Ich kroch nach meiner früheren Stelle zu, an den westlichen Rand, bückte mich nieder, um rasch noch einmal laden und einen der schönen Böcke erlegen zu können. Ich führte eben die Kugel ein, als ich über mir ein Pusten und Fauchen vernahm. Aufblickend, erschrak ich wie selten zuvor. Ohne mich zu bemerken, war die von mir beobachtete Gnuheerde im vollen Laufe nach dem Durchgangspfade herangeraunt gekommen, die bemähnten Köpfe tiefgesenkt, den weißen Schwanz hochgehoben, kamen sie wie ein Sturmwind herangebraust. Noch einige Momente und ich lag unter ihren Hufen. Da ich mich nach der näheren Bekanntschaft mit ihren Hörnern und spitzen Hufen durchaus nicht sehnte, sprang ich rasch auf, um mit lautem Geschrei und durch das Abfeuern des Gewehres, die Thiere zu erschrecken, zum Stillstand, wo möglich zur Rückkehr zu zwingen.
Gesagt, gethan. Aufspringend und das Gewehr schwingend schrie ich laut auf. Da stutzten die Thiere. Die struppigen Köpfe richteten sich auf mich—ein Schuß und der vorderste Stier wandte sich, den Kopf tiefgesenkt und laut aufbrüllend, zweimal im Kreise herum, dann nach rechts, gefolgt von der Heerde, nach etwa 10 Schritten drehte er sich wieder um, beschrieb einen Kreis, abermals von der ganzen Heerde gefolgt, und dieses Manier von Zeit zu Zeit wiederholend, entfernte sich die Heerde mit hochgehobenen Schwänzen und laut brummend.
Bevor jedoch die Thiere zum zweiten Male sich im Kreise gewendet hatten, sandte ich ihnen eine wohlgezielte Kugel nach, mir ein halberwachsenes Thier der Heerde auswählend. Trotzdem, daß ich das Geschoß einschlagen hörte, schien sich das Thier, ohne Schaden gelitten zu haben, zu entfernen. Da ich meines Schusses auf's Blatt, wie ich glaubte, sicher war, folgte ich den Thieren im Schweiße meines Angesichts in der brennenden Sonne etwa vier englische Meilen nach—doch vergebens; das Thier blieb wohl das letzte in der Heerde, allein die Entfernung zwischen mir und den Thieren wurde immer größer, auch war ich derart ermüdet, daß ich endlich die Verfolgung aufgeben und enttäuscht zum Wagen zurückkehren mußte.
Nachdem ich mich etwas gestärkt, machte ich mich mit Gert auf, um der Spur des angeschossenen Gnu zu folgen; es war nicht schwer, sie zu finden, wir folgten der Spur der Heerde von der Stelle, die ich bei dem Anpralle der Gnu's innehatte und wohl bis zwei Meilen weiter als ich früher die Verfolgung aufgegeben—es waren im Ganzen fünf Stunden seit dieser Zeit verflossen—fanden wir, schon halb abgenagt, den Cadaver eines jungen Gnu-Stieres, den wir den zahlreich versammelten Geiern als Beute überlassen mußten. Ich wurde jedoch durch diesen Mißerfolg so verstimmt, daß ich am selben Tage das Lager abbrach und unsere Reise nach dem Innern der Transvaal-Republik fortsetzte.
Als Ziel meiner Reise hatte ich mir die am oberen Moi-River gelegenen Wonderfonteiner Felsenhöhlen gewählt, von wo ich den Rückweg nach den Diamantenfeldern anzutreten gedachte. Als wissenschaftliche Ausbeute brachte mir der Aufenthalt am Klipspruit einen hübschen jungen Wasserleguan, einige Fischottern, Insecten, Skolopender und Pflanzen, namentlich Gramineen, und einige Grünsteinvarietäten ein.—Wir fuhren spät in die Nacht hinein und hielten an einer Ebene etwa vier Meilen nordöstlich von der Klipspruit-Furth an. Die Nacht war schön, ziemlich hell und während wir beim Abendfeuer sitzend unsere Erlebnisse an den Ufern des genannten Spruit besprachen, hörten wir wiederholt in einer mäßige Entfernung das Brummen der Gnu-Stiere, manchmal auch einen dumpfen Schlag, der sich dann einige Male wiederholte, ein Schall, der von den Anpralle der übermüthigen, sich mit ihren breiten Hörnern anrennenden Thiere herrührte. Das am Abende von allen Seiten beginnende, dann sich von Mitternacht an bis gegen Morgen wiederholende Schakalgebell und jenes langgezogene häßliche Hyänengeschrei zeigten, daß die wildreichen Gegenden auch zahlreiche hundeartige Raubthiere beherbergten.
Auch die Reise am 27. März führte uns durch wildreiche Gegenden, nur daß jetzt die Senken, in denen sich die Spruits wanden, tiefer wurden und stellenweise mit Buschwerk bestanden waren. Manche der letzteren beherbergten die von der südlichen Meeresküste bis über den Zambesi hinaus verbreiteten Perlhühner.
