Mainstreet in Port Elizabeth.
Am Abend desselben Tages langte ich in Port Elizabeth an. Mit Freuden begrüßte ich nach so vielen Jahren wieder das Meer und nahm mir vor, ihm während meines Aufenthaltes die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Fast täglich während meines sechswöchentlichen Aufenthaltes ritt ich zeitig früh nach dem Cap Recif oder weiter hinaus, zuweilen auch nach der Mündung des Zwartkops-Rivers, um an seinem Gestade zu sammeln. Ich hielt in Port Elizabeth einige Vorlesungen. Für eine derselben wurden mir von der Chamber of Commerce 60 £ St. verehrt. Ich fand hier allseitig eine freundliche Aufnahme, besonders von Seite der Redactionen des »Eastern Telegraph«, und des »Eastern Herald«. In meinem Sammeleifer standen mir namentlich die Herren Vermold, Holland und Halok sowie der frühere österreichische Consul Allenberg bei. Herr Holland, dessen Frau Gemahlin eine Künstlerin ist und mit Vorliebe das Studium der Botanik der südafrikanischen Flora betreibt, machte mich auf die Haufen von thierischen Knochen und Conchilienschalen aufmerksam, welche an gewissen Stellen am Meeresufer förmlich hügelweise von den früheren Bewohnern dieses Gebietes bei ihrem Mahle angehäuft worden waren. Da ich von diesen Funden erst bei meinem Scheiden aus Süd-Afrika Kenntniß erhielt, konnte ich nicht entscheiden, ob sie etwa von den Buschmännern herrühren. Ist dies nicht der Fall, so müssen diese Mahlreste von einem in Süd-Afrika ausgestorbenen Stamme aufgehäuft worden sein. Ich fand in Port Elizabeth meine schon vor einem Jahre dahin abgesandten Sammlungen in vierundzwanzig Kisten in gutem Zustande vor und brachte neues Material hinzu, welches mit dem in Port Elizabeth gewonnenen im Ganzen siebenundvierzig Kisten füllte; in Capstadt wurden zwei weitere Kisten hinzugefügt.
Bevor ich von Süd-Afrika scheide, erlaube ich mir aus meinem Tagebuche eine der interessantesten Löwenjagden Van Viljoens, eines der bedeutendsten südafrikanischen Elephantenjäger den Lesern mitzutheilen. Das an das Matabele-Reich grenzende Maschona-Land wurde seines Wildreichthums halber, und da sie vom Matabele-Könige specielle Erlaubniß zu seinem Besuche erhielten, wiederholt von den beiden Jägern Viljoen und Pit Jacobs der Elephantenjagd halber aufgesucht. Während eines solchen weiten Jagdausfluges machten beide Jäger mehrmals mit Löwen nähere Bekanntschaft, eine dieser Begegnungen will ich im Folgenden zu schildern versuchen.
Van Viljoen jagte diesmal in Gemeinschaft mit seinem Sohne Jan, beide waren von ihren Frauen begleitet und jene Jan’s hatte ihre beiden Kinder, von welchen das jüngere noch ein Säugling war, bei sich. Die Jäger hatten ihren Lagerplatz gewechselt und lagen mit ihren Wägen nahe an einem von der giftigen Tsetse bewohnten und deshalb für ihre Zug- und Reitthiere unzugänglichem Territorium. Die Frauen im Lager zurücklassend, pflegten die Jäger dann von ihren Dienern begleitet, zu Fuß weit in das Tsetsegebiet zu dringen, um den sich mehr und mehr vor dem Feuerrohr zurückziehenden Elephanten tagelang zu folgen. Die neue Lagerstelle wurde öfters, sowohl während ihrer Abwesenheit, als nach ihrer Rückkehr — wie es schien — von einem und demselben äußerst dreisten Löwen heimgesucht. Das erste Mal geschah dies an einem Morgen. Der werdende Tag hatte die Dämmerung weit nach Westen verdrängt. Im Lager der Jäger schien noch alles im tiefen Schlafe begraben. Man gönnte sich eben etwas mehr Ruhe, wenn die Herren abwesend waren. In der aus Mapanizweigen errichteten Umzäunung standen die beiden Riesenwägen, in denen die Weißen ihre Vorräthe bargen, während sich ihre Familien in zwei nothdürftig aus Schilfrohr und Geäste errichteten, mit Gras überdachten und mit Lehm übertünchten, an die Umzäunung angebauten Hütten einquartirt hatten. Es ist ein Charakterzug des jagenden Boers, daß er auf seinen Jagdzügen in der Wildniß stets ein solch’ elendes Hartebeest-Häuschen dem Wagen, der selbst einer großen Familie hinreichenden Raum bietet, vorzieht. Nahe an der ersten Umzäunung befand sich eine weniger umfangreiche aber höhere, aus Dornbüschen errichtete, welche als Viehkraal diente.
