte vom Wagen stieß ich auf Gnu's und nach weiteren 1000 Schritten, nachdem ich diese in Süd- bei West-Richtung verfolgt, auf quer über meinen Pfad nach Norden führende, frische Giraffenspuren. Ich verließ sofort die zuerst eingeschlagene Richtung und folgte den Giraffen, die, etwa 20 an der Zahl hier ihren Weg genommen haben mußten. Nach einer Stunde Weges theilten sich die Spuren, ich folgte den zahlreicheren, die nach Nordwest zu führen schienen. Der Rasen wurde dicht ohne hoch zu sein, die Spuren wurden immer undeutlicher, trotzdem fand ich an einigen abgebrochenen Zweigen deutliche Merkmale, daß hier die Thiere noch vor einigen Stunden geweidet haben mußten. Die Gegend war derselbe Niederwald, doch nur stellenweise dichter, und bestand aus geringen Senken und ebenso unbedeutenden sandigen Bodenerhebungen. Seitdem ich die abgebrochenen Zweige wahrgenommen, hatte ich weniger die Richtung im Auge behalten und als ich bei meinem Suchen drei Meilen zurückgelegt, hatte ich dieselbe vollkommen verloren. Während ich mich zu orientiren versuchte, fühlte ich mich recht matt und abgeschlagen, dabei mächtigen Hunger, das Aergste von Allem jedoch war, daß es in meinem Kopfe wohl durch den Einfluß der brennenden Sonnenhitze wie in einer Mühle sauste und sich stechende Schmerzen in den Schläfen einstellten. Ich war so, ohne es zu wissen, zweimal im weiten Bogen zurückgegangen und mußte mich höchstens fünf Meilen weit vom Wagen befinden, doch in meiner Verwirrung und von unsäglichem Kopfschmerz geplagt, schlug ich die entgegengesetzte Richtung ein und ging so rasch es meine Müdigkeit nur gestattete, gerade nach Nordnordwest. War der Kopfschmerz die Ursache, oder war ich so matt und meine Sinne durch die große Hitze so abgestumpft, ich kann es mir selbst heute nicht erklären, daß es mir in dieser Zeit, als ich schon die Giraffenspuren verlassen und den Heimweg angetreten zu haben wähnte, nicht einfiel, das goldene Himmelsgestirn anzusehen, nicht eher, als bis es sich schon zum Untergange neigte und die langen Schatten der Bäume das Ende des Tages anzeigten.

Da schlug ich eine südöstliche, dann aber eine östliche Richtung ein, um den von Molopolole nach Schoschong führenden Weg zu treffen. Allein als ich zu diesem Entschlusse gekommen war, hatte auch meine Abmattung den Gipfelpunkt erreicht und ich konnte kaum 20 Schritte gehen, ohne ausruhen zu müssen. Der Durst quälte mich entsetzlich. In der Hoffnung, daß ich vielleicht dem Wagen näher war als ich es vermuthen konnte, oder aber um die Aufmerksamkeit zufällig in der Nähe jagender Masarwa's auf mich zu lenken, feuerte ich acht Schüsse ab und horchte mit größter Spannung auf den Erfolg meines Nothsignals. Doch Alles blieb stille.

Mit Anstrengung und der Wunden nicht achtend, die mir das Erklimmen eines Dornbaumes verursachte, feuerte ich nochmals von seiner Spitze zwei Schüsse ab, vielleicht wurde ich nun gesehen, doch wie weit mein wirrer Blick auch reichte, keine Bewegung in den Büschen, kein Gegenstand zu erblicken, der mir Hilfe hoffen ließ. Nun sank mir der Muth. Ich fühlte mich außer Stande, einige Meilen weiter zu gehen. Die letzten beiden Schüsse konnte ich doch nicht aufopfern, ich fühlte mich so schwach, daß mir das Tragen des Gewehres zur Last wurde und hätte es wegwerfen mögen. All' dies wohl die Folge der heutigen Anstrengungen, des Unwohlseins und der Unfälle, die mir Tags zuvor zugestoßen waren. Was nun thun! Schreien! Ja, Schreien, ich begriff nicht, daß mir dies nichts helfen, höchstens wilde Thiere anlocken würde. Ich kroch auf einen Termitenhügel und schrie aus Leibeskräften. Es währte nicht lange und ich hatte mich—ohnehin derart abgemattet, daß ich mich mit aller Macht an den Termitenbau anklammern mußte, um nicht herunterzugleiten—heiser geschrieen. Als ich mich zur Erde gleiten ließ und hier neben dem Gewehre lag, brach ich, durch die glühende Sonne und die gänzliche Ermattung wie sinnesverwirrt, in ein Gelächter aus. Es kam mir selbst sinnlos vor, in dieser Wildniß, in der weit und breit im Umkreise keine menschliche Seele zu treffen war, auf solche Weise Rettung zu suchen. Das krampfhafte Lachen hatte einen krampfhaften Husten zur Folge und dieser führte mich wieder zur Besinnung zurück.

