Nach und nach senkte sich das Land gegen den Hart-River, dessen Thal breit und offen erschien, und im Norden aus der Ferne durch den »N'Kaap«, den bebuschten und felsigen Abfall des Hochlandes begrenzt wird. Die Vereinigung des Hart- und Vaal-Rivers wurde mir immer als ein besonders schönes Landschaftsbild geschildert, ich fand dies blos als Gegensatz zu dem an schönen Naturscenerien so armen Gebiete Griaqualand-West bestätigt.

Von Süden kommend, breiten sich hier die vorher über Stromschnellen dahin rauschenden Gewässer des Vaalflusses in einem geräumigen schlammigen Bett aus, wo sie ruhig dahinfließend sich gleichsam etwas Rast gönnen um unmittelbar vor der Mündung des aus Nordost kommenden Hartflusses eine plötzliche Wendung nach West zu machen, und nachdem sie diese Richtung für eine kurze Strecke verfolgt, eine entschieden südsüdwestliche zu nehmen. Das linke Vaalufer an der Biegung ist sumpfig, mit hohen Bäumen bestanden und birgt so manche Wildkatze, Luchse und ähnliches Raubgethier, sowie einige Heerden verwilderter Schweine.

Die südliche Partie des rechten Ufers, in den oberen Schichten aus Humus, in den unteren aus Lehm gebildet, ist eine fruchtbare, nur unmittelbar an der Flußmündung mit hochstämmigen Bäumen bewachsene Ebene. Das jenseitige Ufer des Hartflusses ist viel höher, steigt auch zu einer Felsenhöhe empor, die von Schieferlagern gebildet und von petrefactenarmem Kalk überlagert, jene oben erwähnte nach dem N'Kaap hinziehende Hochebene bildet. Diese Höhe fällt unmittelbar am Vaalflusse oberhalb der Biegung steil ab, und wird von einer hier einmündenden Schlucht getheilt, welche ich manches interessanten Fundes halber (meiner Vaterstadt zu Ehren) die Holitzer Schlucht nannte und die kaum 300 Schritt von der Hart-Rivermündung entfernt liegend, mit der von Hübner entdeckten Klippdachsgrotte nicht zu verwechseln ist. Beide Ufer des unteren Hart-River gehörten früher zum Besitze des 3 englische Meilen entfernt am rechten Ufer in der »Stadt« Lekatlong wohnenden Batlapinenfürsten Jantsche, der gegenwärtig als englischer Unterthan eine jährliche Subvention von 200 £ St. erhält.

Der Abstieg von der hohen Ebene von Gong-Gong in das Hart-Riverthal führte uns an dem im bereits bekannten südafrikanischen Styl erbauten Gehöfte eines Store-Keepers (Kaufmannes) vorüber. Der freundliche Empfang, den wir bei diesem fanden, brachte uns bald näher und so erfuhr ich, daß er ein Deutscher sei, der an eine holländische Frau verheirathet, im nahen Delportshope sein Glück im Diggen versuchte, dabei aber noch ein kleines Tauschgeschäft mit den Batlapinen des unteren Hart-Riverthales betrieb und das Holz der Kameeldornbäume, die hier das jenseitige Ufer des Vaal dicht bedeckten, auf dem Markte in Kimberley verkaufte.

Seine uns bewiesene Gastfreundschaft und das Bestreben, sich uns gefällig und nützlich zu erweisen, hätte bald ein Menschenleben gefordert. Als er meine naturhistorischen Sammlungen, all' die von ihm so verabscheuten Reptilien und das giftige Gewürm in theurem Spirit of wine (Spiritus) präparirt sah, war sein Erstaunen nicht gering, da er aber bemerkte, welchen Werth ich auf die Acquisition schöner Exemplare dieses »Gut« (spr. Chut) legte, war er bemüht, mir solches zu verschaffen. Besondere Freude glaubte er mir durch den Fang einer Fischotter[[1]] zu bereiten. Da es schwer hielt, die scheuen Thiere lebendig zu fangen, wollten er und seine Freunde mir mindestens zu einigen Bälgen verhelfen. Ein junger Holländer hatte deshalb sein altes Schrotgewehr geladen, jedoch zu stark, beim Schusse barst das Gewehr—glücklicherweise ohne den Schützen oder Jemanden seiner Umgebung zu verletzen.

[1] Ich beobachtete drei Fischotterarten in Süd-Afrika, eine in den Strömen der südlicheren Partien und zwei im Limpopo- und Zambesi-Gebiete. Wenn die eine auch größer als die unsrige ist, hat doch keine der drei Arten einen gleich werthvollen Pelz.

