Zur Zeit als noch Matscheng in Schoschong herrschte, ereignete sich der Fall, daß ein Mann aus Habsucht einen Brudermord beging. Sein alter Vater hatte dem älteren Bruder den größten Theil seines Besitzes gegeben, und da entschloß sich der Jüngere, sich einfach des Bruders zu entledigen, um das Ganze zu haben. »Bruder, hat Dir nicht der Vater erzählt, daß der Linjaka (Doctor) ein Affenfell braucht, um seinen Gliedern die Kraft wieder zu geben? Ich gehe heute auf jenen Hügel dort«—er wies auf den isolirten nahe der Stadt im Franz Josef-Thal sich erhebenden, felsigen Kegel—»um einen Affen zu schießen.« Der Angeredete hielt es für seine Pflicht mitzugehen und folgte dem Bruder. Am Fuße des eine Gehstunde entfernten Hügels, schlug der Antragsteller des sicheren Erfolges halber vor, die Jagd von zwei entgegengesetzten Seiten aus zu beginnen, worauf der ahnungslose Bruder auch einging. Eine alte Frau, welche unweit davon Beeren sammelte, und welcher das Betragen der beiden mit Gewehren Bewaffneten auffiel, schlich sich näher und folgte vorsichtig dem Einen derselben nach. Schon in der Mitte der Höhe kroch der Jüngere, statt geradeaus emporzusteigen, nach rechts um den Hügel, bis er seines Bruders ansichtig wurde und schoß ihn dann nieder. In der Stadt erzählte er mit großer Bestürzung, daß er seinen Bruder für einen Affen angesehen und getödtet habe, allein das alte Weib berichtete Matscheng den wahren Sachverhalt und statt in den Besitz des Erbes zu kommen, wurde der Schuldige auf Matschengs Befehl an den Thatort geführt und hier mit dem Gewehre des getödteten Bruders erschossen.

Unter den noch zu erwähnenden Gebräuchen gibt es solche, die uns an die alten mosaischen Gesetze erinnern und an die wir mehr oder weniger bei allen mir bekannten, zu der Banthufamilie gehörenden Stämmen lebhaft erinnert werden.[[1]] Vor Allem die Beschneidung (Circumcision); sie ist die wichtigste Ceremonie für den heidnischen Betschuana, ohne die der Jüngling von seinen Gefährten weder als Mann, noch die Frau als heiratsfähig anerkannt wird. Doch fällt diese Ceremonie nicht mit dem Stadium der Mannbarkeit zusammen—wie wir es bei anderen Stämmen, wie z.B. bei den Matongas und Maschukulumbe und deren Sitte des Zähneausbrechens beobachten—sie wird einfach ausgeübt, um die Reihe von Abhärtungen zu beginnen, die ein Knabe durchmachen muß, um einst, wenn er Mann geworden, auch den Titel eines Mona und Ra führen zu können. Die Ceremonie heißt Boguera und wird an den Knaben nach ihrem neunten Altersjahre ausgeführt. Je nach der Stärke des Stammes wird sie alle zwei bis fünf Jahre vorgenommen und bildet eine der größten Festlichkeiten in den Städten. Mit einer Kalklösung bestrichen, gehen um diese Zeit die dazu sich freiwillig meldenden oder gezwungenen Knaben einher, die Mädchen nur mit aus Schilfrohrstücken verfertigten Bändern oder Genettaschwanz-Schürzen bekleidet, auch sie werden auf der Brust und im Gesichte ähnlich wie die Knaben weiß übertüncht. Die Zeremonie wird außerhalb der Stadt bei den ersteren von alten Männern, bei den Mädchen von alten Frauen ausgeführt.

[1] Ich verweise den Leser auf die zwei Sagen der nördlichen (Montsua's) Barolongen.

Da eben zur Zeit meines Besuches in Schoschong die Boguera gefeiert wurde, hatte ich Gelegenheit, die Zeremonie näher kennen zu lernen. Singend ziehen die Knaben und Mädchen, von den Gauklern begleitet vor die Stadt. Hier werden die Knaben im männlichen Auftreten, die Mädchen in weiblichen Arbeiten und Pflichten unterrichtet und ihnen sofort schwere Arbeiten, wie das Tragen großer Holzbündel, Wasserholen etc., auferlegt, bei deren Verrichtung sie meist einen monotonen Gesang anstimmen. In ihrer Uebertünchung und mit den klappernden Schilfrohrbändern behangen, gewähren diese Gestalten einen nicht minder phantastischen als komischen Anblick. Die Knaben werden partienweise in die Kotla berufen, wo sie gepeitscht werden. Wir finden hier zwei Reihen gegen einander mit dem Rücken stehender, bis auf ein sehr primitives Kleidungsstück nackter Knaben, welche in ihren Händen Sandalen halten und niederzuknieen haben, um von den vor ihnen stehenden Männern (in der Regel ihren nächsten Verwandten) auf den Rücken geschlagen zu werden. Sowie aber der Mann zum Schlagen ausholt, hebt der Knabe die Sandalen empor und die meisten verstanden es, die Wucht des Schlages mit den Sandalen zu brechen, oder den Schlag vollkommen damit aufzufangen. Dabei singen die Knaben und heben abwechselnd die Füße empor.

[Züchtigung der Knaben.]

Alle jene Knaben, die sich zur selben Zeit dieser Zeremonie unterziehen, werden in ein Regiment eingereiht, und desto größer ist der Stolz des heidnischen Betschuana, je mehr Söhne er zur Boguera mitbringen kann. Der Häuptling aber trachtet, daß auch er einen Sohn einstellen kann, oder wenigstens den eines seiner nächsten Verwandten, da dieser die Leitung dieses neu gebildeten, d.h. seines Regimentes übernimmt. Enge Freundschaft wird dann geschlossen und von ihr auch bei den zuweilen am Hofe auftauchenden Streitigkeiten guter Gebrauch gemacht. Diese Freundschaft bleibt selbst dann aufrecht erhalten, wenn der Sohn des Häuptlings, d.h. der Chef des Regiments, sich später taufen läßt. Die Mädchen dürfen nach der Ceremonie längere Zeit hindurch nicht schlafen, um sie wach zu erhalten, haben sie des Nachts auf den hölzernen Kornstampfblöcken (motso Chlobole) zu sitzen; da jedoch diese Stampfblöcke in der Regel so unförmlich gearbeitet sind, daß sie an und für sich kaum das Gleichgewicht halten können, fallen die darauf Sitzenden sofort nieder, wenn sie, sich vergessend, einschlummern.