An den meist von stetig fließenden Bächlein durchrieselten Straßengräben stehen riesige, in heißer Sonnenhitze erquickenden Schatten spendende Trauerweiden, welche mit dem lichteren Grün ihrer Blätter und den schwermüthig herabhängenden, dünnen, doch mit dichtem Blattwuchs beladenen Zweigen deutlich und um so anmuthiger von den dunkel nüancirten Kronen der Obstbäume, den noch dunkleren Eucalyptusblättern, den spitz zulaufenden Blättern des Lebensbaumes und dem dunklen Grün der Cypressenbäume abstechen.
Wir hatten nicht weit von den Friedhöfen in unmittelbarer Nähe der Stadt ausgespannt und wechselten uns bei dem Besuche derselben ab, um den Wagen nicht ohne Aufsicht zu lassen. Unsere Ankunft war nicht unbemerkt geblieben, bald hatte sich einer der dunkelfarbigen Konstabler eingestellt, um sich über unsere Absichten und den Inhalt des Wagens zu informiren. Ihn folgte bald der Clerk (Gehilfe) des Marktmeisters, der auch öffentlicher Auctionär war, um nachzusehen, da er eben des Weges vorbeiging, ob der Besitzer des hier ausgespannten Wagens nicht vielleicht Schlachtochsen oder sonst andere Artikel mit sich führe, deren er gerne los werden wolle. »Sein Chef,« meinte er, »wäre a capital Auctionar und er bringe die Sachen, die er verkaufen solle, so gut an den Mann, daß die Leute weit und breit seine Hilfe in Anspruch nahmen.—»Kommt wohl von den Diamantenfeldern und wollt es nun in den Goldfeldern versuchen?« war seine Frage. Die Goldfelder im Leydenburger District fingen im Jahre 1873 an, sich merklich in der öffentlichen Meinung zu heben, im selben Maße, als die Diamantenfelder zu sinken begannen; gegen das Ende des Jahres 1873 und im folgenden Jahre fand ein Massenauszug von den letzteren nach den Goldfeldern statt.
Am Nachmittage bekamen wir neue Besucher, einige Deutsche, von denen einer bei der Polizei angestellt, einer ein Maurer und die anderen Gärtner waren. Freund E. war mit ihnen in der Stadt zusammengetroffen. Sie hatten in jener, in der Mitte der Fünfziger Jahre von der englischen Regierung in Süd-Afrika nach der östlichen Provinz des Caplandes eingeführten »deutschen Legion« gedient, deren Mitglieder unter dem Namen der Legionäre ziemlich bekannt sind. Viele derselben haben sich in den Districten East-London, King-Williams-Town und Queens-Town angesiedelt und leben daselbst als Farmer. Diese waren die ruhigeren Elemente der Legion. Die energischeren traten in Geschäfte als Handlanger, als Storekeeper ein, avancirten zu Klerks (Buchhaltern und Geschäftsführern) und einige haben sich zu wohlhabenden Kaufleuten emporgeschwungen. Eine gute Anzahl, denen das Ansiedlerleben nicht gefiel, und die eine vagirende Lebensweise vorzogen, zerstreuten sich über die Cap-Colonie, Natal, den Freistaat und die Transvaal-Provinz, um hier als Maurer, dort als Zimmerleute etc. zu arbeiten, wobei sie in der Regel den Erlös noch im Orte verjubeln, um dann wieder weiter zu ziehen, eine neue Arbeit aufzunehmen, wochenlang hart und anstrengend bei zurückgezogener Lebensweise zu arbeiten, und kaum, daß sie mit dem Accord fertig geworden und die 20-40 £ St. empfangen haben, diese ebenso wie die frühere Summe in Saus und Braus aufgehen zu lassen. Daß es bei solchen Trinkgelagen oft allzu lustig und lärmend herging und man sich zuweilen auch dabei brutal betrug, ist nicht zu verwundern; so kam es, daß namentlich im Freistaat und in der Transvaal-Provinz die Legionäre, trotzdem sie als gute Arbeiter gepriesen werden, sich sonst keines guten Rufes erfreuen. Wir müssen hier jedoch eine scharfe Grenze zwischen den in der Colonie ansäßigen, Ackerbau oder Geschäfte betreibenden und den herumwandernden Legionären ziehen.
[Nachtlager.]
Einige mit ihren Wägen vorüberziehende Boers blieben kurze Zeit an unserem Wagen stehen, um der althergebrachten Sitte gemäß uns Weißen die Hand zu schütteln und mit einfachen Worten nach dem Ziele unserer Reise zu fragen. »Uns chat nach Wonderfontein to um det wonderljike chate to kiek« (Wir gehen nach Wonderfontein um die wunderlichen Höhlen zu sehen) war die Antwort in unserem gebrochenen Holländisch. Die sich Verabschiedenden meinten, die Erdhöhlen wären es werth, besichtigt zu werden. Je mehr ich von diesen Wonderfonteiner Felsenhöhlen hörte, desto begieriger war ich, sie zu sehen, und um so größer meine Enttäuschung, als ich sie später sah.
Bevor ich mich auf diese erste Versuchsreise begab, wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß sich in Potschefstroom ein Herr dem Insectenstudium widme und der portugiesische Consul, Herr Foßmann, sein Möglichstes zu der geologischen Erforschung des südlichen Transvaal-Gebietes beitrage, ich solle sie gewiß besuchen. Doch ich hatte mich auf diese erste Reise so einfach ausgerüstet, daß ich mich nicht im Stande fühlte Staatsvisiten zu machen. Und so hieß es, nachdem wir uns mit Proviant versorgt, der Stadt Valet zu sagen.
Wir brachen Abends auf und schlugen eine ostnordöstliche Richtung nach dem Moi-River zu ein. Es war ein hartes Stück Arbeit, um—nachdem wir die Stadt durchfahren—die kurze, blos einige hundert Schritte lange vom Nordende der Stadt bis zu der damals noch sehr primitiven Moibrücke reichende Strecke zurückzulegen. Obwohl die Stelle ziemlich breit, war sie doch durch die Feuchtigkeit des Bodens und in Folge der letzten Regen sowie durch die Sorglosigkeit der Bürger von Potschefstroom in einen einzigen, stellenweise bis 1½ Fuß tiefen Morast verwandelt worden. Mit geringen Unterbrechungen hatten wir die nächsten Stunden hindurch mit immer wiederkehrenden Passage-Schwierigkeiten zu kämpfen; die Erschöpfung der Thiere zwang mich endlich, an einer keineswegs einladenden, sumpfigen Stelle Rast zu halten.
Der nächste Morgen führte uns durch ein breites, nach mehreren Seiten hin offenes Thal, in dem eine aus mehreren Häusern bestehende und in gutem Zustande gehaltene, von Aeckern und Gärten umgebene Farm lag. Wir erstanden hier einige Kürbisse und fuhren weiter nach Osten, gelangten auch bald auf eine Hochebene, die gegen Süden von einer theilweise von Bäumen bedeckten Höhenkette umsäumt, nach Osten, Norden und Nordwest einen freien Einblick in das Moi-Riverthal mit seinen zahlreichen Farmen und den sie umgebenden dunklen Gärten gestattete. Es war einer der herrlichsten Anblicke die ich genoß, in weiter Ferm zeigten sich einzelne Höhen und Höhenrücken, der Abfall des Blue-Bank-Hochplateaus und am fernen Nord-Horizonte die Umrisse der Magalies-Berge.