In der durch Jahrtausende hindurch thätige Erosion ausgewaschenen Felsenmulde der Holitzer Schlucht, machte ich bei näherer Besichtigung derselben die interessante Entdeckung, daß dieselbe ein wahres schützendes Asyl für die artenreiche niedere Thierwelt und ein natürliches Treibhaus für die Vegetation sei. Während ich an den offenen Ufern des Vaal körner- und insectenfressende Singvögel nur in kleinen, mehrere Pärchen zählenden Colonien vorfand, wiederhallten hier die dichtbebuschten, bald terrassenförmig, bald steil abfallenden Wände der Schlucht von dem tausendstimmigen Gezwitscher der verschiedenartigsten Sänger. Die Bezeichnung »schützendes Asyl« ist eine um so zutreffendere, wenn wir die Lage und Umgebung der Schlucht näher in's Auge fassen. Die Schlucht—offenbar nur die Fortsetzung, d.h. das durch das Wasser muldenartig ausgewaschene Ende eines seichten Wiesenthales der Hochebene—ist an ihrem oberen Rande derart von dichten und dornigen Büschen eingerahmt, daß nur sehr kleine Thiere ungehindert Zu- und Ausgang finden; nach unten ist sie vom Flusse aus begrenzt, dessen steiles und hohes Felsufer, eine wirksame Schutzwehr gegen mordlustige Eindringlinge bildet.

Am Grunde der Schlucht, unter dem Schatten breitstämmiger, dichtbelaubter Bäume, erfreut uns das dunkle, saftige Grün eines üppigen Rasens; hier konnten wir das muntere Treiben der Springhasen, kleiner Gazellen, des Klippdachses und der Wildenten belauschen, während aus dem dichten Laube der Bäume das Geschnatter einer hier in Ruhe nistenden Chenalopex (Gansart) heraustönte. Den Reiz dieses verborgenen Erdenwinkels erhöhte das Rauschen eines von den dichten beerenbehangenen Büschen fast völlig verdeckten Wasserfalles im oberen Theile der Schlucht, dessen Ufer (von einer Kalksteinlage überdeckter Sandstein) grottenähnlich ausgehöhlt sind. Zur Trockenzeit versiegt nun allerdings das die ganze Scenerie belebende Rauschen des Bächleins. Mein Entzücken über dieses aus der anmuthslosen Umgebung edengleich hervorstechende Plätzchen war vollständig, als ich am Boden der Schlucht eine dichte Lage von Fossilien der letzten Alluvial Periode, darunter auch eine Tigerschneckenart entdeckt hatte.

An einem der zahlreichen, sein Geäste über die Schlucht ausbreitenden Bäume entdeckte ich einen mächtigen Nestbau, den ich für den eines Affen hielt, jedoch später erkannte, daß er einem der größten befiederten Nestkünstler, dem Hammerkopf angehöre. Dieser etwa 18 Zoll hohe, durch ein schön braunes Gefieder und einen langen Schopf am Hinterkopfe ausgezeichnete Vogel baut zwischen den Gabeln starker Aeste meist solcher Bäume, welche Abgründe und Flüsse überhängen, oder zwischen steilen Felsenklüften sein 18 Zoll bis 3 Fuß hohes im oberen Umfange 6-8 Fuß haltendes, nach unten spitzig zulaufendes Nest, das einem abgestutzten, oben umgekehrten Kegelkörper nicht unähnlich ist. Das Ganze stellt einen soliden, oben gedeckten und eine geräumige Kammer enthaltenden Bau dar; in die Kammer führt eine viereckige 8-10 Zoll im Quadrat messende Oeffnung. Der Bau, in dem eine Menge von Knochen anzutreffen sind, ist meist aus Reisig aufgeführt.

Doch auch dieses Eden, vielleicht nicht unrichtig mit einem im tauben Flußgerölle verborgenen Diamanten zu vergleichen, hatte seine Schlangen. Ich fand in der Holitzer Schlucht nicht weniger als sieben Arten, unter diesen zwei Species der in ganz Süd-Afrika wohl bekannten Cobra. Das erste Thier erblickte ich in dem Momente, als ich Insecten suchend, einen schweren Stein aufhob. Anfangs bemerkte ich nur, daß sich unter demselben in einer mäßigen Vertiefung die Reste eines Mausnestes befanden; der durch das Laubdickdicht dringende Sonnenstrahl ließ mich aber sofort die glitzernde Haut einer Schlange erkennen. Da ich keine geeignete Angriffswaffe bei mir hatte, blieb ich unbeweglich stehen, um nach der Flucht der Schlange das Nest nach kleinen Insecten durchstöbern zu können. Ich hatte auch nicht lange zu warten; durch die warmen Sonnenstrahlen geweckt, löste sich aus dem weichen Wollbettchen ein über vier Fuß langer Knäuel auf. Beim Emporrichten erblickte mich die Schlange sofort und schon fauchte sie, wie es die Cobras[[1]] thun, mit dem vorderen Drittel ihres Körpers aufgerichtet, nach mir herüber. Dabei blähte sie den dunkelgefärbten, ringförmigen, etwa zwei Zoll breiten Halstheil auf und züngelte lebhaft mit der gespaltenen dunklen Zunge. Meine Haltung mußte in ihr die Besorgniß einer drohenden Gefahr erweckt haben, denn sie verschwand bald darauf im dichten Gebüsch.