Die Zeit meines letzten Aufenthaltes in den Diamantenfeldern in den Jahren 1877—78 war, namentlich aber das letztere, für Süd-Afrika von großer Bedeutung. Ich erinnere den Leser an den Krieg, den die Colonie mit den an ihrer östlichen Grenze, sowie Griqualand-West mit den westlich wohnenden Stämmen zu führen hatten, Kriege, welche das Vorspiel zu dem Kampfe mit den Zulu’s bildeten. Auch erwähne ich der Einverleibung der Transvaal-Republik in den Verband englischer Colonien. Meine unmaßgebliche Meinung geht dahin, daß diese Ereignisse für den ganzen südlichen Theil Afrika’s von größter Bedeutung waren, namentlich rücksichtlich der Lösung der Eingebornenfrage.

Jagd auf Erdferkel.

Ich erlaubte mir im April des Jahres 1877 meine Ansicht über diesen Gegenstand in einer kleinen, sechzehn Seiten zählenden Broschüre: »A few words on the Native Question« niederzulegen, und da so manches, was ich in derselben besprach, seither in Erfüllung ging, will ich hier einiges daraus dem Leser vorführen. Die Behandlung und Lösung der Eingebornen-Frage, welche einen Vergleich mit den Verhältnissen in Süd-Afrika anzustellen mich angeregt, anderseits die ehrenvolle Aufforderung hervorragender Männer in Süd-Afrika gaben mir Veranlassung, meine Ansichten in jener Broschüre darzulegen. Die Ereignisse der letzten Jahre bis zum Zulukriege zeigen uns wohl, daß England in Südafrika, wenn auch in anderer Weise als in Nordamerika, größere Erfolge als andere Colonisatoren auf dem Festlande Afrika’s errungen hat. Im Allgemeinen war die Behandlungsweise eine ähnliche; allein das Eingebornen-Element ist in seinem Charakter von jenem Nordamerika’s verschieden, weshalb eine gleiche Behandlung desselben unmöglich Erfolg versprechen konnte, umsomehr, da es namentlich zwei Vorurtheile gab, welche die europäischen Colonisten beherrschten. Das erste derselben sah in den Eingebornen trotz ihrer angewohnten Laster die unschuldig Bedrückten; das zweite im Gegensatze hiezu erblickte in den Schwarzen den Weißen inferiore, kaum menschlich zu nennende Creaturen. Jene, welche eine gemäßigtere Ansicht hatten, waren sowohl der Zahl als ihrem Einflusse nach die Schwächsten und meist praktisch denkende Menschen, welche als jahrelange Nachbarn in das Leben der Eingebornen leicht Einblick nehmen konnten.

Als ich im Jahre 1875 jene Broschüre schrieb, war mir das Letztere nicht bekannt, ich fand erst später, daß meine Idee mit jener vieler erfahrener Colonisten übereinstimmte; sie gewann auch später die Oberhand und wurde zur Staatsraison. Es gibt in Süd-Afrika Eingebornenstämme, welche gegenwärtig in ihrer geistigen Beziehung, in ihrer Auffassung etc. einem gewöhnlich entwickelten Kinde aus unserer Mitte von etwa fünf bis sechs Jahren nicht unähnlich sind. Spezielle Charakter-Eigenthümlichkeiten einzelner Eingebornenstämme erklären uns ihre mindere oder höhere Culturstufe ähnlich wie Geistes- und Gemüthsanlagen die Kinder einer europäischen civilisirten Familie untereinander unterscheiden. Gutmütigkeit als Charakterzug bei dem einen, Sinn für Industrie bei einem zweiten, Hang zum Diebstahle oder Raubsucht bei anderen Stämmen finden wohl theilweise in der größeren oder geringeren Gehirnmasse ihre Erklärung. Die Hottentotten, Griqua’s und Koranna’s können wir füglich mit Kindern vergleichen, welche sich willenlos von ihren Gespielen leiten lassen und namentlich nach allem Glitzernden haschen. Eben deshalb wäre es verfehlt, den südafrikanischen Eingebornen ohneweiters die Rechte eines Gebildeten einzuräumen, selbst dann, wenn diese auf mechanischem Wege sich Lese- und Schreibkenntnisse erworben haben. Von größtem Werthe scheint es mir, ihnen in einer leicht verständlichen, leicht ausführbaren Weise die richtigen Begriffe der Arbeit, den Bau der Wohnung, die Pflege und Ernährung des Körpers, den Feldbau, die Viehzucht, beizubringen und sie dabei zu unterweisen, wie sie ihren Nebenmenschen, ihren ungebildeten Stammesbrüdern, andererseits dem Weißen gegenüber sich betragen sollen.

