Am nächsten Morgen verließen wir das Weichbild von Klerksdorp und schlugen die Richtung nach dem Estherspruit ein. Die letzten Tage hatte es nicht geregnet und so durften wir auf schönes Wetter hoffen, doch wurden die Nächte empfindlich kälter als zur Zeit, da wir uns von den Diamantenfeldern verabschiedet hatten.

Unter dem einladenden Schatten einiger jener mehrstämmigen, hutförmigen, nach abwärts mit ihrem verschlungenen Kronengezweige sich neigenden Zwergbäumchen hielten wir am folgenden Tage Mittagsrast. Die beschatteten Stellen waren grasarm, beinahe nackt und kahl und zeigten zahlreiche Mäuselöcher. Doch ringsum in einigen unbedeutenden Vertiefungen wucherte um so üppiger ein dichter Graswuchs.

Freund E. wollte eine hübsche Stelle für den Mittagstisch und unsere Sitze aussuchen, er schien endlich unter dem schattigsten der oben erwähnten Zwergbäumchen den gesuchten Ort gefunden zu haben, als er die Mäuselöcher zu zerstampfen begann. Ich wollte eben mit dem Insectennetze in der nächsten Umgebung eine Razzia halten, als mich Freund E.'s wunderliches Betragen zu der Frage veranlaßte, was er hier thue. »Sehen Sie, diese Löcher sind nach ihrer Umgebung zu urtheilen, verlassen und da gibt es keinen unbequemeren Ort, als deren Nähe sich zum Rasten auszusuchen, weil eben diese Löcher mit Vorliebe von Schlangen—«. »Eine Schlange, eine Schlange, Doctor, nehmen Sie den Schambock (Bileamspeitsche), passen Sie auf, sie läuft auf Sie zu!« schrie plötzlich aus der nächsten Vertiefung der erschreckte F., der hinabgestiegen war, um einige an den Grashalmen erspähte Käfer für mich zu erbeuten. Das »ausgesucht werden« blieb Freund E. in der Kehle stecken, er hatte nicht nöthig, seinen Satz zu beschließen, denn da kam schon pfeilschnell das Reptil hervorgeschossen, schnurstraks auf eines der zugestopften Löcher zueilend. Dieses und ein anderes verschlossen findend, wandte sich die etwa vier Fuß lange, fingerdicke Schlange nach dem Zwergbäumchen, wo sie mir über eine halbe Stunde harte Arbeit machte, bevor ich sie in dem dichten Geäste bemeistern konnte. Es war eine als Giftschlange in Süd-Afrika wohlbekannte Scap- (Skap-) stecker.

[Verlassener Jagdplatz.]

Im blumigen Thale des Estherspruit angekommen, widmete ich am folgenden Morgen, wie an der letzten Raststelle, einige Stunden dem Insectenfange, da hier viele Doldengewächse, auch Orakelblumen und Liliaceen von kleinen Coleoptera-Arten strotzten. Mylabris, Cetonia Marienkäfer, Erdflöhe etc. fanden sich artenreich vor. Dann wurde noch ein allgemeiner Ausflug mit Gewehr, Pinzette und Schambock zwischen den das enge Spruitthal zur Linken umgebenden Felsen versucht. Das Resultat war der Fang einiger Echsen, zweier Schlangen, von denen sich (nach der Breite der Spur zu urtheilen) hier viele Buffadern aufhalten mußten. Sie mußten auch gut gedeihen, denn alle Bedingungen dazu waren hier in den geschützten Felsenlöchern vorhanden, in denen sich kleine, braune und große, graue, schwarz gestreifte Rohrrüßler aufhielten, während in den nahen Zwergbüschen gestreifte Mäuse und im nahen Thale Lurche in großer Zahl anzutreffen waren. Die Rohrrüßler sind kleine muthige Raubthiere, der Gestalt nach müßte man sie Spring-Spitzmäuse nennen. Die großen (von der Größe einer Ratte) leben paarweise in Löchern unter umfangreichen Blöcken, sind sehr wachsam und nähren sich von Insecten und Insectenlarven. Sie springen sehr behende und pflegen sich auf der Flucht zeitweilig umzusehen, was ihnen natürlich oft zum Verderben gereicht.

