[Ostersonntag im Vaal-River.]
Ich ging mit Gert in das nahe liegende Gehölz Insecten suchen und gewann einige Bockkäfer, sowie zwei Species der Borkenkäfer (Bostrichidae). Hie und da stießen wir auf Gnuschädel, ein Beweis, daß alle diese Gegenden vor kurzer Zeit noch von Gnu's bevölkert waren, während sie sich jetzt mehr im Innern von Gassibone's Lande aufhalten und sich nach Norden in die zwischen dem Hart- und Molapo-River liegenden Wildebenen und jene an der Klipspruit, die freier und gebüschlos sind und daher das Anschleichen erschweren, zurückgezogen haben.
Von Bloemhof ab fuhren wir parallel mit dem Freistaatufer, das bis gegen Hebron höher als das rechte ist und an dem zahlreiche Farmen liegen. Ungefähr 18½ engl. Meilen von Christiana entfernt trafen wir wieder mit dem Vaalflusse zusammen. Hier stand eine Cantine, in der es wild zuging; an der Cantine theilt sich der Weg, der eine führt nach Hebron (weiter stromabwärts) zu, der andere nach einer Ueberfuhr über den Vaal, die gegenwärtig unter dem Namen Blignauts-Pont bekannt und die häufigst eingeschlagene Tour von den Diamantenfeldern nach der Transvaal-Republik bildet; sie ist die kürzeste, billigste und beste. Ich wählte die längere und beschwerlichere, weil ich die Hebroner Höhen, sowie die umliegenden verlassenen River-Diggings kennen lernen wollte. Von Blignauts-Pont bis gegen Delportshope (unweit der Vereinigung des Hart- und Vaal-Rivers), theils in dem Hauptthale, theils in den einmündenden Thälern wohnt in kleinen Dörfchen und in einzelnen Gehöften die Mehrzahl der als englische Unterthanen lebenden Koranna's. Ueberall sahen wir diese in europäische Kleider und Fetzen gehüllten Gestalten herumlungernd, oder mit ihren Hunden die Gebüsche durchstreifend, während die meist nackten Kinder kleine Viehheerden hüteten.
Von der oberwähnten Cantine ab, wurde die Scenerie etwas interessanter, theilweise schon dadurch, daß wir uns dem Vaalflusse wieder genähert hatten, an dessen Ufer ein geübtes Auge immer eine Jagdbeute erspähen kann und ein Forscher reichen Stoff für seine Studien und Sammlungen findet. Am Fuße der Hebroner Höhen kamen wir an ein theils aus Eisenblech, theils aus Segeltuch und Holz aufgeführtes Hotel und Waarenlager—nach dem Vaal-River, der hier zahlreiche Inseln bildet und eine sehr anziehende Scenerie darbietet »Fourteen Stream« genannt. Von hier erheben sich die Hebroner Höhen, welche den Vaal bis Delportshope begleiten und einige Ketten nach Norden, Nordwest und Nordnordost gegen den Hart-River zu ausstrecken, von denen eine mit dem schon erwähnten Spitzkopf, andere mit den Höhen um Taung, Mankuruana's Residenz, enden, und die sich endlich bis gegen Mamusa hinziehen. Diese Höhen sind dicht bebuscht und mit Bäumen bestanden und über sie führt die Grenze zwischen Griqualand-West und der Transvaal-Colonie. Sie beginnen etwa acht Meilen oberhalb Hebron, der früheren Missionsstation, und dem verlassenen Diamanten-Fundorte. Die Gesteinsformation ist auch hier wieder Vaalgestein (Grünstein mit mandelartigen Chalcedon-Einschlüssen), mit zahlreichen Quarzgeschieben und von eisenhaltigem, quarzkörnigem Thonsand bedeckt. Der Fluß hat sich über die Felsenblöcke Bahn brechen müssen und bildet Stromschnellen. Einen anziehenden Anblick gewährt die Scenerie nach Nordost in dem Momente, wenn wir Hebron erreicht haben und dann nach den eben überschrittenen Höhen und den Fluß aufwärts blicken. Zugleich breitet sich vor uns ein weites Panorama, das jenseitige Griqualand-West- und Oranje-Freistaat-Ufer mit einigen den Horizont begrenzenden Höhenzügen und dem 800 Fuß hohen abgeflachten Plattberg in der Ferne, mit seinen Flüßchen, Weidegründen und seinen Farmen aus.
