Schon den folgenden Tag nach unserer Ankunft brach ich wieder auf, um meine Reise gegen Potschefstroom, der bevölkertsten Stadt der Transvaal-Republik, fortzusetzen. Auf dieser 34 Meilen langen Strecke überschritt ich drei trockene Spruits, den Kockemoer, den Matchavis und den Bakenspruit, welche gleich den vorhergenannten so ziemlich parallel von Norden nach Süden dem Vaal-River zuströmen. Das Land ist mehr hügelig als jenes zwischen Bloemhof und Klerksdorp; die flacheren wie die tieferen Thäler scheinen sehr fruchtbar zu sein. Zwischen Klerksdorp und den Kockemoerspruit überschritten wir eine stellenweise morastige Hochebene, welche unserem raschen Vorwärtskommen Schwierigkeiten bereitete. Zwei tief in den Modder (Morast) eingefahrene Wägen mahnten uns zu größter Vorsicht. An manchen Stellen mußten wir den Schlamm ausschaufeln, dann Steine in die so erzeugte Mulde werfen, um einen harten Untergrund zu gewinnen und dann rasch mit lautem Peitschengeknall und Geschrei die Zugthiere zum Anspannen ihrer ganzen Kräfte aufmuntern. An anderen Stellen hieß es, die unliebsamen Strecken zu umfahren; dies gelang zuweilen an einer, jedoch fanden wir an anderen den Wiesengrund so aufgeweicht, daß sich die Räder tief einschnitten, als wenn die breiten Eisenbänder mit scharfen Schneiden versehen gewesen wären.
Zur Zeit meines Besuches geschah für die Communicationswege in der Transvaal-Republik fast nichts. In der unmittelbaren Nähe von Potschefstroom fand ich die Wege im schlechtesten Zustande.
Am nächsten Tage führte uns der Weg am Fuße eines höheren Felsenhügels vorüber; die Scenerie der Landschaft auf diesem Punkte war nebst jener bei Klerksdorp die anziehendste auf der Gesammtstrecke meiner ersten Reise. In dem flachen hochbegrasten Thale des Bakenspruit war eine zahlreiche Heerde von grauen Kranichen mit der Heuschreckenjagd beschäftigt, auch einige ruhig zwischen den Vögeln grasende Springbockantilopen fielen uns auf. Nimrod F. versuchte sein Müthchen an den arglos weidenden Thieren zu kühlen, doch wie bisher ohne anderen Erfolg, als ob seiner staunenswerthen Ungeschicklichkeit von uns herzlich ausgelacht zu werden.
An der etwas morastigen Furth fanden wir Tausende von Schwalben, welche sich auf dem nassen Grunde niedergelassen hatten. In höherem Grade als unsere Hausschwalben sind die südafrikanischen Species wahre Menschenfreunde und so zutraulich, daß sie sich nicht nur in den Gängen eines Hauses, die eine stets offene Communication mit Außen verbinden, sondern auch in bewohnten Zimmern, in denen die Fenster durch längere Zeit offen gelassen waren, anzubauen versuchen. Ich habe mehrere derartiger Fälle beobachtet. Die Nester der südafrikanischen Schwalben sind auch kunstvoller als jene der europäischen Hirundo erbaut, indem sie frei an einer horizontalen Decke angeheftet, mit einem bis zwei Fuß langen geraden oder unbedeutend geschlängelten bedeckten Gange versehen sind, so zwar, daß Gang und Nest ein Ganzes darstellen. Die südafrikanischen Schwalben-Arten, sowie die Ziegenmelker- (Caprimulgus) Species sind zahlreicher als die europäischen vertreten, allein ich beobachtete bei keiner der ersteren eine so starke und doch so melodische Stimme, wie sie die europäische Hausschwalbe auszeichnet.
Vom Bakenspruit fuhren wir über eine Felsenstraße und hatten einen Bergsattel zu überschreiten, von dem wir in ein Seitenthal des Moi-Rivers einfuhren, welch' letzteres über der Einmündungsstelle zu einer weiten Ebene sich ausbreitend, zum Aufbaue einer Niederlassung hinreichenden Raum bot, auf dem sich gegenwärtig Potschefstroom oder das neue Moi-Riverdorp erhebt. Die Abhänge, an denen entlang der Felsenweg führte, lohnten reichlich die Mühe des Botanikers und nach den zahlreichen in den Höhen zur Linken, von denen die höchste etwa 4000 Fuß über dem Meere sich erhebt, theils Vieh- und Ziegenheerden hütenden, theils Holz sammelnden Eingebornen dachte ich auf eine Eingebornenstadt in diesen westlichen Potschefstroomhöhen schließen zu müssen. Als ich darüber fragte, theilte man mir mit, daß daselbst eine Stadt der Mohavis, eines Betschuana- (Barolong?) Stammes liege.
Aus dem hochbegrasten Seitenthale in das geräumige, an beiden Ufern in der Entfernung einiger englischen Meilen von Höhenketten und isolirt stehenden Höhenkuppen begrenzte Thal des Moi-Rivers—eines stets fließenden Gewässers—einbiegend, sahen wir Potschefstroom vor uns liegen. Aus der Entfernung erscheint es dem Besucher bedeutend kleiner als es wirklich ist, was sich wohl dadurch erklärt, daß sich die Stadt in einer Ebene ausbreitet, ein Parallelogramm bildet und die Straßen so wie die Gärten an den Häusern mit dichtbelaubten Bäumen bepflanzt sind. Schon zur Zeit meines Besuches im Jahre 1873 war Potschefstroom eine der bedeutendsten Städte Süd-Afrika's, seither hat sie sich noch bedeutend entwickelt und gehoben.
