Wenn es in Süd-Afrika einige, in England jedoch zahlreiche Menschen gibt, welche den Zulu-Krieg pro ipso als eine der größten Ungerechtigkeiten ansehen, deren sich die englische Regierung in Süd-Afrika schuldig gemacht, so beruht diese irrige Ansicht auf einem vollkommenen Mißverständniß des Eingebornen-Charakters im Allgemeinen und des Zulu-Charakters im Besonderen. Die Vertreter der ebenerwähnten Ansicht sind meist Menschen, welche mit den Eingebornen nie in Berührung kamen oder nie Gelegenheit hatten, die ungeheuchelte, nackte Handlungsweise der Zulu’s kennen zu lernen, die schließlich von einem Vorurtheil befangen, stets und in Vorhinein in jedem Schwarzen einen armen, bedrückten, gequälten und von den Weißen zurückgesetzten Menschen sehen.

Als ich nach meiner Rückkehr von Afrika in England hochstehenden Personen gegenüber, welche in verschiedenen Welttheilen durch Jahrzehnte beschäftigt waren, den südafrikanischen Eingebornen eine erfreuliche Zukunft in Aussicht stellte, staunte man überall. Man war von der allgemeinen, bisher geltenden Idee des Aussterbens der schwarzen Race und ihres Verdrängtwerdens von Seite der Weißen durchdrungen und glaubte in dem Zulu-Kriege nur eine Bestätigung dieser Ansicht zu finden. Wenn die Behandlung der Schwarzen von Seite der Weißen in vielen Weltgegenden bisher zumeist Mißerfolge aufwies, so beruhten dieselben erstlich auf einer irrigen Auffassung der Natur und Stellung des Eingebornen. Er wurde entweder als ein untergeordnetes, kaum menschliches Wesen angesehen und dann übel behandelt, oder er, das ungebildete Kind, wurde belehrt, daß er seinem Lehrmeister und weißen Herrn vollkommen gleich stehe. Da der Schwarze diese Identität nicht begreifen konnte, und er, der ungebildete Unmündige, sich nun plötzlich als Gebildeter betragen, das Kind den Erwachsenen spielen sollte, kam ein offener Widerspruch zu Tage, dessen unmittelbare Folge ein schwerer Mißgriff des Weißen war; in Folge dieser irrigen Auffassung gab man dem Kinde ferner seine eigene vorzügliche Waffe in die Hand, welches nun nichts Eiligeres zu thun hatte, als die vermeintliche Ebenbürtigkeit dem weißen Manne gegenüber geltend zu machen und gegen ihn die Waffe zu gebrauchen. Ein weiterer, sich nur allzubald rächender Fehler war drittens die Einfuhr und der Verkauf alkoholhältiger Getränke, viertens die Einschleppung von ansteckenden Krankheiten, und endlich fünftens, daß sich die zu dem Verkehr mit den Eingebornen von dieser oder jener Regierung bestimmten Personen (Commissäre etc.) als untauglich und ihres Amtes unwürdig zeigten, und zwar dadurch, daß sie namentlich vor Allem ihre persönlichen und die Vortheile ihrer Nächsten und weniger das Wohl der Eingebornen im Auge hatten.

Was die beiden ersteren Punkte mit Rücksicht auf Süd-Afrika betrifft, so glaube ich schon im vorigen Capitel darauf hingewiesen zu haben, daß man gegenwärtig glücklicher Weise in das richtige Fahrwasser »how to deal with the natives« eingelenkt habe. Der letzterwähnte Punkt kann in Süd-Afrika gar nicht zur Sprache kommen. Die Berichte der Commissäre of the native-affairs können nur zu leicht einer Prüfung unterzogen werden. Für den geringsten Mißbrauch ihrer Amtsgewalt würde eine sofortige strenge Bestrafung auf dem Fuße folgen. Bezüglich des dritten Punktes sehen wir das Unglaubliche in Süd-Afrika möglich geworden, daß Eingebornenfürsten dem Verkaufe des Feuerwassers steuern und daß auch einige der Colonial-Regierungen die Ausfuhr desselben nach den unabhängigen Eingebornenreichen verboten oder eingeschränkt haben.