Einer der furchtbarsten Feinde der Civilisation war bis jetzt noch der Aberglaube. Ich bin der Ansicht, daß wir denselben auf keine andere Weise erfolgreich bekämpfen können, als indem wir die Eingebornen Süd-Afrika’s sich ihre Lebensbedürfnisse ohne Inanspruchnahme des vermeintlichen Einflusses der Zauberer, Fetische und Regenbeschwörer gewinnen lehren.

Ich erlaubte mir, die Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß den südafrikanischen Schwarzen eine andere Zukunft bevorstehe, als den Indianern Nordamerikas und daß man aus diesem Grunde gewisse Krebsschäden, welche jene decimirten, von ihnen fernhalten müsse. Zu solchen Maßregeln gehört die Beschränkung oder die vollkommene Sistirung des Branntwein-Verkaufes an die Schwarzen in den Kolonien, sowie das strenge Verbot, das Feuerwasser nach den nachbarlichen, unabhängigen Eingebornenländern einzuführen. Einige der Stämme kamen uns schon jetzt hilfreich entgegen, indem bei ihnen die Einfuhr sowie der Verkauf des Feuerwassers nicht gestattet ist, und ich fühle mich glücklich, sagen zu können, daß gegenwärtig dieses Verbot wenigstens in einem Theile Afrikas gewiß zum Vortheile der dunklen Bevölkerung wie des weißen Mannes selbst zur Geltung gekommen ist. Ferner erlaubte ich mir, darauf hinzuweisen, daß sowohl die Regierung, als auch der einzelne Weiße im Umgange mit den verschiedenen Stämmen den Charakter derselben, sowie jenen der Häuptlinge wohl berücksichtigen müsse, ferner, daß die Ansuchen gewisser Eingebornenherrscher um Einverleibung ihres Gebietes in den Verband englischer Colonien äußerst vorsichtig aufzunehmen sind.

Was ich darüber in meiner Broschüre erwähnte, hat sich später in Bezug auf den Batlapinen-Fürsten Mankuruan, den Bakwena-König Seschele, ferner an den Damara’s und an Khama, dem Bamangwato-Fürsten, als richtig erwiesen; ich glaube auch daß meine Schilderung des Zulu-Charakters eine getreue war. Ich bin längst von der Ansicht abgekommen, daß, nachdem die Zulu-Macht gebrochen worden, Großbritannien seinen Colonialbesitz in Süd-Afrika weiter ausdehnen solle. Ich glaube, daß der stabile Aufenthalt eines oder mehrerer Vertreter (Commissaire) an den Höfen, sowie Handels- und Colonisations-Verträge mit den einzelnen und mächtigeren Eingebornenkönigen des centralen Süd-Afrika und des südlichen Central-Afrika für die endliche Erschließung des Erdtheils die besten Erfolge versprechen, jedoch unter der Voraussetzung, daß Gewehre und Munition als Handelsartikel ausgeschlossen bleiben.

In Europa war bisher die irrige Ansicht verbreitet, daß die Engländer in Süd-Afrika alles Land gierig verschlingen, dessen sie nur habhaft werden können. Die Gegner und Kritiker der englischen Colonialpolitik in Süd-Afrika scheinen jedoch nicht zu wissen, daß in den meisten Fällen die betreffenden Landstriche den Engländern formell von den verschiedenen Eingebornenherrschern angeboten wurden. Vor meiner dritten Reise schwärmte ich sehr für die rasche Eröffnung einer Handelsstraße nach Central-Afrika und dachte damals, es sei dies nicht anders erreichbar, als indem das Gesammtgebiet zwischen dem Vaal und dem Zambesi dem englischen Scepter unterworfen würde. Seither haben sich meine Ansichten über diese englische Machtvergrößerung geändert und ich weiß nun genau, daß Großbritannien die Annexion mehrerer spontan angebotener Eingebornengebiete ausschlug. Meine Broschüre war damals, eben am Vorabende mehrerer solcher Landabtretungs-Anbote von Seite mehrerer Eingebornenfürsten, geschrieben worden, und darum glaubte ich die Regierung darauf aufmerksam machen zu müssen, die größtmögliche Vorsicht dabei zu beobachten.