Der in mir wühlende Durst drohte mir den Rest meiner Kräfte zu rauben, vergebens sah ich mich nach Blättern um, deren Feuchtigkeit meinen brennenden Lippen Kühlung gewähren konnte, die einen waren dürr, die anderen mit Wollhaaren bedeckt; mechanisch griff ich nach den Blättern eines mir unbekannten Busches und führte sie an die Lippen, doch auch sie waren—Ironie des Schicksals—gallbitter. Noch einige Schritte und ich ließ das Gewehr fallen, Blitzartig durchzuckte mich jedoch bald nachher der Gedanke, daß ich damit meinen einzigen Schutz, meinen besten Freund geopfert und mit Aufgebot aller Kräfte schleppte ich mich zur Stelle zurück und hob das Gewehr, das noch zwei Schüsse barg, auf. Was war ich ohne Waffe in dieser Wildniß—ein wehrloses Opfer hungriger Hyänen!

Meine letzte Hoffnung war darauf gerichtet, mit einem der Schüsse ein kleines Feuer zu entzünden, unter dessem Schutze ich die Nacht überleben konnte. Doch auch dieses letzte Auskunftsmittel versagte, die dürren Aeste fingen kein Feuer. Nun ergriff mich nackte Verzweiflung, wie im Fieberwahnsinn jagten die tollsten Gedanken durch mein erhitztes Gehirn, Verwünschungen drängten sich auf die Lippen und mechanisch griff ich nach dem Gewehre.

Ich fühlte nun vollends meine Kräfte schwinden und erinnere mich nur noch, daß ich auf die Knie fiel, beide Hände ausstreckte und wie sich in diesem Momente eine schwarze Gestalt vor mir auf die Erde warf, an mich herankroch und mich erfaßte. Ich war gerettet—gerettet durch einen Masarwa, der viele Meilen weit von Westen her auf dem Wege zu der gestern passirten Niederlassung begriffen war, um seine Genossen zu holen, denn er hatte früh am Morgen weit von hier ein Gnu erlegt.

Ein labender Trunk hätte mich nicht mehr elektrisiren konnen als diese Erscheinung. Er richtete mich auf und als ich mit den Fingern nach dem Munde wies, daß ich durstig sei, da holte er aus seinem Ledersacke am Rücken eine Handvoll Beeren und preßte sie mir in die Hand. Als ich sie geschluckt und mich an ihrem süßlichen Saft gelabt, fühlte ich mich wie verjüngt. Nun trachtete ich ihm mit dem Namen Koloj begreiflich zu machen, daß ich zum Wagen gehen wolle, Koloj ist kein Setschuana-Wort, doch bei den Betschuana's, ihren Vasallen und den Makalaka's etc. eingebürgert. Mein Retter grinste mich an und wies nach Südost; »Pata-Pata« meinte er. Dies ist unter diesen Stämmen der aus dem Holländischen entnommene und verunstaltete Ausdruck für einen Weg, den ein Wagen befahren kann, und ich konnte nur nicken, um ihm meine Befriedigung auszudrücken. Mich erhebend, versuchte ich zu gehen und der Mann, obwohl kleiner als ich, stützte mich; er nahm mein Gewehr und schulterte es mit seinen drei Assagaien auf die linke Schulter, während er mir die rechte als Stütze bot. Allmälig kehrten meine Kräfte zurück und wenn auch nur äußerst langsam und nach längeren Ruhepausen—aber es ging vorwärts.

Als die Sonne unter den Horizont gesunken war, befanden wir uns am Fahrwege. Im Osten zeigte der Himmel eine dunkle Färbung, dort blitzte es und dumpf grollte der Donner zu uns herüber. Die Atmosphäre war kühler geworden und obgleich noch immer warm, schauerte ich doch unter dem Hauche des leisen Windes, der aus Nordosten durch die Bäume strich. Ich war in Schweiß gebadet und mein Hemd (ich hatte die Jacke im Wagen zurückgelassen) klebte am Körper. Nach einer halben Stunde Ganges wollte ich mich niedersetzen, doch mein Begleiter ließ es nicht zu. Kurz darauf ging er links vom Wege in die Büsche, ich wollte ihm nicht folgen, es war ja eine verkehrte Richtung, die er einschlug. Da wies er auf den Mund und ahmte einen schlürfenden Laut nach. »Meci? (Wasser)« frug ich. »E-he, E-he! (ja, ja)« antwortete er mit einem Kopfnicken und Grinsen und ich gehorchte.