Unfall bei Cradock.
Auch in Middleburg hielt ich, hiezu aufgefordert, einen Vortrag über meine Reisen und fand die liebenswürdigste Aufnahme bei den Bewohnern des Städtchens. Ich bin namentlich den Herren Veidling, Heathcoth und Dr. Moore, welch’ letzterer später auch meine Praxis in Cradock übernahm, zu Dank verpflichtet. Auch in der nächsten Umgebung von Middleburg fand ich ein reiches Dicynodon-Lager und bedaure nur, daß die graslose Strecke ringsum mir einen längeren Aufenthalt nicht erlaubte. Da ich seitdem aus den mitgebrachten Fossilien erkannt, daß dieses Lager auch Fischspecies aufweist, will ich auf meiner nächsten Forschungsreise durch die südafrikanischen Colonien dem Orte meine vollste Aufmerksamkeit widmen.
In Cradock angekommen, war es meine Absicht, meinen erschöpften Zugthieren, von welchen leider einige in Folge des Futtermangels zu Grunde gegangen waren, einige Tage Rast zu gönnen, doch sah ich mich bald genöthigt, daselbst einige Monate zu verweilen, um meine bisher erlittenen Verluste durch den Ertrag der ärztlichen Praxis zu decken. In meiner mißlichen Lage war mir das herzliche Entgegenkommen der Bewohner Cradocks ein wahrer Trost und ich fühle mich namentlich den Familien Grey, Greaves, Green, Gillfillan, Smolmann, Armstrong, Turkington, Leigh, Cawood, Woodland, Rice, Wolters, Rawstone und Gardener, sowie den Herren Brown, Rudd, McLoud zu tiefem Danke verpflichtet. Auch den Herren Mynheeren van Rensburg und Marais, sowie Mr. Forster von der Gillfillan-Brücke gedenke ich hier in freundlicher Erinnerung.
Zur Zeit meines Aufenthaltes in Cradock war der Fish-River mehrmals böser Laune. Ich war anfangs noch nicht dessen sicher, ob ich mich auf einige Monate in der Stadt niederlassen und praktiziren sollte und wohnte in meiner Arche etwa eine halbe Meile oberhalb der Stadt am jenseitigen (rechten) Flußufer. Da ich jedoch schon über zwanzig Patienten zu behandeln hatte, so ritt ich täglich mehrmals mit meinem Mosco nach der Stadt. Ich hatte auf meinem Wege zur Brücke zwei meist trockene Rinnsale zu passiren. Diese zwei etwa vier Meter tiefen, vom Wasser ausgespülten Mulden bildeten, wie man mir mittheilte, nur sehr selten und dann höchstens nur auf einige Stunden, meist nach sehr heftigen Platzregen im westlichen Gebirge (Cradock liegt in einem wahren Bergnetze) fließende Gewässer. Etwa 1½ Monate nach meiner Ankunft im Weichbilde der Stadt fiel durch mehrere Tage (nach mehr denn vierzehnmonatlicher schrecklicher Dürre in der Cap-Colonie) unausgesetzt Regen, in Folge dessen der Hauptfluß anschwoll und auch jene Rinnsale sich mit gelblicher, andere mit röthlicher, breiartiger flüssiger Masse füllten. Ich war schon früh zur Stadt gerufen worden, konnte jedoch des zahlreichen Krankenbesuches am Wagen halber, erst Nachmittags dahineilen und als ich zu dem zweiten, sonst immer trockenen Zuflusse des zu meiner Rechten etwa dreißig Schritte ab brausenden und schäumenden Fish-Rivers kam, fand ich etwa dreißig Menschen am diesseitigen Ufer, die sich nicht hinüberwagten — es waren meist Wäscherinnen, welche Früh die Stadt verlassen hatten, um ihrer Beschäftigung an den etwa 1½ englische Meilen flußaufwärts liegenden schwefelhaltigen warmen Quellen nachzugehen, nun aber nicht heimkehren konnten. Hätte ich meinen Krankenbesuch in der Stadt nicht für sehr dringend gehalten, wäre ich wieder zum Wagen zurückgeritten, da ich jedoch nach dem früh mir vom Krankenbette zugekommenen Bulletin eine Verschlimmerung befürchtete, entschloß ich mich, den zischenden Strudel vor mir zu durchreiten. Der röthliche dicke Schwall war etwa acht bis neun Meter breit und schien mir an der günstigsten Stelle 1½ Meter tief, leider hatte das Wasser unmittelbar unter dieser Stelle ein Loch ausgehöhlt und bildete hier einen etwa drei Meter hohen Katarakt, über welchen es laut schäumend sich mit den tosenden Wellen des Fish-Rivers vereinigte. Ich kannte mein Pferd und vertraute ihm meine Sicherheit an, selbst bestrebt, ihm seine anscheinend schwere Arbeit zu erleichtern.
