Der Damm, an dem wir lagen, war die südliche Umzäunung einer dreiseitigen, eingedämmten Vertiefung, die von Gras und Binsen überwachsen, nur vom Regenwasser gespeist zu sein schien. In diesem Gewässer watschelte, schwamm und tauchte ein Heer von Vögeln umher, Die auffallendsten waren die heiligen Ibise, wenigstens fünfzig, die Einen in ihrem schneeweißen Gefieder auf einem Fuße schlummernd, die andern langsam und gravitätisch ausschreitend und den kleineren Genossen (den Tauchern etc.) zuweilen Hiebe austheilend, während die meisten rasch hin und herliefen und dabei unter der Wasserfläche mit dem dunkelgefärbten Kopfe und dem Schnabel hin- und herfahrend fischten. Außer ihnen stand nach der einen Dammseite, wie aller Welt vergebend, ein graues Fischreiherpärchen. Zwischen dem Grase und in den Binsen gackerten graue und schwarzweiß gescheckte Wildenten, während unzählige Bläßhühner ihre tiefen Stimmen hören ließen. Dazwischen tummelten sich die kleinen behenden Taucher. Am Rande des schräg zu dem trüben Wasser abfallenden Dammes liefen laut pfeifend einige Kampfläufer (Philomachus pugnux) auf- und nieder, während kleine Strandläufer in dichten Schaaren von dem einen zum andern Ufer flogen, ohne lange auf derselben Stelle zu verweilen. Später fand ich die Erklärung zu dem lauten Treiben dieser an das flüssige Element gebundenen Vogelwelt. Ein heftiger Platzregen hatte eine Unmasse von Insecten und Würmern von der Ebene in die Vertiefung herabgeschwemmt, auch todte Eidechsen, sogar Mäuse fanden ihren Weg dahin; an dieser reich besetzten Tafel ließ es sich nun die befiederte Gesellschaft recht wohl schmecken.
Einer von uns mußte wohl unvorsichtig den Kopf vorgestreckt haben, denn bevor ich mich dessen versah, hatten sich alle die Langstelzen mit lautem Geschrei in die Lüfte erhoben. Unwillkürlich und wohl auch in der Angst, sie alle davonfliegen zu sehen, legte ich auf einen der Ibise an und brachte ihn wie auch ein Bläßhuhn herunter. Auf dem Heimwege die Moräste berührend, erbeutete Freund E. eine Wildente.
Am Wagen angekommen, erfuhr ich von Freund K., daß der Farmer mich zum Besuch eingeladen habe. Obgleich derselbe wohlhabend zu nennen, war doch sein Haus höchst einfach aus Backsteinen aufgeführt. Er klagte mir sein Leid über die Verluste, die er durch die herrschende Pferdekrankheit alljährlich erleide und bat mich um meinen Rath, da eben sein Reitpferd von der Krankheit befallen war.
Am Nachmittage verließen wir Rennicke's Farm und langten in der Dunkelheit an »Gildenhuis Place« an, derselben am Südfuße der hier vorbringenden Maqwasihöhen erbauten Farm, welcher ich auf der Hinreise bereits erwähnte.
Auf der dritten Reise—zwei Jahre später—traf ich weit im Innern einen herumwandernden Elephantenjäger, der seine Heimat an den nördlichen Ausläufern der Maqwasihöhen hatte, zu deren südlichem Abhange wir eben lagerten. Er war ein tüchtiger Jäger, und ich will im Folgenden, bevor ich von den Maqwasihöhen scheide, eine seiner Jagdepisoden erzählen. Weinhold Schmitt hielt sich in seiner Junggesellenzeit in einer an den Quellen des Maqwasi-Rivers liegenden Farm auf. Zu dieser Zeit waren die nördlichen Schluchten der Maqwasihöhen durch das Treiben von vier in der Regel gemeinschaftlich jagenden Löwen arg verrufen. Keiner von den in der Umgebung wohnenden Boer's hatte sich bisher erkühnt, den verwegenen Löwen an den Leib zu gehen. Da kam eines Tages der Sohn des einen Farmers mit der traurigen Botschaft heimgeritten, daß er die Leichen dreier Pferde—es waren »gesoute« (gesalzene, d.h. gegen die Pneumonie gefeite), welche er abzuholen hatte—vorfand, die schon halb aufgezehrt im Grase lagen, und an den zahllosen Spuren waren die Urheber der ruchlosen That nur zu deutlich zu erkennen.
