Die Wegrichtung zum Strom war uns wohl bekannt, allein in der Dunkelheit, die uns kaum erlaubte, auf 40 Schritte hin deutlich zu sehen, war es uns unmöglich, uns über die Stelle zu orientiren, auf welche wir lossteuerten; es konnte ein steiler Abhang oder eine schlammige Uferpartie sein, beides gleich gefährlich.
Ich mein Reitpferd, meine weißen Gefährten je ein Paar der Zugthiere führend, steuerten wir, unseren zurückbleibenden Wagen allen Göttern empfehlend, in die Dunkelheit hinaus, von »Nigr« begleitet, der sich um die Dunkelheit wenig zu kümmern schien und vorwärtseilend durch lautes Bellen seine Befriedigung über den nächtlichen Ausflug kundgab. Anfangs ging es über eine kurz begraste Ebene, die nach dem öfteren Ausgleiten zu urtheilen, mit vielen breitblättrigen Liliaceen bedeckt zu sein schien, dann kamen wir an zahllose vom Regenwasser aufgewühlte Rinnsale, deren erstes uns ein Schrei meines Begleiters F. ankündigte, der bis zu den Hüften darin versank. Wir brachen von den unseren Weg säumenden Gebüschen Aeste ab, um damit das Terrain vor uns zu sondiren, doch half dies nicht viel, namentlich als wir uns dem Flusse nähernd, den Abhang heruntergingen. An den zahlreichen Mimosenzweigen blieb so manches wollene Wahrzeichen unseres kühnen Nachtmarsches zurück, der den Koranna unwillkürlich Achtung abringen mußte.
Am Flusse angelangt, war eine sichere Tränkstelle nicht anders zu entdecken, als daß wir selbst mit Stöcken den schlammigen Ufergrund sondirend, nach einer solchen suchten. Unsere Bemühungen waren über alles Erwarten glücklich, nur wenige Schritte unterhalb unserer Haltstelle stieß mein Begleiter F. auf einen vorzüglichen Tränkplatz. Nachdem die Pferde mit aller Vorsicht einzeln getränkt waren, hieß es, den Rückweg zum Lagerplatze auf der Hochebene antreten. Dies war nichts Leichtes, denn wir hatten uns bald überzeugt, daß wir beim Abstieg zu sehr vom directen Wege abgekommen waren. In der herrschenden undurchdringlichen Finsterniß war unser Beginnen nicht ohne Gefahr, nach wenigen Schritten, die wir vom Ufer ab zurückgelegt hatten, versperrte uns eine dichte Gebüschbarriere den Weg, wir mußten also versuchen, stromaufwärts freieres Feld zu gewinnen, ein in den letzten Zügen flackerndes Feuer in der Entfernung von etwa 600 Schritten wies uns auf die richtige Fährte. Vor Kälte zitternd (das Thermometer zeigte blos 7 Grad Reaumur) langten wir endlich am Wagen an, der heftige Wind und ein vom Blitz und Donner begleiteter Regenschauer machten alle Versuche, ein tüchtiges Feuer zu entzünden, zu Schanden. Obwohl auf das Aeußerste ermüdet, wollte dennoch kein Schlaf unsere Glieder stärken, die durch das Unwetter unruhig gewordenen Pferde zerrten ununterbrochen an unserer »Arche« und vereitelten dadurch jeden Versuch, Morpheus an uns zu fesseln, mit Gewalt. Da sich die Pferde durchaus nicht beruhigen ließen, vermutheten wir, daß sie durch herumschleichende Hyänen beängstigt wären und durchstreiften die nächste Umgebung, indeß ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen.
Gegen Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir weiter gegen Klipdrift auf. Kleine in unsern Weg mündende Thälchen und mit hohem Busch bestandene Ebenen brachten in die bisherige Monotonie einige Abwechslung und waren durch Deuker und Steinbockgazellen belebt, auch die graue Zwergtrappe tummelte sich zwischen den in kleinen, dichten Gruppen stehenden, 6-12 Fuß hohen Büschen. Beide Gazellen halten sich tagsüber in dem niedrigen und dichten Gebüsch im Versteck, die Steinbockgazelle (Tragalus rupestris) verläßt dieses nur zur Nachtzeit oder bei annähernder Gefahr. Ich glaube auch darin, daß sie des Tageslichtes entwöhnt ist, den Grund des Erblindens der in der Gefangenschaft gehaltenen Thiere (zu 90 Percent) zu finden. Im minderen Grade ist das bei dem Deuker (Cephalolophus mergens) der Fall, da er auch zuweilen tagsüber der Nahrung nachgeht. Geübte Schützen jagen beide Thiere mit dem Riflestutzen; unter allen Umständen erfordert das Erlegen der zierlichen, kaum 20 Zoll hohen Gazelle auf 200-400 Schritte Entfernung eine meisterhafte Handhabung der Waffe.