Eine glückliche Lösung der Zulu-Frage, welche bei diesem kriegerischen Volke nur mit Waffengewalt zu Stande kommen konnte, war für Süd-Afrika von derselben Bedeutung, als eine solche der orientalischen Frage für manche Staaten Europa’s. Ein mehrjähriger Aufenthalt unter verschiedenen Stämmen und mein Wirkungskreis als Arzt, bot mir hinreichende Gelegenheit, so manche Ansicht derselben kennen zu lernen und über die wirklichen Verhältnisse der einzelnen Stämme unter einander, ihre Beziehungen zu den Engländern und Holländern Erfahrungen zu sammeln, welche mich wenigstens theilweise zu der Veröffentlichung der dem Leser schon bekannten Broschüre, sowie einer Reihe von Artikeln veranlaßten

Auf der Heimreise durch die Kolonie begriffen, ersah ich (der Leser möge dies Geständniß entschuldigen) daß mir meine Zulubriefe, meine Reisen wie auch meine Ausstellung in Kimberley zahlreiche Freunde erwarben. Der erste dieser Artikel, welchen ich vor dem Ausbruche des Krieges schrieb und in welchem ich unter Anderem die Kampfweise der Zulu’s und die Gefahr, welche für Afrika von Seite dieser Barbaren bevorstand, schilderte, verspätete sich in Folge lebensgefährlicher Erkrankung des Redacteurs des »Eastern Star« und erschien, von mir telegraphisch urgirt, zufällig am selben Tage, an welchem die Nachricht von der Niederlage der englischen Truppen bei Isandula die Cap-Colonie erreichte; derselbe war vor dem Ausbruche des Krieges am 16. Jänner abgesendet worden. Ich erlaube mir im Folgenden einige Citate aus demselben anzuführen:

»Gibt es gegenwärtig etwas Wichtigeres, Gefahrdrohenderes auf dem politischen Horizont Süd-Afrika’s als jene dunkle Wolke im Osten, als die Zulu-Frage? Schwarz, dicht geballt, blitzgeschwängert ist diese Gewitterwolke, die ungebundene Masse eines der rohesten Eingebornen-Elemente, welche unseren Blick in die Zukunft trübt und seit Jahren den Frieden und die Wohlfahrt Süd-Afrika’s bedroht.

Dort — nördlich vom Tugelaflusse hängt das Damokles-Schwert über Deinem Haupte, Süd-Afrika. Und dieses Schwert und jene Wolke? Ein blutdürstiger Tyrann, dessen Macht auf Tausenden und abermals Tausenden entmenschter, ihm wie eine Rotte wilder Wölfe in sklavischer Unterwürfigkeit blindlings folgender Creaturen beruht. Doch wie ist es denn möglich, daß solch’ ein Wütherich so viele Jahre und in einer solchen Weise die Civilisation hier um uns beeinträchtigen konnte, daß der Weiße jeden Moment die drohende Meute über sich hereinzubrechen befürchten mußte? Hast du denn geschlummert, britischer Löwe, daß du dir für die beispiellose Sanftmuth, die du so oft den Zulu’s gegenüber bewiesen, so lange solch’ eine schmähliche Stellung dem Zulutyrannen gegenüber gefallen lassen mußtest? Ja, dort nördlich von der Tugela, in dem schrecklichsten durch einen Eingebornenfürsten geschaffenen Gefängnisse harrt der gordische Knoten Süd-Afrika’s seiner Lösung.