Spät am Nachmittage erreichten wir den durch die bereits geschilderten Raubritter—jene holländischen Quälgeister, deren ich schon auf der Hinreise gedacht—berüchtigten Matjesspruit. Ich nahm mir vor, in dem Thale gar nicht zu halten, sondern noch drei Meilen darüber hinaus zu fahren, um nicht belästigt zu werden. Als wir ungefähr das erste Drittel des zum Spruit führenden Abhanges erreicht hatten, machte mich der mit der Peitsche neben dem Gefährte schreitende Gert auf den »Wächter« des in dem Gebüsche zur Rechten liegenden Raubgehöftes aufmerksam. Einer der Bauern stand unter einem Bäumchen auf dem Wege und lugte aus. Als wir auf etwa 300 Schritte nahegekommen waren, verschwand er plötzlich und lief buscheinwärts, um die Annäherung einer »Prise« zu melden.

Wir wähnten, als von Gert angetrieben das Gespann sich in Trab gesetzt hatte, der drohenden Gefahr glücklich entronnen zu sein, und konnten uns nicht enthalten, ob der gelungenen List in ein lautes Gelächter auszubrechen. Doch wie gewöhnlich, wir hatten zu früh gelacht. Plötzlich erscheint eine schmutzige Hand an dem Seitenbrette und dann folgt ein bestürztes Gesicht. »Chun (guten) Dag, Mynheer, ah, ah Dokter, wart doch bichi—ras ni so banje (viel) mit det ow (alte) wachen (Wagen).« Dann erschien neben Gert ein zweiter Raubritter in zerrissenen Hemdärmeln und beide bemühten sich, ihn zu überreden, das Gespann zum Stehen zu bringen. So hatten uns doch die unbarmherzigen Quälgeister ereilt! Doch Gert ließ vom Peitschen nicht ab und das Gefährte eilte bis zu dem Flüßchen, das wir zu durchschreiten hatten. Kaum daß wir das Spruitbett überschritten hatten, als ein Troß von Kindern und Frauen dem Wagen nachgerannt kam. »Ja warum lauft Ihr denn so vorbei,« hieß es von allen Seiten, »bleibt doch ein bischen stehen.« Wir sprangen vom Wagen ab, um wenigstens der Sitte gerecht zu werden und den zwölf Anwesenden Einem nach dem Andern ihre nichts weniger als reinen Hände zu schütteln und sie zu versichern, daß wir es sehr eilig hätten und unter keiner Bedingung hier bleiben könnten. Da nahmen die diesmal glücklich zurückgeschlagenen Freibeuter zu einer anderen List ihre Zuflucht, wobei sie jedoch vergaßen, daß wir dieselbe schon kannten. »Aber Ihr könnt' nicht weiter, denn wo Ihr noch heute Nacht hinkommt, da ist kein Gras für Eure Ochsen, kein Wasser für Euren Thee, der Boden ist kahl gebrannt, ohne Gras wie dieser Weg, bleibt doch hier über die Nacht.« Doch es half alles nichts, wir kannten unsere Pappenheimer zu gut und so blieb ihnen nichts übrig, als mit leeren Händen den Heimweg anzutreten.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als wir am folgenden Tage am Klipspruit (steinigen Spruit) Rast hielten. Etwa 1½ englische Meilen an demselben auswärts stand ein Wagen und nahebei grasten einige Pferde. Hinter dem Wagen schien ein Zelt zu stehen. Ich hoffte holländische Jäger zu finden, von denen ich, im Falle wir ohne Erfolg gejagt hätten, einige frisch erlegte Thiere, der Häute halber, zu erstehen gedachte. Wir hatten auch ganz richtig geurtheilt, denn wir fanden den Besitzer der Landstrecke, auf der wir rasteten und der weiter auswärts sein Farmhaus hatte und mit seiner Familie auf einer Erholungsreise begriffen war, wobei er sich seine Zeit mit Jagen vertrieb. Um den Wagen waren mehrere Aeste in den weichen Boden eingelassen und mit Ochsenriemen verbunden, an denen zahllose, längliche Fleischstücke hingen, um zu dem bekannten Beltong getrocknet zu werden. Auf der Erde lag ein Gnu-Stier, den eben ein Koranna abzuhäuten bemüht war.