Diese Nachricht brachte es zu Stande, daß sich die Boer's endlich zur That aufrafften und gemeinschaftlich die Raubthiere zu erlegen beschlossen. Der Farmer und sechs Reiter fanden sich ein, der junge Mann, der die getödteten Pferde aufgefunden, wurde zum Führer gewählt; die Spur der Löwen war bald gefunden. Es ging durch ein Thal, über eine, über eine zweite Höhe, dann kamen sie auf eine Ebene, die leider kurzbegrast war; der Boden war hart und wohl auch deshalb verloren sie die Spur der Thiere und mußten die Verfolgung aufgeben. Es ist jedoch wahrscheinlicher, daß den Löwenjägern der Muth etwas gesunken war und daß alle nur zu sehr einverstanden waren, lieber heimzukehren, als noch, abgemüdet nach einer längeren Verfolgung, den Kampf mit den Raubthieren aufzunehmen. Auf ihrer Heimkehr trennten sich die enttäuschten Jäger nahe an Schmitt's Wohnung. Doch wie erstaunten er und sein Freund, als sie in unmittelbarer Nähe des Gehöftes ein Löwenpärchen im hohen Grase erblickten. Nach der Stellung, welche die Raubthiere eingenommen hatten, schienen sie auf der Lauer zu liegen. Beim Annähern der beiden Reiter, deren Pferde sich brav in der Nähe ihres Erzfeindes hielten, erhoben sich die Löwen, und Schmitt, um einen sichern Schuß zu gewinnen, sprang ab, nahm die Zügel, machte einige Schritte nach vorwärts und legte gerade auf den nach ihm stierenden Löwen an, als ihn sein Gefährte anrief; als sich Schmitt umwandte, sah er, daß ihn dieser verlassen und eben in einer Entfernung von 50 Schritten Posto gefaßt hatte. Dies war unserem Jäger sehr unangenehm. Zwei Löwen sah er vor sich, die übrigen durften wohl nicht ferne sein, sein Freund hatte ihn in dieser ungemüthlichen Situation verlassen.
So blieb ihm nichts übrig als selbst an den Rückzug zu denken. Sein Pferd am Zügel führend wich er zurück, doch so, daß er stets die Raubthiere im Auge behielt. Bevor jedoch der Schütze seinen Gefährten erreicht hatte, wandten sich die Löwen zur Flucht nach den Höhen. Dies gab unsern Jägern Muth und beide galoppirten ihnen nach, Schmitt mit der Absicht—wie es jeder berittene und etwas erfahrene südafrikanische Löwenjäger in einem solchen Falle versucht—den Löwen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen den Weg zu verlegen. Es gelang ihm und die beiden Löwen befanden sich nun zwischen ihm und seinem Gefährten, der mit Geschrei und Hutschwenken die Freunde, von denen sie kurze Zeit zuvor geschieden und die noch nicht aus Schußweite gekommen waren, auf den Fund aufmerksam zu machen sich bemühte. Bevor jedoch diese—obwohl mit verhängten Zügeln einhersprengend—zur Stelle waren, hatte sich die Löwin nach links gewendet und war in einer trichterförmigen, bebuschten doch seichten Felsenvertiefung verschwunden, während der Löwe mit fletschenden Zähnen den Augenblick, wo beide Jäger dem Dickicht näher gerückt waren, benutzend, mit einigen Sätzen im Gestrüppe der nahen Höhe verschwand und—nachdem er wohl noch durch den Anblick der heranjagenden Menschen eingeschüchtert—seine Flucht längs der Höhe auch so eilig fortsetzte, daß er seinen Verfolgern nicht mehr zu Gesichte kam.
Als die übrigen fünf Jäger sich zur Stelle eingefunden hatten, beschloß man, die Vertiefung zu umzingeln und namentlich den dem Hügel zugekehrten Rand derselben scharf im Auge zu behalten, weil man nach dieser Seite einen Fluchtversuch der Löwin befürchtete. Hier postirten sich auch drei der Jäger und begannen mit Geschrei und Steinwürfen die Löwin zu beunruhigen und zu einem Fluchtversuche zu bewegen. Die Steinwürfe mochten sie wohl kaum belästigt haben, umsomehr aber schien die Löwin über das entsetzliche »Holländisch« empört, in welchem die drei Jäger sich mit ihr unterhielten, denn nach einiger Zeit erschien sie am Rande der Vertiefung, um die Situation auszuspähen. Anstatt gerade nach dem schützenden Dickicht des Hügels zu halten, bog sie etwas nach links ein, um in einer schiefen Linie das Ziel zu erreichen. Bei der Ausführung dieses Vorhabens stand ihr jedoch das Unangenehme bevor, vor den drei Schützen vorbeidefiliren zu müssen. Sie zögerte nicht lange und folgte der letzterwähnten Richtung. Drei Schüsse knallten zur selben Zeit. Die Löwin machte einen Versuch, ihre Bahn fortzusetzen, den auszuführen jedoch ihre Lebenskräfte nicht mehr ausreichten. Sie war mit dreifach durchbohrter Brust zur Erde gesunken.
»Und die anderen Löwen?« fragte ich.
»Wir hatten für längere Zeit Ruhe vor den Raubthieren, sie zogen sich nach dem Hart-River zu und hausten da im Lande der Barolongen. Doch kamen sie zuweilen noch immer herüber und selbst gegenwärtig kann man in trockenen Wintern daselbst von Westen her zugelaufenen Löwen begegnen.«