Bei der Betrachtung dieser von Osten her verderbendrohenden Wolke haben wir jedoch nicht allein das Furchtbare des ihr entströmenden Ungewitters zu fürchten, sondern noch einen zweiten Umstand. Es ist das Verhältniß zu den übrigen Wolken und Wölkchen, die auf dem Horizonte über uns schweben. Obgleich Feinde des Zulustammes — ja ihn hassend — verbindet doch den letzteren mit den meisten der südafrikanischen Eingebornenstämme ein Gedanke, der von der Natur eingeimpfte, aus einem allseitigen Neid hervorgegangene, trotz der wohlwollenden Behandlung unter dem Gouverneur Sir Henry Barkly durch ein Gefühl einer irrthümlichen Zurücksetzung gestärkte Haß der dunklen Racen den Weißen gegenüber.

Von der größten Wichtigkeit ist es nun für uns, zu wissen, ob sich jene kleinen Wolken, die meisten bedeutenden Stämme, beim Losbrechen jenes Unwetters mit den Zulu’s vereinigen werden oder nicht. Farbige, die sich seit Jahren und Jahren zwischen den Weißen bewegten, die als Diener, Aufseher etc. seit Decennien in des weißen Mannes Diensten standen, Menschen, deren Dörfer um unsere Ansiedelungen liegen, und friedliche Nachbarn geworden waren, Farbige, die, ob Bastard-Buschmänner, Hottentotten oder Banthu’s, den Zulu als einen Erbfeind haßten, welche von demselben wiederholt bekriegt, von ihm Schreckliches erleiden mußten — lächelten zufrieden in sich hinein, so oft sie von dem arroganten Auftreten Ketschwajo’s hörten, freuten sich im Stillen, daß doch ein schwarzer Bruder (in Wirklichkeit ihr größter Feind) dem Weißen Trotz und Hohn bot und zu bieten im Stande war. »Ja, die Zulumacht, die Macht des blutdürstigen Ketschwajo, ist eine hohe Mauer, ist ein Felsen, über den das Bleichgesicht nicht klimmen, den es nicht bezwingen kann.« Einen weiteren Beweis der Zulumacht glaubten sie auch darin zu erblicken, daß die meisten der Wächter des Weißen — die schwarzen Policemen — Zulumänner aus Natal, Flüchtlinge aus Ketschwajo’s Gebiete waren. In keinem Eingebornenlande Süd-Afrika’s ist eine solche Rohheit und Unmenschlichkeit, ist eine solche Barbarei zu beobachten, solch thierische Wuth manifestirt, wie in Ketschwajo’s Land. Ja, wir sehen, daß selbst der regierende Stamm, die Zulu’s selbst, auf die furchtbarste Weise von ihrem Tyrannen mißhandelt werden, ebenso barbarisch wie die Eingebornen es sind, sich ebenso sklavisch den Befehlen des Tyrannen unterwerfen und ihre Mitmenschen abschlachten, um vielleicht bald darauf selbst abgewürgt zu werden. Muth und Unerschrockenheit sind die einzigen Tugenden, die wir den Zulu’s zuerkennen müssen, doch da dieser Charakterzug nur zur Stärkung der Macht eines Tyrannen und des Plünderns halber zur Geltung kommt, büßt er das Lobenswerte ein und wird zur entfesselten thierischen Wuth, mit der sich der Tiger auf sein Opfer wirft. Bald in dieser, bald in jener Weise haben sich unsere Brüder in Natal Drohungen und Erniedrigungen von Seite des Zulu-Fürsten gefallen lassen. Jede der ihnen angethanen Schmähungen war eine Schmähung für uns Alle, und es sind nun Tausende und Tausende, die gegenwärtig von der südlichen Meeresküste bis zu dem nördlichen Bogen des Limpopo, von der Mündung des Oranje-Rivers bis zur Tugela-Mündung welche, — die Einen ein Ende dieser Anmaßungen mit geballter Faust fordern, die Anderen aus der Tiefe ihres Herzens darum flehen.