[Aus den Diamantenfeldern heimkehrende Basutos begegnen dahinwandernden.]

Am dritten Tage nach jener trüben am Vaalflusse verlebten Nacht traf ich wieder in Dutoitspan ein. Obgleich ich mich auf das Möglichste eingeschränkt hatte, betrugen die Auslagen auf dieser ersten Versuchsreise doch mehr denn 4000 fl. Ich hatte durch meine zweimonatliche Abwesenheit die Hälfte meiner Patienten eingebüßt, und von jenen Familien, die in der Zwischenzeit nicht zu anderen Aerzten Zuflucht genommen, hatte die Mehrzahl—meist holländische Farmer—die Diamantenfelder verlassen, um sich im Freistaate anzusiedeln. Durch die Behandlung einiger schwieriger Fälle konnte ich mir nach einiger Zeit das verlorene Terrain zurückerobern und so war es mir möglich, K. sein Darlehen zurückzuzahlen, der bald nach unserer Rückreise Dutoitspan verließ, um sich in der Colonie niederzulassen.

Den Zweck und das eigentliche Ziel meiner ersten Reise, einen Ueberblick über die Art und Weise des Reisens, Einsicht in den landschaftlichen Charakter der zu durchreisenden Gegenden, Einblick in das häusliche Leben der Eingebornen und holländischen Farmer, einige Erfahrung über ihr Betragen zu Fremden u.s.w., hatte ich glücklicher Weise erreicht. Durch die Reise in der Spätsommerzeit und bei so unfreundlicher, regnerischer und stürmischer Witterung glaubte ich mich ziemlich acclimatisirt zu haben. Obgleich ich durch die häufigen Regengüsse einige der auf dieser Reise gesammelten werthvollsten Gegenstände, darunter die mühevoll präparirten Gnufelle etc., eine Unzahl von Vogelbälgen, getrocknete Pflanzen etc., eingebüßt hatte, brachte ich 30 anatomische Präparate, etwa 1500 getrocknete Pflanzen, 1 Kiste mit Mammaliafellen, 2 Kistchen Vogelbälge, über 200 Reptilien, einige Fische, 3000 Insecten, einige Fossilien und 300 Mineralien mit, ungerechnet die zahlreichen Duplicate bei letzteren, die ich namentlich aus den Diamantenfeldern am Vaal (River-Diggings) mitnahm, um daheim Museen und Schulen damit zu beschenken. Daß ich auf dieser Versuchsreise Manches gelernt hatte, versteht sich von selbst; ich sah namentlich ein, daß, um die sich oft weit verlaufenden Zugthiere rasch aufzufinden und zurückzubringen, um eine interessant erscheinende, rechts oder links in der Entfernung sichtbare oder aus diesem oder jenem Grunde von den Eingebornen als anziehend bezeichnete Oertlichkeit näher zu untersuchen, ohne den Wagen aufhalten zu müssen, um nach Wasser in wasserlosen Gegenden zu fahnden, ohne erst mit dem Wagen planlos herumzuwandern oder sich zu Fuße halbtodt zu laufen und sich zu verirren, doch auch, um sich des Wildes leichter zu bemächtigen, ein Reitpferd unumgänglich nothwendig sei; auch war es mir klar, daß ich besserer Waffen bedürfe.

Bezüglich meiner Gefährten machte ich die Erfahrung, daß E. auch für die nächste Reise mir willkommen sein würde, als Freund und Rathgeber in manchem kritischen Momente und herzlich gerne bereit, mir in allen schwereren Arbeiten nach Kräften beizustehen. Durch die reichen Erfahrungen auf seinen früheren Reisen in Amerika und Nord-Afrika, sowie durch die Erzählungen interessanter Episoden aus jener bewegten Zeit war er mir ein äußerst angenehmer Reisegefährte geworden.

Wir blieben die ganze Zeit meines siebenjährigen Aufenthaltes in Süd-Afrika treue Freunde und sind es bis zur Stunde. Von F. kann ich leider nicht dasselbe sagen, ein 17jähriger, unerfahrener Jüngling, war er nur gewöhnt, das Leben von der leichtesten Seite aufzufassen—er hatte wohl Mitleid mit jedem Geschöpfe das in Nöthen war, er nahm stets einen guten Anlauf, doch dieser gute Wille war nicht von langer Dauer etc. etc.—trotz Allem war ich ihm dankbar für Alles, was er auf der Reise für mich gethan und wofür ich ihm hiermit nochmals danke.

