Auf einer etwa 50 Schritte vom Wagen entfernten freieren, aber leider nassen Sandstelle, breiteten wir unsere Decken aus und schlugen unser Nachtlager auf. Von Schlaf war keine Rede, ein leiser Regen, ein kalter durchdringender Wind und unzählige Mosquito's hielten uns die ganze Nacht wach. Wie es aber so oft geschieht, daß man über das Unglück eines Armen, trotz der eigenen erlittenen Unfälle noch lacht und spöttelt, so geschah es am Morgen des nächsten Tages dem armen F., als wir sein Antlitz von vielen Insectenstichen verunstaltet sahen. Das Gesicht stellte eine einzige dunkelrothe mit zwei feuerrothen Wülsten (den Lippen) geschmückte Kugelfläche vor, an der man von der Nase nicht viel, statt der Augen blos zwei Spalten bemerkte.
Eine sehr schwache Lösung von Salmiakgeist brachte Linderung und zu Mittag war er bereits wohlauf. Vier prächtige Ochsen und zwei Diener aus der nahen Farm, deren Besitzer uns schon tagsvorher Hilfe zugesagt hatte, stellten sich gegen Mittag beim Wagen ein und bald war derselbe aus dem »Modder« befreit. Kaum dieser Misère glücklich entronnen, fing der Himmel durch ein von Westen heranziehendes Gewitter sich zu verdunkeln an und wir mußten eilen, um noch vor dem Sturme die nahe Old de boers-Farm zu erreichen. Als wir eben die steinige Farmhöhe hinanfuhren, da brach das Ungewitter über uns herein und bald darauf begegnete uns schon ein gelblicher Strom, der von der Ebene herabfließend, den Weg als Abflußgraben benützte, und uns zum Stillstand nöthigte. Der kaum halbstündige, heftige Gewitterregen hatte den Weg so tief versandet, daß wir nun wieder verurtheilt waren, den Wagen aus dem Sande förmlich herauszugraben. In der Farm endlich angelangt, waren wir froh, für die kommende Nacht Ruhe und ein schützendes Dach finden zu können. Ich gewann jedoch auch die Ueberzeugung, daß wir von der Fortsetzung des bisher eingeschlagenen Weges absehen mußten und beschloß, die Pferde nach Kimberley zurückzusenden und sie gegen kräftige Maulesel umzutauschen. Der Tausch kam indessen nicht zu Stande und so waren wir genöthigt, auf dem morastigen Wege nach Klipdrift weiter zu reisen. Die Abwesenheit des Farmers, von dem ich zwei Ochsengespanne zu erhalten hoffte, nöthigte uns noch zu weiterem Aufenthalte, den wir durch einen Jagdausflug ausfüllten.
Unter der Beute dieses Jagdausfluges fanden sich auch zwei Exemplare jenes schon von Livingstone beschriebenen, südafrikanischen Riesenfrosches »Motla metlo«, die ich meiner Sammlung einverleibte. Diese Thiere verbringen die Zeit der Dürre in einer Art Halbschlummer unter der Erde, meist in verlassenen Erdlöchern, und kommen nur nach heftigen Regengüssen zum Vorschein.
Nachdem wir noch unsere Vorräthe auf der Farm ergänzt, brachen wir auf; es war dunkle Nacht geworden, als wir die einige Meilen nordwärts gelegene Bredekam's Farm und das in der Nähe derselben befindliche Hotel erreichten. Auch diese Farm, obwohl sie einem Manne angehörte, der in den Diamantenfeldern reich geworden, war blos ein dürftiger, zur Noth seiner Bestimmung entsprechender Bau. Das Hotel bestand aus zwei mit Eisenblech gedeckten Segeltuchhäusern; es war von einem Deutschen gehalten, von dem es »Bismarck's Retreat« (Erholungsplätzchen) genannt wurde. Trotzdem, daß derselbe dieser Stelle Berühmtheit und sich selbst ein gutes Stück Geld erwerben wollte, und deshalb mit Wort und Inserat einige der vielen, Süd-Afrika charakterisirenden, salzhaltigen Quellen als eminente Heilquellen ausposaunte, war es ihm nicht vergönnt, aus Bismarck's Retreat ein Eldorado zu schaffen.
Nach mancherlei unangenehmen Zwischenfällen erreichten wir endlich die Höhen, welche von Hebron ab das Ufer des Vaal-River säumen, und begrüßten hocherfreut und aufathmend das uns entgegenschimmernde Grün des Thales; bald weidete sich unser Auge am Anblicke des in ziemlicher Fülle hingleitenden Stromes, an dessen südlichem Ufer wir die zerstreuten Häuschen der Berliner Missionsstation Pniel und ein kleines Korannadorf erblickten.
Von den Pnielhöhen herabfahrend, passirten wir am Wege die Ruinen eines Missionsgebäudes, in dem ein Korannaschmied mit seinem aus Schafhäuten verfertigten Blasebalg den zahlreichen hier nistenden grauen Fledermäusen Gesellschaft leistete. Wir machten nahe am Vaalflusse Halt, und während meine Begleiter Anstalten zur Bereitung des Mittagsmahles trafen, nahm ich das Gewehr, um die Gegend zu durchstreifen. Im Bette einer ausgetrockneten Regenschlucht, die hier in den Vaalfluß einmündete, beobachtete ich zahlreiche Spuren von Wasserleguanen und Fischottern, und erlegte nebst mehreren Mäusevögeln und Turteltauben einige große Regenpfeifer, welche mich mit ihrem lauten Tip-Tip angelockt hatten. Der Vaal, der bedeutendste Nebenfluß des Oranje, ist an dieser Stelle, wo ihn der von Kimberley nach Klipdrift Reisende zuerst trifft, etwa 100 Schritte breit, sehr schlammig und durch seine unzähligen Stromschnellen charakterisirt, welche von einander durch tiefe schlammige Stellen geschieden sind und an welch' letzteren der Fluß eine fast gleichmäßige bis 200 Schritt messende Breite zeigt. Seine Ufer sind gleichfalls auf weite Strecken hin schlammig, und dadurch unnahbar; Hausthiere können nur an den in den Fluß reichenden Felsenbänken oder an den Stromschnellen zur Tränke geführt werden; durstige fremde Thiere, die hier ausgespannt und nicht gut bewacht zum Wasser hinabeilen, büßen einen solchen Versuch meist mit dem Leben.
Ein Besuch im Korannadorfe bot uns einen trostlosen Anblick und gab mir die Ueberzeugung, daß bei keinem anderen Eingebornenstamm, etwa mit Ausnahme der Matabele, die Missionsthätigkeit so geringe Erfolge aufzuweisen hat, als bei den Koranna's. Ihre socialen Zustände und Verhältnisse, ihre Bildungsstufe, bewiesen mir, daß sie nur die Laster der Civilisation angenommen, für die Lichtseiten derselben aber wie vorher unempfindlich geblieben waren. Krankheiten und Trunksucht mit ihren verderblichen Folgen herrschen auch hier unter den Koranna's.[[1]]
[1] Zu Anfang des Jahres 1877, habe ich in einer Brochüre die Eingebornenfrage in Süd-Afrika zu besprechen mir erlaubt und der englischen Regierung angerathen, diesen Koranna's gegenüber, welche zum Theile im Vaalthale von Fourteen-Stream bis zur Hart-Rivermündung als englische Unterthanen wohnen, ferner am mittleren Hart-River um die Stadt Mamusa ein kleines selbstständiges Reich bilden, und auch unter den nördlicher wohnenden Barolongen in der Stadt Koranna leben, den Verkauf spirituoser Getränke zu sistiren, um sie zum Ackerbau anzuhalten, sowie durch wöchentliche Inspicirung durch Polizisten sie zur Reinlichkeit und Instandhaltung ihrer Dörfer und Gehöfte zu gewöhnen. Man kann sich keinen widerlicheren Anblick denken, als diese in europäische Fetzen gekleideten, von Schmutz und Unreinlichkeit im höchsten Grade strotzenden Gestalten. Es freut mich, in der letzten Zeit vernommen zu haben, daß der gegenwärtige Gouverneur Colonel Warren von Griqualand-West, die Ausfuhr von Spirituosen in die nachbarlichen Eingebornenreiche verboten und auf seine Provinz beschränkt hat. Ein voller Erfolg, eine gründliche Verbesserung in den socialen Verhältnissen der Koranna's, wird aber erst dann eintreten, wenn das Gesetz noch bis zur vollkommenen Verweigerung der genannten Getränke verschärft sein wird.
