Am zweiten Marschtage bemerkte ich, daß Gert mit seltenem Eifer die Kaufertigkeit seiner Kinnbacken erprobte; auf meine Frage, welche Delicatesse er wohl erhascht, zeigte er mir eine Handvoll Gummi, von den Mimosen herrührend, die unseren Weg säumten, und pries die durstlöschende Eigenschaft desselben. Ich fand später wiederholt Gelegenheit, zu diesem Ersatzmittel des Wassers meine Zuflucht zu nehmen. Am folgenden Tage, in der Nähe von Wolmaran's Farm, begegneten wir einem etwa 12jährigen, von der Jagd heimkehrenden Boerjungen. Obwohl das Gewehr, das er nachlässig geschultert trug, beinahe größer war als er selbst, sprach dennoch aus allen seinen Mienen großes Selbstbewußtsein und er schien die Ehre einer Ansprache von Seite meines Begleiters F. ganz gleichgiltig hinzunehmen.
Der junge Jäger hatte sich inzwischen auf sein Gewehr gelehnt und reichte mit einem »Guten Tag, Ohm« Einem nach dem Andern die Hand. Von seinem Hute hing das Schwänzchen einer frisch erlegten Deukergazelle.—»Und Du hast sie selbst erlegt?«—»Ja, Ohm.«—»Hast Du das Thier im Laufen oder Stehen geschossen?«—»Ungefähr 200 Schritte vor mir sprang sie auf, lief ein Stückchen, blieb stehen, ich war niedergeknieet und hatte das Stillstehen erwartet, so wie sie stehen blieb, blies ich ihr die Kugel durch den Leib.« Ohne auf unsere weiteren Fragen zu warten, schulterte er sein Gewehr, berührte den Hut, reichte wieder einem Jeden die Hand und ging seiner Wege.
Um die bereits erwähnte morastige Straßenstelle jenseits der Brücke über den Moi-River bei Potschefstroom am nächsten Tage bei Tageshelle zu passiren, beschloß ich, nachdem wir Wolmaran's Farm im Rücken hatten, die ganze Nacht hindurch zu reisen und nur einige Stunden zu rasten.
Während einer solchen Rast wurde ich durch eigentümliche volle Töne aus meinen Betrachtungen gerissen. F. machte mich auf ein Pärchen großer Vögel aufmerksam, welche kaum 100 Schritte vor uns ihre Stimme ertönen ließen. Die Dunkelheit ließ jedoch ihre Art nicht erkennen. Bevor wir uns noch anschleichen konnten, hatten uns die Thiere bemerkt und hoben sich in die Lüfte. Den schönen, langgezogenen und vollen, durch die Stille der Nacht erschallenden Ton, den sie dabei ausstießen, erkannte ich sogleich als den Warnungsruf des grauen südafrikanischen Kranichs. Dieser voll schallende Ton, der wie über einem Resonanzboden ausgestoßen so voll klingt und so deutlich und von großen Entfernungen her hörbar ist, wird durch die einigen wenigen Vogelarten (auch den Schwänen) zukommende Eigentümlichkeit bedingt, daß sie ein weit ausgehöhltes Brustbein besitzen und die Luftröhre in diese Höhlung eintritt, um, nachdem sie eine Curve gebildet, sich wieder nach auswärts zu wenden und herauszutreten.
Am Abend des nächsten Tages schlugen wir wieder in Potschefstroom an der bereits bekannten Stelle unser Lager auf.
Von einigen Bekannten, die zu unserem Wagen gekommen waren, erfuhr ich, daß sich Mauch mehrmals in Potschefstroom aufgehalten und in Herrn Foßmann einen guten und opferwilligen Freund gefunden, und daß in den nach Osten zu sichtbaren Bergen Versteinerungen und Pflanzenabdrücke anzutreffen wären. Als ich zu den Besuchern über das Innere des Landes sprach, meinten sie, daß hier mehrmals im Jahre mit Elfenbein, Straußenfedern und allerhand Häuten und Fellen beladene Wägen von der Stadt der Bamanquato, »Schoschong«, auf dem Wege nach Natal ankämen, die einem Brüderpaar, den Händlern Drake (die ich später auf meiner zweiten Reise in Schoschong auch kennen lernte und den einen zu behandeln hatte), angehörten. Sie kämen den Limpopo herab, wobei sie den Marico kurz vor seiner Mündung überschritten. Von denselben Besuchern hörte ich noch, daß sich in Potschefstroom zwei Männer aufhielten, welche Elephanten im Matabeleland gejagt hatten.