So sehr die Landschaft auf der Strecke vom Fourteen-Streams-Hotel bis Hebron das Auge entzückte, um so schrecklicher war der Weg, den wir zu überwinden hatten; es war eine wahre Felsenstraße, die von der Natur mit Blöcken gepflastert worden war. Das Regenwasser hatte die befahrene Stelle als Abflußrinne benützt, die Blöcke waren theilweise aus- und der Boden zwischen ihnen abgewaschen worden. Dem Wagen, der in die bedenklichsten Stellungen kam, drohte auf Schritt und Tritt Verderben. Daß solch' eine Reise den in den Kisten im Wagen geborgenen, auf der Reise gesammelten Gegenständen nicht zum Vortheil gereichen konnte, ist selbstverständlich. Keiner von uns konnte es im Wagen aushalten, besonders wurde derselbe jedoch herumgeschleudert, als wir die letzten Höhen nach Hebron zu herabfuhren. Der Abhang war steil und zeigte mehrere rasche Biegungen, so daß wir alles aufbieten mußten, um den Wagen mit den Ochsen nicht die Höhe herabrollen zu sehen.
Ziemlich früh am Ostersonntag langten wir in Hebron an. Der Morgen war kalt, in jeder Beziehung höchst unfreundlich; der Himmel war mit dichten Wolken bedeckt, die von kalten Südwestwinden getrieben auf ihrer luftigen Bahn dahinstürmten, es war ein Tag, der das fröhlichste Herz trübe stimmen konnte. Der Blick auf die Ueberreste (Ruinen ist nicht der entsprechende Ausdruck dafür, denn das Material, mit dem das noch vor wenigen Jahren mehr denn 3000 Diamantendigger zählende Hebron so rasch aufgebaut wurde, war zu nichtig, zu vergänglich, um Ruinen hinterlassen zu können) dieses früher als Missionsstation wichtigen, dann als Diamanten-Fundort berühmt und endlich berüchtigt gewordenen und in diesem Zustande dahingesunkenen Ortes, war kaum geeignet, diese trübe Stimmung zu verscheuchen. Oede ist die Stätte, um so einsamer und trauriger an einem kalten, regnerischen Herbstmorgen, denn dann vermag selbst die schöne Aussicht, die man von dem Orte aus genießen kann und die uns an warmen, klaren Frühlings- und Sommertagen die Oede der Stelle vergessen läßt, die Gedanken nicht heiterer zu stimmen; das einstens belebte Hebron war auf zwei Krämerladen, ein »Hotel«, eine Schmiede, ein Schlachthaus und ein Gefängniß herabgeschmolzen.
Planlos zerstreute, vom Regen aufgeweichte und »zerfließende« Thonwände etc. deuteten auf einen bedeutenden Umfang der Niederlassung, deren Größe uns jedoch dann erst auffiel, als wir die River-Diggings aufsuchten. Hunderte von seichten Erdgruben zeigten, daß hier Tausende, Weiße und Farbige, nach dem werthvollsten der Edelsteine gefahndet hatten. Tausende Tonnen Geröll sind hier mit der bloßen Hand aufgehackt, herausgeschaufelt und auf das Emsigste durchsucht worden; jeder der Steine und dort die riesigen Sandhaufen, die aus dem Gerölle durch's Absieben gewonnen wurden, sind durch emsige Hände gegangen und doch war hier der Erfolg so gering, daß wohl kaum zwei von den 3000 Diggern Reichthum erwarben, und der Erfolg von 150-200 anderen unter ihnen so viel Reingewinn abwarf, daß sie ihre Auslagen hätten decken konnen.
Hebron sank so rasch als es emporgeblüht war, viel rascher als Klipdrift und andere Diamanten-Fundorte. In den angeschwemmten Geschieben, in denen die Diamanten gefunden wurden, konnte man deutlich Elemente nachweisen, die von den umliegenden Höhen, und solche, die weiter aus stromaufwärts liegenden Gegenden angeschwemmt worden waren. Nebst massenhaftem Grünstein, in kleinen Fragmenten wie in Blöcken, waren Quarzstücke als Milch- und Rosenquarz, Quarzit, Porphyr, Quarzitporphyr, sowie eigenthümlich kuchenartig geformte, länglich-viereckige Thonschieferstücke von einer gelblichen oder gelblich-grünen Farbe zu finden, welch' letztere durch eine schwarze Umhüllungskruste, wohl das Product einer Zersetzung der äußersten Lage, auffielen. An der Bruchfläche erschienen diese Thonschieferkuchen schön gebändert und zeigten concentrisch angeordnete, dunkelbraune oder röthliche Zeichnungen; irriger Weise wurden diese Thonschieferblöcke als Muttergestein der Diamanten angesehen.