»Sportsmänner« jagen die schönen Thiere mit Windhunden; ähnliche Thierquälerei, einem der unschuldigsten Thiere gegenüber, hat der Weiße auch in allen anderen Welttheilen eingeführt. In Süd-Afrika war es bisher nur unter den Eingebornen im Gebrauch, schädliche und namentlich des Pelzwerkes halber nützliche Thiere mit Hunden zu jagen und selbst bei diesen verkürzte man thunlichst die Dauer der Verfolgung. Dazu gehören die südafrikanischen Schakale (Canis mesomelas und cinereus), der Kamafuchs, sowie der Erdwolf (Proteles Lalandii), die Genettkatzen und das Scharrthier.
Der Steinbock, von den Boers »Steenbuck« genannt, sowie der Deuker oder Ducker sind in den dichtbebuschten und bewaldeten Partien am Abfalle des süd- und centralafrikanischen Hochplateau's nach der Küste zu durch den Grysbock (Tragalus melanotis) und den kleinen Blaubock (Cephalolophus coerula), nach Norden hin durch den auf den Ebenen des Salzpfannengebietes paarweise, jenseits des Zambesi in kleinen Heerden lebenden Orbecki vertreten.
Die Fahrt über die bebuschten Hügelpartien nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, denn der Weg glich dem trockenen Bette eines mit Geröll übersäeten Wildbaches, der Wagen kam in die bedenklichste Situation, seine Schwankungen kosteten einem unserer Hunde, der sich unvorsichtiger Weise zu nahe gewagt, das Leben. Endlich war die Vaal-Fähre erreicht und wir alle gegen zehn Shillinge Entlohnung über das Wasser gesetzt.[[1]]
[1] Zur Trockenzeit benützen die Wägen eine unterhalb der Fähre befindliche Furth.
Am rechten Ufer des Vaal angelangt, schlugen wir in unmittelbarer Nähe von Klipdrift, am Fuße einer Anhöhe unser Lager auf. Mit anderen südafrikanischen Orten verglichen, verdient Klipdrift ein hübsches Städtchen genannt zu werden. Aus etwa 150 theils steinernen, theils Eisenblechhäusern (die Ueberreste des früher 5000 Einwohner zählenden Hauptortes der River-Diggings) bestehend, liegt es am Abhange niedriger, kaum 80 Fuß das Niveau des Flußbettes überragender, mit unzähligen dunkelbraunen Felsblöcken (Trapdykes) bedeckter Höhen; der aus Südsüdost kommende Fluß macht hier eine Biegung nach West. Kleine, theils kahle, theils begraste, hie und da mit Bäumen bedeckte Inseln in dem ober- und unterhalb Klipdrift über Felsenblöcke rauschenden Strome verleihen dieser Ansiedlung einen nicht geringen Reiz. Zur Zeit meines Besuches schmückten hohe Bäume beide Ufer des Flusses, von denen das linke höher als das rechte ist.
Lange Zeit besaß Klipdrift eine architektonische Merkwürdigkeit, nämlich das einzige aus Steinen erbaute einstöckige Haus, das Kanzleigebäude der »Standardbank«, eines Institutes, dessen Noten vollen Goldwerth haben. Am Ostende von Klipdrift schließt sich die native location (die Niederlassung) der farbigen Eingebornen an, damals von Koranna's Batlapinen und Barolongen bewohnt, von welchen gegenwärtig nur noch die beiden ersten Stämme vertreten sind. Das Aeußere dieser Eingebornen-Niederlassung erhält durch ein buntes Gemisch verschiedener Baustyle (Korannahütten, Basutohütten und in europäischem Style aufgeführte Holz- und Lehmhäuschen) einen eigentümlichen Charakter.