Dieser wild lebende Hühnervogel gehört unstreitig zu den interessantesten Erscheinungen der afrikanischen Vogelwelt und da er in den bewaldeten Gegenden ziemlich häufig vorkommt, mehrt er sich rasch, trotzdem er vielfach gejagt wird. Der liebste Aufenthalt des Vogels, der in Ketten zu 10-40 Stück haust, sind bebuschte und bewaldete Gegenden in der Nähe von Flüssen oder nie versiegenden stehenden Gewässern. Von unserem Perlhuhn unterscheidet er sich namentlich durch seinen hornartigen Auswuchs auf der Stirn. Ich will vorläufig nur der Jagdweise Erwähnung thun, die ihn uns bekannt machte.
Am Vaal-, Hart-River und den anderen Nebenflüssen des ersteren jagt man diese Vögel mit dem besten Erfolge 1½-2 Stunden vor Sonnenuntergang, zur Zeit wo die Thiere von der Weide aus der hie und da bebuschten Ebene, in anderen Gegenden aus den Büschen und Wäldern zur Tränke eilen, woselbst sie dann gewöhnlich auf den höheren Uferbäumen übernachten. Es läßt sich fast mit Sicherheit die Tränkstunde auf 4 Uhr Nachmittags für alle Jahreszeiten feststellen. Gewöhnlich wählen die Thiere einen und denselben Pfad; hat man sich nahe an diesem Pfade versteckt und blickt man etwa um ½ 4 Uhr von dem Gewässer landeinwärts, so wird man, wenn es die Witterung gestattet, eine Staubwolke sich herannahen sehen, einige Minuten später vernimmt man die ersten Gackerlaute, ohne die Vögel selbst noch zu erblicken. Die Staubwolke wird dadurch erzeugt, daß die zur Tränke eilenden Thiere noch auf ihrem Wege unausgesetzt im Sand oder Thonboden nach Insecten und Samen scharren. In dichtem Grase erleichtern die übrigen Vögel den Hühnern die Arbeit dadurch, daß sie alle zeitweilig ihr Köpfchen erheben und für einige Sekunden Rundschau halten; ist das Gras 3 und über 3 Fuß hoch, so beobachtete ich, daß die Führer 10-15 Schritte weit voraus eilten und von Zeit zu Zeit aufflogen, richtiger gesagt aufsprangen, um sich umsehen zu können. Hatten sie etwas Verdächtiges gesehen, oder näherte sich ein Mensch oder ein Raubthier von vorne her, so ergriffen sie mit lautem Gackern die Flucht, und leisteten darin wahrhaft Unglaubliches. Ich kenne wenig Vögel, welche so schnell laufen können; es geht so rasch im Wildpfade vorwärts, daß der mit den Gewohnheiten dieser Thiere wenig vertraute Jäger sie während des ganzen Tages nicht mehr zu Gesicht bekommt. Kennt man jedoch ihre schnelle Flucht und sendet man ihnen Hunde nach, oder hat man sich versteckt gehalten und tritt man plötzlich ihnen entgegen, so fliegen sie auf und da sie einen schweren Flug haben, so ist es für einen halbwegs guten Schützen leicht, mit jedem Schusse eines der Thiere herunterzuholen. Von den Eingebornen droht ihnen, wie auch dem übrigen Wildgeflügel, keine große Gefahr. Ich beobachtete, daß blos die Koranna's den Vögeln einigermaßen nachzustellen pflegten, sie mit Hilfe ihrer Hunde aufstöberten und dann—ohne Schrot—mit den harten Körnern des »Blue-bushes« (eine eßbare kleine Frucht) niederschossen.
Am Nachmittage des 27. März gelangten wir zum Matheusspruit. Trotz der regenreichen Jahreszeit war der Spruit ziemlich ausgetrocknet und neben dem Wege ein kleiner Damm quer über sein Bett errichtet und dadurch ein Teich gebildet. An einem nahen Abhange breitete sich ein dichtes Gebüsch aus, in dem einige verarmte Boers-Familien wohnten, welche über die Vorüberreisenden wie Raubvögel herfielen und sie in folgender schlauer Weise auszubeuten suchten.
Zog ein Boer aus dem Transvaal-Gebiete nach den Diamantenfeldern, um seine Producte auf den Markt zu bringen, oder kehrte er zurück, oder waren es—damals begann schon die Auswanderung—Unzufriedene aus den Diamantenfeldern, welche die Leydenburger Goldfelder aufzusuchen im Begriffe waren, so kamen wie zufällig einer oder zwei dieser Boer's aus dem Gebüsche heraus und auf den Wagen zu, knüpften ein Gespräch an, und gaben sich den Anschein, in Tauschhandel treten zu wollen, worauf sie dann auf die gute Weide und auf das schöne Dammwasser hinzuweisen nicht vergaßen und zum »Utspannen« (ausspannen) einluden; half dies nichts, so wußten sie die Wasserarmuth der nächsten Strecke bis Klerksdorp in den düstersten Farben zu schildern. Gaben die Reisenden nach, so waren sie bald darauf von drei und mehreren Ohmen, ihren Frauen und einem Rudel schmutziger Kinder umringt und ihre Vorräthe gebrandschatzt. Auch ich ging ahnungslos in die Falle.