Bei den zwei ersten Schritten fühlte ich den Körper des Thieres erzittern, ich munterte es auf, rasch bewegte es sich vorwärts; um es von dem Loche zur Linken abzuhalten, hielt ich mehr nach der entgegengesetzten Richtung, wo leider die Strömung zu stark war und das Thier zum Falle brachte; doch waren noch unsere Köpfe über Wasser. Bevor wir uns noch dem Katarakte genähert, hatte Mosco sich von selbst emporgerafft und suchte mit einem Satze das jenseitige Ufer zu gewinnen — seine Absicht mißlang, er fiel auf die Vorderknie — doch zum zweiten Male raffte er sich auf, sein Körper zitterte so sehr, daß ich nicht mehr mit ihm das Ufer lebend zu erreichen dachte, jeden Moment wähnte ich ihn mit mir in die schäumende Tiefe zur Linken fortgespült — da, ohne angespornt zu werden, noch ein Versuch — ein zweiter Satz und die Vorderhufe hatten sich in den Lehmboden des jenseitigen Ufers eingegraben, nur einige Secunden verharrte Mosko in dieser Stellung, ein anderer Satz brachte ihn vollends auf’s Trockene. Wir waren gerettet!
Während meines Aufenthaltes in Cradock war ich so sehr durch meine Praxis in Anspruch genommen, daß ich meine seit dem Verlassen der Diamantenfelder aufgenommenen paläontologischen Forschungen aufgeben mußte. Ich hatte stets sechzig, zuweilen bis achtzig Personen auf der Krankenliste und konnte nur selten aufs Land fahren, da mich meine Stadt-Kranken zu sehr beschäftigten; Herr Kidger sen., der Inhaber eines Geschäftes, war so gütig, mich mit einigen Dicynodon-Resten zu beschenken.
In die Zeit meines Aufenthaltes in Cradock fällt auch die wichtigste Episode, die sich in Süd-Afrika während der letzten fünfundzwanzig Jahre abgespielt hatte — der Zulu-Krieg. Für den Culturfortschritt in Süd-Afrika war der Zulu-Krieg eine Notwendigkeit, doch darf man sich nicht der Ansicht hinneigen, daß ihn Sir Bartle Frere eigenmächtig hervorrief, und die englische Regierung in Südafrika ohne die trifrigsten Gründe zu den Waffen griff. Das Vorgehen Sir Bartle Frere’s war einer der weisesten Schritte, die er, sowie überhaupt ein Staatsmann, auf dem afrikanischen Kontinente thun konnte. Er sah die Gefahr, die den Kolonien von dem Zulu-Lande drohte, er wußte von Ketschwajo’s Vorbereitungen und kannte die allgemeine Kampflust, mit welcher die Zulu-Krieger Ketschwajo’s nach einem Zusammenstoße mit den Weißen lechzten. Bald waren es die Colonisten in Natal, bald die Grenzbewohner der südöstlichen Districte der Transvaal-Colonie, die über die Anmaßungen der Zulu’s zu klagen hatten. In den letztverflossenen Decennien hatten in beiden Ländern zahllose Flüchtlinge aus dem Zulu-Lande Schutz vor den maßlosen Grausamkeiten ihres Königs und der Induna’s gesucht und gefunden.
Hätte die englische Regierung in Afrika nicht zuerst zu den Waffen gegriffen, so wären die Zulu’s wie eine blutgierige Meute Hunde über Natal hereingebrochen, und in einer Woche hätten durch diesen Ueberfall zwanzig- bis dreißigtausend Menschen ihr Leben eingebüßt. Ketschwajo hatte es längst darauf abgesehen. Der dem Zulu-Herrscher eigene Stolz, das sichere Vertrauen, das er auf die Unerschrockenheit und Tapferkeit, sowie die anderen Eingebornenstämmen gegenüber verhältnißmäßig große Anzahl seiner Krieger setzte, machten ihn siegesbewußt, lullten den Tyrannen, dessen Vorbereitungsmanöver oft Hunderte von Menschenleben kosteten, in den großen Traum ein, Herr von Natal zu werden. Dieser Schlag hätte aber einen furchtbareren noch im Gefolge gehabt: die Erhebung der meisten südafrikanischen Stämme gegen alle Weißen.