Wie die meisten Hottentotten so sind auch die Griqua's und Koranna's leidenschaftliche Raucher und gleich manchen (doch meist den ärmeren) Holländern leidenschaftliche Tabakkauer; weil nun der im Moi-Riverthale angebaute Tabak ein ziemlich gutes Renommé besitzt, hatten mich Gert und David mehrmals ziemlich unverblümt daran erinnert, bevor ich die Stadt zum zweiten und letzten Male verließ, doch eine ganze Rolle (etwa 5 Pfund) von dem »notwendigen Ding« zu kaufen. Jeden Tag verbrauchten sie per Mann ein fingerlanges Stückchen der daumenstarken Rollstange. Bis jetzt wurde—wenn ich nicht irre—der größte Theil des hier angebauten Tabaks im Lande selbst verbraucht, doch wird er unstreitig, in größerer Menge angebaut und etwas billiger auf den Markt gebracht, in nächster Zeit einen nennenswerthen Exportartikel bilden.
Obgleich ich keine statistischen Daten bezüglich des Tabakbaues vor mir habe, glaube ich doch, daß von den gesammten südafrikanischen, civilisirten Staaten die Transvaal-Provinz den meisten Tabak producirt. Unter den unabhängigen, im Westen und Nordwesten dieser Colonie wohnenden Betschuanastämmen sind es namentlich die in dem Lande der Bakwena wohnenden Bakhatla, welche ihre Zeit meist als Diener der Farmer in der Transvaal-Provinz zugebracht und die Tabakcultur in ihrer primitivsten Weise nach ihrer Heimat verpflanzt haben.
Die Strecke nach Klerksdorp legten wir ziemlich rasch (in zwei Tagen) zurück. Auf dem Wege längs eines in den Moi-River einmündenden Querthales auswärts gegen einen Höhensattel zu, den wir zu überschreiten hatten, beobachtete ich an den feuchteren, kurzbegrasten Partien—trotzdem, daß wir die Stelle noch keine zwei Wochen vorher passirt hatten, neue Amaryllisspecies und andere mir noch nicht zuvor bekannte Pflanzenspecies im Sprossen begriffen. Mit Leichtigkeit könnte man in Süd-Afrika ebenso wie die aus dem wilden Zustande in Töpfe und Gärten verpflanzten Zwiebelgewächse, die sehr artenreichen Staphelien und Euphorbiaceen verpflanzen und es wäre wünschenswerth, daß diese beiden ersteren als Garten- wie Zimmerschmuck so leicht zu gewinnenden Familien häufiger als nur bei einigen wenigen Amateurs und als die von Europa, Australien und Süd-Amerika eingeführten Gewächse gepflegt würden. Man kennt leider in Süd-Afrika im Allgemeinen mehr von europäischen Gartenpflanzen und von australischen und neuseeländischen als von den einheimischen in diese Kategorie einschlagenden Pflanzenproducten. Die schönen Gladiolus-, Amaryllis-, Iris- und ihnen verwandte Species könnten in Gärten und Töpfen sehr gut gedeihen, nicht minder zahlreiche zartblüthige Malvaceen, Scabiosaceen, Cinneen, namentlich aber die im Süden so artenreichen Ericaceen. Unzählig sind die Species der Bodenkriecher, die, wenn etwas cultivirt, noch bedeutend gewinnen würden, zahlreich sind die lianenartig sich emporschlingenden Gewächse. Im Süden, in den Küstendistricten, werden mit Ausnahme der schon erwähnten botanischen Gärten, die einheimischen Pflanzen doch nur von wenigen Liebhabern cultivirt, und da sind es meist nur die aloëartigen, Encephalartos, Strelitzien, Staphelien, Euphorbiaceen, Geranium-Arten, Farrenkräuter und einige wenige mehr.—Doch zurück zu unserer Rückreise nach Klerksdorp.