Die Mehrzahl der Cantinen waren die ersten Jahre hindurch zumeist nur wahre Lasterhöhlen und bildeten eine der traurigsten Schattenseiten der Diamantenfelder; in letzterer Zeit macht sich indessen eine starke Abnahme dieser Locale bemerkbar. Die hie und da in den Straßen oder am Rande der Niederlassungen errichteten hohen Ziehbrunnen mit dem sie umkreisenden bunten Gewirre sind eine andere Specialität. Das Heraufziehen der Wasserkübel wird von Kaffern oder Pferden besorgt, das Wasser aber verkauft. Hunderttausende von Gulden werden jährlich in den Central-Diggings für dieses so notwendige, namentlich auf den Sortirplätzen unentbehrliche Element verausgabt.[[1]]
[1] Zum Betriebe der Waschmaschinen und weil der diamantenhaltige Grund aus den Kimberley-Gruben erst längere Zeit der Atmosphäre ausgesetzt und mit Wasser benetzt werden muß, bevor er waschungsfähig ist. Gegenwärtig ist man darauf bedacht, die Grubenstädte aus dem etwa 15 Meilen entfernten Vaalflusse mit Wasser zu versorgen.
An Vergnügungen und Belustigungen fehlt es in den Diamantenfeldern keineswegs, dem Freunde lärmender Schauspiele bieten sie sich im Theater, auf Bällen u.s.w., wenn auch die Kosten solcher Vergnügungen exorbitante sind; wer zurückgezogen bleiben will und hier nur die Gelegenheit sucht, sein angelegtes Capital rasch zu verdoppeln oder überhaupt Ersparnisse zu machen, findet in den zwischen Kimberley und Old de Beers angelegten öffentlichen Gärten manche Zerstreuung. Wie indeß in den californischen Goldgruben ist auch hier Alles, selbst die luxuriösesten Dinge—allerdings zu fabelhaften Preisen—zu haben. Die hohe Fracht von der Küste bis hierher vertheuert eben alle Artikel europäischer Industrie in ungewöhnlichem Maße, besonders gilt dies von Metallartikeln, Maschinenbestandtheilen, Holzarbeiten u.s.w.
Unter den Unannehmlichkeiten, welche der Aufenthalt in den Diamantenfeldern mit sich bringt, sind die Unbilden des Wetters hervorzuheben, namentlich die in der trockenen (Winters-) Jahreszeit täglich daherbrausenden Staubstürme, welche eine den Athmungsorganen, Augen und Ohren wenig zusagende, mit allem möglichen Unrath gemischte Atmosphäre erzeugen, in die Häuser dringen und hier in kurzer Zeit Alles verderben. An meisten jedoch leiden jene unter dieser Unbill des Wetters, welche den Tag über unausgesetzt in den Diamantengruben arbeiten, oder sich als Karrentreiber etc. in den Straßen bewegen müssen.—Wird dann das Land im Sommer, während der Regenzeit, von heftigen Regengüssen überfluthet, wo sich die am Südende von Dutoitspan in einer 1/8 englischen Meile im Durchmesser haltenden Bodenvertiefung befindliche große aber seichte Brackpfanne (einer der bekannten, seichten, jährlich austrocknenden Salzseen) oft in einem Tage füllt, so werden die Straßen so sehr aufgeweicht, daß es namentlich bei dem regen Verkehr in Kimberley kaum für den Fußgänger möglich ist, sie zu passiren. Die neue Munizipalität war jedoch bemüht, diesem Uebelstande abzuhelfen, indem sie Abzugscanäle herstellen und die Straßen schottern ließ.
Wir nehmen nun vorläufig von den Diamantenfeldern Abschied, ich werde jedoch noch wiederholt Gelegenheit finden, manch' interessante Episoden und Scenen aus dem socialen Leben daselbst zu schildern.
