Der 6. Jänner war wieder ein durch mancherlei Unfälle ausgefüllter Tag. Kaum hatte ich mich von einem Stoße erholt, den mir eines unserer unbändigen Zugthiere versetzte, als mich Monkey in den Daumen biß, da ich eben daran war, die durch Sturm und Regen beschädigte Deckleinwand des Wagens in Stand zu setzen. Spät Nachmittags begegneten wir auf die Jagd ziehenden Bamangwato's, welche uns auf die Nähe der Stadt Schoschong aufmerksam machten.
Nach einer 1½stündigen Fahrt langten wir in dem großen, flachen Thale eines Flusses, in den sich zur Regenzeit der Schoschon als linkes Nebenflüßchen ergießt und bei den Feldern der Bamangwato's an. Dieses Thal scheidet die Bamangwatohöhen in eine nördliche und eine südliche Partie, von welchen die südliche durch einige Höhenketten charakterisirt wird, welche ihrerseits wieder durch Querthäler untereinander getrennt werden. Die nördliche Partie bildet ein sehr interessantes, von zahlreichen Parallel- und Querthälern durchzogenes Höhennetz, von denen das des Schoschon- und Unicorn-Flusses zu den bedeutendsten gehören; Hochplateaus auf den abgeflachten Höhen, kegelförmige kleine Kuppen, die hie und da aus diesem emporsteigen und aus großen Blöcken gebildet werden, Felsenthore etc. charakterisiren das nördliche Bamangwato-Höhennetz. Mit dem schon erwähnten Höhenrücken am Limpopo und durch diesen mit dem Central-Gebirgsknoten im Marico-District sind die Bamangwatohöhen durch einige kegelförmige Berge verbunden; die nördliche Partie der Bamangwatohöhen hängt durch die Tschopokette mit dem nördlichen Central-Gebirgsknoten des Matabele-Reiches zusammen. Dieses für die Geschichte der Bamangwato's bedeutende Thal—die wichtigsten geschichtlichen Episoden dieses Stammes spielten sich darinnen ab—erlaubte ich mir »Franz Josef-Thal«, sowie den höchsten Punkt des Höhennetzes »Franz Josef-Kuppe« zu benennen.
Ich zog am 8. Jänner zum ersten Male in Schoschong ein. Da meine Provisionen sehr abgenommen hatten und ich nicht im Stande war, neue mit barem Gelde zu erstehen, da ich ferner keinen Diener miethen konnte und bestrebt sein mußte, mich in drei Monaten auch wieder in den Diamantenfeldern einzufinden, um bei meinen früheren Kranken nicht vollkommen in Vergessenheit zu gerathen und die Mittel für die dritte, die eigentliche Reise zu gewinnen, so wurde Schoschong der fernste nördliche Punkt meiner zweiten Versuchsreise und ich wandte mich von hier nach einem längeren Aufenthalte, den ich im Folgenden näher beschreiben will, wieder nach dem Süden.
XII.
Von Schoschong zurück nach den Central-Diggings
Lage und Bedeutung Schoschongs.—Unser Empfang daselbst.—Rev. Mackenzie und die Mission der London Missionary Society.—Geschichte der Bamangwato's und ihres Reiches.—Sekhomo und Khama.—Sekhomo's Rath.—Sitten und Gebräuche der Betschuana (Schluß).—Die Circumcision und Boguera.—Die Kotla in Schoschong.—Die Breiprobe.—Aufbruch von Schoschong.—Das Fasanhuhn.—Khama's Salzsee.—Elephantenspuren.—Die Buffadder.—Die Dornfelder im Limpopothale.—Ein Löwe und die Hundemeute.—Ein seltener Anblick.—Zu Tode erkrankt.—Tschune-Tschune. —Die Dwarsberge und der Schweinfurth-Paß.—Brackfontein.—Eine Sonderbare Elephantenjagd.—Linokana.—Rev. Jensen und die Hermannsburger Mission.—Die Baharutse und Ihr Ackerbau.—Zeerust und der Marico-District.—Das Hooge Velt.—Potschefstroom.—Die Elephantenjäger David Jackob und Biljeon.—Die Quarzitwälle am Klip-Port.—Trennung von meinen Gefährten.—Ankunft in Dutoitspan.
Die wichtigste Stadt der unabhängigen Eingebornenreiche im Innern Süd-Afrika's ist unstreitig der Hauptort der östlichen Bamangwato: Schoschong. Im Hauptthale der interessanten, nach dem sie bewohnenden Stamme benannten Höhen zieht sich das nur nach den sommerlichen Regengüssen gefüllte Bett eines unbedeutenden Flüßchens, das von Norden her aus einer an der Mündung ziemlich breiten Felsenschlucht ein auch nur periodisch fließendes, zur Regenzeit jedoch hochangeschwollenes Bächlein »Schoschon« aufnimmt und an dem die Stadt gelegen ist; daher auch der Name »Schoschong«, der Ablativ von Schoschon (am Flusse liegend).
Schoschong war vor etwa zehn Jahren, bevor noch die Kämpfe zwischen den einzelnen Gliedern der königlichen Familie ausgebrochen waren, die bevölkertste Stadt in den unabhängigen Betschuanaländern. In diesen, den Ländern der Batlapinen, Barolongen, Banaquaketsen, Bakwena, der östlichen und westlichen Bamangwato, in denen die Hauptmacht des regierenden Stammes gewöhnlich in der jeweiligen Hauptstadt concentrirt ist, nahm Schoschong als eine der älteren Städte mit seiner Bevölkerungszahl von 30.000 Seelen den ersten Rang ein, gegenwärtig zählt die Stadt kaum mehr als ein Fünftel der einstigen Bevölkerung. Diese Abnahme ist namentlich Sekhomo's Werk, der zur Zeit meines ersten Besuches die östlichen Bamangwato beherrschte, er ist es, der nicht allein den Bürgerkrieg entfachte, durch welchen viele Bewohner das Leben verloren, sondern auch eine Spaltung des Stammes und die Auswanderung der Makalaka hervorrief. Unter dem gegenwärtigen Regime des besten der Betschuana-Herrscher erholt sich die Stadt augenscheinlich und wenn das Land nicht in den nächsten Jahren durch einen feindlichen Einfall der Zulu-Matabele leidet, wird es wie früher seinen Vorrang unter den Eingebornenreichen im Innern Süd-Afrika's erringen. Für den Weißen, sei er Forscher, Händler oder Jäger, war es von jeher ein Ort von höchster Wichtigkeit und wird es auch bleiben, und zwar aus folgenden Gründen: