Nur hie und da, wo wohlhabende Koranna's sich den Luxus einiger Makalahari und Masarwa, Diener und Sklaven, gönnen können, wurde im beschränktesten Maße Ackerbau versucht, für dessen Entwickelung an vielen Stellen des Landes die natürlichen Bedingungen vorhanden sind, und welche Versuche selbst bei der genannten Beschränktheit den günstigsten Erfolg hätten, wenn man Dämme aufzuwerfen oder hie und da den Hart-River oder Vaal-River abzuleiten versuchen würde.
[Koranna.]
Wie die Hottentottenrace überhaupt, die eigentlichen, die Cap-Colonie bewohnenden Hottentotten, die Griqualand-West an der Einmündung des Vaals in den Oranje und jene, Neu- oder Ost-Griqualand oder das sogenannte Nomansland um Kockstadt herum bevölkernden Griqua's, sind auch die Koranna im Aussterben begriffen, ihre Zahl hat sich beinahe um 50 Percent, ihr Besitz um 25-75 Percent verringert. Arbeitsscheu und unrein, hinterlistig und in der Mehrzahl der Fälle untreu, rachsüchtig und nur für den Moment lebend, ohne auf das Morgen zu denken etc., sowie fähig, alle möglichen Verbrechen zu begehen, um sich nur den Branntwein zu sichern, boten sie mir ein abschreckendes Bild. Da sie jedoch als Rosselenker und Gespanntreiber im nüchternen Zustande (nur in der Wildniß, wo ihnen kein Europäer das Feuerwasser reichen kann) besser als die Kaffern etc. zu verwenden sind, so versuchte ich es auch mit ihnen und trachtete nach Möglichkeit, sie nüchtern zu erhalten—vergebliche Mühe, ich mußte den Versuch sehr bald aufgeben.
In England herrschen gegenwärtig unter den Gebildetsten bezüglich der Eingebornenfrage irrige Ansichten; dieses Mißverständniß beruht hauptsächlich darauf, daß die betreffenden Persönlichkeiten sich nicht selbst von dem Stand der Dinge überzeugt haben. Wenn einzelne Menschenfreunde oder ganze Gesellschaften etwas für die Eingebornen Süd-Afrika's thun wollten, wenn sie sich selbst ein Denkmal setzen und den Farbigen die größte Wohlthat erweisen wollten, so wäre es nöthig gewesen, daß sie die gegenwärtige Bewegung in Süd-Afrika, jene der Good-Templers in re unter den Eingebornen unterstützt hätten, welche auf Grund von namentlich in den Diamantenfeldern gesammelten, sehr bitteren Erfahrungen den Verkauf von Spirituosen an die Schwarzen zu hemmen suchten. Kriege mit den Eingebornen können denselben nicht so viel materiellen Schaden an Körper und Habe (die Habe des Einzelnen schmälernd) verursachen, als ein jahrelanger ungestörter Genuß des Feuerwassers und dies namentlich bei Stämmen, die schwach in ihren geistigen Anlagen, sich leicht durch alles Glänzende, kleinen Kindern gleich, bethören lassen. Ja, ich bin dessen vollkommen sicher, daß viele meiner hohen Gönner in England, denen die Eingebornenfrage Süd-Afrika's am Herzen liegt, nie einen solchen Anblick vergessen würden, wie er sich den Bewohnern vieler Capland-Städte noch darbietet, in den Diamantenfeldern jedoch ein alltäglicher war: daß der weiße Mann betrunkene Korannafrauen, wild fluchend, von Schmutz halb verzehrt, in den staubigen Straßen herumwanken sah, bis sich ihrer ein Wachmann erbarmte. Der Anblick eines unreinen, im Schlamm sich wälzenden Thieres könnte nicht mehr anwidern als jener. Wenn ich aber hinzufügen darf, daß in den Diamantenfeldern, in der Provinz Griqualand-West selbst, in dieser Beziehung ein lobenswerther, ein bedeutender Fortschritt geschah, daß die Regierung, um die materielle Lage ihrer farbigen Bevölkerung zu verbessern, die Summe von 3000 £ St. in Kantinenlicenzen (Kantinensteuern) aufopferte und sonst bemüht ist—obgleich gegen eine starke Opposition ankämpfend—den Verkauf des Brandy an Eingeborne zu beschränken, wird dies jeden einsichtsvollen Mann gewiß befriedigen. Unstreitig wird sich die materielle Lage der Eingebornen bessern, und sie als kleine Steuerzahler, den der Regierung durch jene Maßregel verursachten Schaden wieder gut machen.