Sie war die Gartenstadt der Republik und wird diesen Rang auch in der Transvaal-Colonie behaupten, so wie sie bis heutigen Tages die bedeutendste Handelsstadt des Landes ist und nur durch den Bau der Delagoa-Middleburg-Bahn von Pretoria überflügelt werden würde. Zur Zeit meines Besuches schätzte ich die Einwohnerzahl auf etwas über 4000 Seelen, welche Zahl sich jedoch höher herausstellt, wenn wir das sogenannte alte Moi-Riverdorp, d.h. die dicht aneinander liegenden, am nördlichen Stadtende beginnenden und flußaufwärts im Thale des Moi-Rivers an beiden Ufern meilenweit sich hinziehenden Farmen in Betracht ziehen. Der Fluß, ziemlich stark strömend und viele dichtbeschilfte Sümpfe bildend, umfließt die Stadt an ihrer östlichen Seite. Sein Wasser ist die meiste Zeit hindurch klar und beherbergt zahlreiche Vaal-Riverfische und Krabben, seine Ufer Fischottern, Wildkatzen und Leguane. Von dem Flusse aus, und auch, wenn ich nicht irre, von den Höhen von Westen her versieht eine Wasserleitung die Gärten der Stadt, sie an ihrer westlichen Seite umfließend, von welchem Hauptstrome kleine Bächlein zu den zahlreichen Häusergruppen geleitet sind.
In der Sommerszeit wuchert in den weniger bewohnten Straßen üppiges Gras, allein selbst in der Trockenzeit gleicht die Stadt, ob der vielen immergrünen, meist ausländischen und hier eingeführten Bäume, Cupressineen, Eucalyptusarten, Epheu etc., welche im Moi-Riverthale sehr gut gedeihen, mit ihren reinlich angetünchten, schmuck aus dem dunklen Grün hervorblickenden, theils flachdachigen, theils begiebelten Häusern, einem Garten, der sich namentlich aus der gelblichen Grundfarbe des ringsum auf dem weiten Thalboden vertrockneten Grases ausdrucksvoll hervorhebt. Sind jedoch—wie es zur Zeit meines ersten und zweiten Besuches (1873 und 1874) der Fall war—die entfernten, mäßig hohen Hügel und die breite Thalebene mit hohem, üppigem Gras bedeckt und haben sich die Ufer des Flusses in zwei, mit weißen, feuerrothen und gelben Blüthen bedeckte Blumenbeete verwandelt, dann ist die wahre Zeit gekommen, wo Potschefstroom, im schönsten Schmucke prangend, den Ehrentitel der Blumenstadt des Transvaal-Gebietes verdient.
Die Straßen sind gerade—die Stadt ist in »Blocks« ausgemessen—mehrere geräumige Plätze, von denen der bedeutendste theilweise als Markt und Auctionsstätte dient, finden sich an der Bereinigung mehrerer Straßen. Unter den Kirchen bietet das englische, epheuumringte Kirchlein ein schönes idyllisches Bild. Sonst finden wir an öffentlichen Gebäuden nicht eines, das über das Niveau der gewöhnlichen, neueren südafrikanischen Städtebauten hervorragen würde. Die Stadt ist der Sitz eines Magistrats, des portugiesischen Consuls, einiger Volksschulen, und treibt regen Handel mit Natal; mehrere Mühlen und Lohgerbereien sind außerhalb der Stadt angelegt. Die Haupt-Ausfuhrartikel sind Mehl, Getreide, Tabak und Schlachtvieh nach den Diamantenfeldern, nach Natal Tabak, Vieh, Häute und Carossen, auch etwas Straußenfedern und gegenwärtig nur wenig Elfenbein. Ein guter Theil der Handelswaren aus Natal, dem Oranje-Freistaat und den Diamantenfeldern hat auf seinem Wege in das Innere des Landes Potschefstroom zu passiren.
Ohne daß die Gebäude der Stadt durch architektonischen Schmuck hervorragen, sind doch sowohl die Geschäftslocale feste, ihren Zwecken vollkommen entsprechende, geräumige Bauten, als auch die Wohngebäude nett und niedlich, viele gleich eleganten Villen eingerichtet. Was speciell oft jedem einzelnen, ja sogar einfachen Häuschen besonderen und der Stadt einen allgemeinen Reiz verleiht, das sind die sie umschließenden Obst- und Gemüsegärten und Gärtchen, sowie die vielen, mit Hunderten und Tausenden, hier hellen, dort dunkelrothen Blüthen geschmückten dichten Rosenhecken und Zäune aus hohem Feigengebüsch oder solche von der in einem schönen, glänzenden, dunklen Blattkleide und mit feuerrothen Blüthen prangenden, späterhin mit faustgroßen Früchten überladenen Granatäpfelstaude gebildet. Ueberall grünt, blüht und duftet es und mehrere Monate hindurch winken reife Früchte an den Hecken, Büschen und Bäumen. Ohne große Mühe können die Gehöftbesitzer ihren jährlichen Bedarf an Grünzeug und Obst ziehen, ohne dabei ihrem Ländchen den Reiz des Blumengartens zu benehmen.