Unter allen Stämmen Süd-Afrika's verwendet dieses Volk die geringste Mühe auf den Aufbau und die Instandhaltung ihrer Wohnungen. In der wohl auch durch das Klima beförderten Indolenz und Energielosigkeit übertreffen die Koranna's und Griqua's diese beiden Bruderstämme der Hottentottenrace, selbst die übel beleumundeten Buschmänner, welche die Felswände ihrer früher bewohnten natürlichen Höhlen mit einfachen mit Ocker übertünchten Zeichnungen bedeckt und die Gipfel der von ihnen bewohnten Höhen, d.h. die diese bedeckenden dunkeln Felsenblöcke mit Ausmeißelungen von thierischen und menschlichen Gestalten und anderen Objecten geschmückt hatten. Wenn der Koranna sich aus der ihm eigenthümlichen Trägheit, dem Mangel an Streben und Ausdauer herausreißt, um als Diener Anderer zur Arbeit zu greifen, so geschieht dies nur, weil ihm dadurch die Möglichkeit geboten ist, sich dem heißersehnten Branntweingenusse hinzugeben.
Hier am Abhange eines kahlen Höhenzuges, dort am Flußufer oder am Rande einer Salzpfanne, hie und da auch in den Felsenschluchten des Vaalflusses, finden wir eine oder mehrere, etwa 1½ Meter Höhe und 3-3½ Meter im Durchmesser haltende halbkugelige, jeder Umzäunung bare Hütten, die augenscheinlich nur dem Nothbehelf dienen, weder geräumig, noch symmetrisch gehalten, mehr thierischen Strohbauten gleichen. Die Herstellung ist denn auch, dem Aussehen entsprechend, eine höchst primitive. Wenn die Frauen, denen die Herstellung der Wohnung obliegt, die oberen Enden etwa zwei Meter langer, dünner, im Kreise aneinander gereihter und gesteckter Baumzweige in einem Mittelpunkte zusammengebunden und das Gerippe mit Binsenmatten überdeckt haben, ist auch schon das Wohnhaus in der Hauptsache hergestellt. Eine Oeffnung, hinreichend groß, um einem Menschen in kriechender Stellung Einlaß zu gewähren, bildet die einzige Verbindung mit der Außenwelt, die im Nothfalle durch eine von innen vorgeschobene Matte abgesperrt wird. Das Innere der Hütte entspricht dem Aeußern, es läßt sich kaum etwas Trostloseres und zugleich Unreinlicheres denken als das Innere einer Korannahütte. In der Mitte eine schüsselförmige Vertiefung als Feuerherd, einige niedrige mit Querhölzern verbundene Holzgabeln, behangen mit den Ueberbleibseln einstiger europäischer Kleidungsstücke, einige Ziegen- oder Schaffelle, weiters einige Töpfe, und die Einrichtung ist damit fertig. Eine von dürren Mimosenzweigen nothdürftig umzäunte Stelle zwischen oder vor den Hütten, beherbergt die Rinder- oder Ziegenheerde, und wo nicht die Hyäne und der Leopard oder andere Raubthiere auf ihren nächtlichen Schleichwegen zu fürchten sind, bezeichnet blos ein Düngerhaufen den Sammelplatz des Vieh's. Bezeichnende Stille herrscht über dieser trostlosen Scenerie, nur nachdem Branntwein die Gemüther erhitzt, den einer der Insassen von der Stadt gebracht, oder den ein vorüberfahrender Händler ihnen überlassen, geht es lärmend zu, sonst aber unterbricht nur des Morgens und Abends, wenn die nackten Kinder die Heerden auf die Weide treiben, einige Bewegung die Monotonie im trägen Leben der Hütteninsassen.