Es ist zu hoffen, daß die in den letzten Jahren so vollkommen zerrütteten Verhältnisse, das über alle Begriffe demoralisirte Familienleben der Koranna's sich verbessern und sie namentlich als Viehzüchter und Ackerbauer etwas Bedeutendes leisten können. Einen kleinen Preis müßte die Regierung ausschreiben für jene, welche an ihren Hütten den einfachen europäischen Styl nachahmend, ihre Wohnungen sich selbst errichten, welche das meiste Feld bebauen, welche die schönsten Feldfrüchte gewinnen oder das beste Vieh aufziehen; so aufmunternd, edlere Gefühle in der bis jetzt nur noch von blinden thierischen Regungen erfüllten Brust zu wecken trachten. Die Koranna's könnten in der Holzschnitzerei und Steinschneiderei manches Gute leisten, wären also auch hier zu unterstützen.
Durch den moralischen Verfall der Koranna's im letzten Jahrzehnte haben dieselben die meisten ihrer früheren erwähnenswerthen Gebräuche außer Acht gelassen, ja ich möchte sagen; vollkommen vergessen; was sich jedoch noch bei ihnen erhalten hat, das ist eine Art Freimaurerthum. Die Mitglieder dieser Gesellschaft erkennen sich an einem äußeren Abzeichen, in der Regel drei auf der Brust ausgeführte 1-1½ Zoll lange (vernarbte) Schnitte. Ein Mitglied dieses Bundes findet überall, wo er zu Seinesgleichen hinkommt, die freundlichste Aufnahme, sowie er dem Hausherrn die Narben auf der Brust gewiesen, oder dieser, dem Besucher das Hemd an der Brust öffnend, das Zeichen erblickt hat. Solch' ein Freimaurer wird nun von dem Bruderhausherrn auf das Freundlichste aufgenommen, bewirthet, und einem Verwandten oder Familiengliede gleichgehalten. Will ein Koranna diesem geheimen Bunde beitreten, so macht er, da das Erkennungszeichen ziemlich bekannt unter dem Stamme ist, einem seiner Nachbarn, an welchem er ein solches beobachtet, seinen Entschluß bekannt, daß er beitreten wolle. Hat sich der Angesprochene überzeugt, daß der Antragsteller im Stande ist, die Kosten der Einweihungs-Ceremonie zu tragen, so meldet er es den in demselben Dorfe oder ringsherum Wohnenden, und wenn sich keine in der Nähe aufhalten, sondern weitab wohnen, so wird um diese gesendet und nachdem sie sich versammelt, die Einweihungs-Ceremonie vorgenommen, welche darin besteht, daß man dem neuen Bruder die gegenseitigen Unterstützungspflichten bekannt macht, und wobei er, von dem Aeltesten der Anwesenden mit den drei Schnitten gekennzeichnet, das Gelübde, jenen Verpflichtungen nachzukommen, abgibt und dies mit dem gewöhnlichen Schwure »so wahr als ich eine Mutter habe« bekräftigt. Eine Orgie beschließt diese Ceremonie, wobei einige Stück Rindvieh, Schafe und Ziegen geschlachtet werden und die Gesellschaft nicht eher scheidet, als bis alles consumirt ist.
Ich werde noch mehrfach Gelegenheit finden, diese in allgemeinen Zügen gehaltene Charakteristik dieses Stammes zu vervollständigen.
Nach einem fast dreistündigen Aufenthalte verließen wir Pniel, der Weg führte nun über bebuschte Hochebenen, welche von zahllosen rothen Flugsanddünen durchzogen waren, die unseren Zugthieren die größten Schwierigkeiten bereiteten. Wir mochten etwa zwei Drittel des Dünengürtels durchmessen haben, als unsere Thiere, erschöpft, nicht mehr von der Stelle zu bringen waren, und wir hier auf vorbeiziehende Batlapinen warten mußten, welche nach den Diamantenfeldern Holzhandel treiben. Wir waren schon mit der Herstellung unseres primitiven Nachtlagers beschäftigt, als uns der bekannte gedehnte Knall der Ochsenpeitsche (eines Monstrums in seiner Art) auf ein ankommendes Gefährte aufmerksam machte. Es waren, wie ich vermuthet, von Klipdrift kommende Holzfuhrleute; die Unterhandlungen über die geforderte Entlohnung waren bald beendigt, und der Wagen in kürzester Zeit aus der mit Dünen besäeten Ebene auf festem Boden in Sicherheit. Eine neue bange Sorge verursachte uns die Beischaffung des nöthigen Trinkwassers für unseren persönlichen Bedarf und zum Tränken der durstigen Thiere. Die Nacht war sehr dunkel, ein kalter Nordwind durchdrang unsere Kleider, nur ein ungewöhnliches Wetterleuchten am westlichen Horizonte erhellte zuweilen die tiefe Finsterniß.