Ich will nun noch eines dreitägigen Jagdausfluges gedenken, den ich in Gesellschaft von Pavianjägern zur Weihnachtszeit des Jahres 1872 von den Diamantenfeldern aus nach den nahen Höhen im westlichen Theile des Oranje-Freistaates unternahm.
Nachdem ich meine Patienten besucht und ihren Zustand derart gefunden hatte, daß ich sie auf einige Tage verlassen durfte, brach ich am ersten Weihnachtstage in den ersten Stunden des Nachmittags bei einer wahrhaft tropischen Hitze von Dutoitspan auf, um mich mit der Thierwelt der den Horizont im Osten begrenzenden Höhen im Oranje-Freistaat bekannt zu machen. Welch' großer Contrast zwischen jetzt und einst! Unwillkürlich stieg die Erinnerung an die in der Heimat verlebten Abende der Weihnachtszeit vor meiner Seele auf; anstatt in der gemütlichen, warmen Stube die Feier des Tages zu begehen, schritt ich jetzt unter afrikanischer Sonnengluth dahin, ohne durch irgend etwas an die Weihe des Tages gemahnt zu werden. In meiner Gesellschaft befanden sich ein junger deutscher Kaufmann, der hier mehr als in der Heimat zu Ausflügen Muße fand, ein junger Pole aus Posen, den sein Hang zum Abenteuerlichen nach den Diamantenfeldern verschlagen hatte, und ein Fingo, der mit den Reise-Utensilien beladen, die Wohlthat eines Dampfbades im Freien zu genießen verurtheilt war. Ich und der junge Pole waren jagdgerecht bewaffnet.
Wir zogen anfänglich über eine mit niedrigen, kaum 12-18 Zoll hohen Zwergbüschen (Scapbusch) bewachsene Ebene, auf welcher nur hie und da die tiefer liegenden Einsenkungen das saftige Grün eines Rasens, die höheren mit Felsblöcken besäeten Partien hohes Gras zeigten, die weite Fläche war von einem ungezählten Heere von Insecten bevölkert, unter welchen uns verschiedene, schön gefärbte Species von Heuschrecken—manche mit hervorgehenden stacheligen Schildern wie gewappnet—in dichten Schaaren die Milkbüsche (Euphorbiacea) occupirend, besonders auffielen.
Die 2-3 Zoll langen Thiere mit ihrem walzenförmigen Körper, hell bis dunkelgrün gefärbten und roth umsäumten Flügeldecken saßen in großer Menge träge an den Büschen und fielen bei der Berührung anscheinend todt zur Erde nieder. Bei dem großen Heere ihrer Feinde aus der gefiederten Welt (vom Adler bis zur Wildgans herab) fiel mir ihre Menge und Verwegenheit, sich auf die exponirtesten Stellen der Büsche zu wagend schon auf meiner Reise von Port Elizabeth nach den Diamantenfeldern auf, hier wurde mir das Räthsel durch mein Geruchsorgan gelöst. Diese Heuschrecken sondern nämlich einen äußerst penetranten und übelriechenden Saft aus, von dessen »Parfüm« wir uns nur mit Mühe nach längerem Reiben der Hände mit Sand befreien konnten. Außer diesen Heuschrecken fanden wir mehrere Käferarten—einige Sandkäfer, zwei große Laufkäfer und an den Büschen in schönen metallisch schillernden Farben prunkende Blattkäfer. Die artenarme und von der Sonnengluth gedörrte Vegetation erklärte uns den Mangel an Tagfaltern, deren Stelle zahlreiche Mottenarten einnahmen.
Von Vierfüßlern beobachteten wir nur ein hellrothes Scharrthier (Rhyzaena) und ein Erdeichhörnchen mit seinen Gesellschaftern, den großen Spitzmäusen, am Rande ihrer unterirdischen Bauten hoch auf ihren Hinterfüßen aufgerichtet und neugierig die Ankommenden anblickend. Das Scharrthier leise knurrend, die Eichhörnchen mit einem schrillen Pfiff, verschwanden bei unserer Annäherung.