Freund E. ging wieder an das Diamantendiggen, um nochmals sein Glück zu versuchen, K. nahm auch sein Geschäft wieder auf und F. vermietete sich als Ladendiener, eine Beschäftigung, bei welcher er, wahrscheinlich um die Mannigfaltigkeit des menschlichen Charakters kennen zu lernen, vier- bis sechswöchentlich seinen Principal wechselte.

Als ich die Diamantenfelder verließ, um mich auf diese erste Reise zu begeben, hatte ich mein kleines Zelthäuschen, dem Gerichtsgebäude gegenüber, in Miethe behalten und zog wieder in dasselbe ein; der Wagen wurde hinter das Häuschen geschoben, und die Zugthiere sofort verkauft, um mit dem Erlöse die zweimonatliche Miethe von 10 £ St. und je 3 £ St. für die Diener zu begleichen, sowie einiges Baargeld in der Hand zu haben, da ich von allen Mitteln entblößt nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt war.

Obgleich nur von sechsmonatlicher Dauer—war doch dieser Aufenthalt eine sehr bewegte Zeit für mich. Es gibt wenige Orte der Erde, wo der Arzt nicht allein als solcher, sondern auch als Freund seiner Patienten angesehen und angesprochen wird, und so ist es ihm ermöglicht, interessante psychologische Studien zu machen; die Beschränktheit der Räumlichkeiten, namentlich in der ersten Periode der Diamantenfelder, in denen die Kranken wohnen mußten—selbst bei Wohlhabenden oft eine zahlreiche Familie in einem Zelte—macht es ihm möglich, nolens volens das häusliche Glück, die edlen, schönen Seiten des häuslichen Lebens, doch leider auch manch' trübe und traurige, manch' herzerschütternde Scene zu beobachten. Und aus dem Arzte mußte der Rathgeber, aus dem Arzte mußte der Fürsprecher werden, zuweilen sah er sich selbst zu Zurechtweisungen veranlaßt, wenn es auch oft allen Muth erforderte—mehr Muth als im Kampfe mit einem wilden Thiere, an ein in Jahren vorgeschrittenes, an ein graues Haupt mahnende, warnende Worte richten zu müssen.—Was ich während meines Aufenthaltes in den Diamantenfeldern erlebt und beobachtet, hätte mir die reichste Praxis in dem hundertthürmigen Prag nicht im vierfachen Zeitraume bieten können.

Ein eigentümlicher Fall verhalf mir wieder zum großen Theile zu meiner ehemaligen Praxis. Eines Morgens, etwa um 5 Uhr wurde ich—wie es sich später herausstellte irriger Weise statt eines anderen Arztes—zu einem Unglücklichen gerufen, der sich im Delirium tremens die Kehle durchschnitten hatte. Meine Verlegenheit in diesem Falle war keine geringe, da der größte Theil meiner chirurgischen Instrumente auf der Reise in Folge ihrer Verwendung zu nichts weniger denn chirurgischen Operationen, zerbrochen oder unbrauchbar war. Doch zum Ueberlegen war keine Zeit, der Mann drohte zu verbluten, und so lief ich mit dem Boten um die Wette.

Ich fand einen ältlichen Mann in seinem Blute liegend mit einer klaffenden, 13 Zentimeter langen Halswunde, die er sich mit einem Rasirmesser beigebracht hatte. Nach den zwei Schnitten hatte der Mann noch dreimal in die so entstandene klaffende Wunde das Messer angesetzt, so daß der Kehlkopf im Ganzen fünf Schnitte zeigte.[[1]] Meinen aufopfernden Bemühungen und meiner Pflege gelang es aber zu meiner größten Befriedigung den Mann dennoch zu retten, trotzdem er nach den ersten drei Tagen in einem Deliriumsanfalle sich den Nothverband herabgerissen hatte.