Endlich wird die Stille im Lager unterbrochen. Die kleine Matte, welche die winzige Eingangsöffnung einer der drei an den Kraal angebauten kegelformigen, von den Matabele-Dienern bewohnten Grashütten schloß, wird durch einen nackten schwarzen Arm von innen bei Seite geschoben, und ein kräftiger Zulu, dunkel wie die Kohle, zwängt sich durch, um sich sofort zu dem vor der Hütte im Erlöschen begriffenen Feuer zu beugen und es anfachend, neu auflodern zu machen. Bald folgen ihm zwei Gefährten, der erste aber holt sich aus der Hütte zwei Assagaie, spießt auf den einen ein Stück Fleisch, und nachdem er auch einen Feuerbrand erfaßt, um sich dasselbe einige Stunden später auf der Weide zu braten, öffnet er den Viehkraal, um die Rinder an sich vorbeipassiren zu lassen. Diese die gewohnte Richtung einschlagend, bewegen sich allmälig dem nahen Dickichte zu. Der bewaffnete Hirte folgt, ein Lied seiner Heimat vor sich hinsummend. Doch kaum zweihundert Meter vom Lager entfernt, werden die Ochsen durch den plötzlichen Ueberfall von Seite eines Löwen aus ihrer Lethargie gerissen und einer aus ihrer Mitte angegriffen; der auf diese höchst unsanfte Weise in seinem Gesange unterbrochene Matabele verlor indeß keinen Augenblick die Fassung, denn kaum hatte der Löwe mit seiner rechten Tatze den Ochsen am Maul erfaßt, um in der gewohnten Manier beim Angriffe auf Rinder, diesem den Athem zu benehmen, die andere in die linke Schulter eingeschlagen und sich in die Kehle verbissen, sauste schon der Assagai des Hirten durch die Luft — leider war es ein zu leichter Speer, — den rechten Vorderarmknochen des Raubthieres treffend, prallte dieser hier wie von einer Steinplatte ab und fiel in’s Gras.
Der Wurf sowohl, wie das Geschrei des Mannes, das auch von den zu Hilfe herbeieilenden Gefährten kräftig aufgenommen wurde, thaten das ihrige um das Raubthier zu verscheuchen. Die Matabele brachten sofort die Zugthiere zurück in den Kraal, einer lieh sich von der Frau Jan’s ein Gewehr, während die anderen ihre Speere und Schilde ergriffen und machten sich hierauf in corpore an die Verfolgung des Löwen. Sie nahmen die Spur auf, doch überzeugten sie sich bald, daß er sich mit gewaltigen Sätzen weit in die Büsche zurückgezogen hatte. Heimgekehrt, brachten sie die Zugthiere wieder auf die Weide um sie diesmal vereint, den ganzen Tag über zu bewachen. Man war auf eine Wiederkehr des Raubthieres gefaßt, doch es verging ein Tag nach den anderen, ohne daß man den Löwen zu Gesicht bekommen hätte, obwohl allnächtliches Brüllen seine Nähe verrieth.
Am zwanzigsten Tage nach jenem Zwischenfalle kehrten die weißen Jäger in ihr Lager zurück. Ohne ihnen Zeit zu lassen, ihre eigenen Erlebnisse zu berichten, wurden sie sofort von den Frauen von dem Gebahren des frechen Eindringlings in Kenntniß gesetzt, und genau der Handlungsweise des holländischen Jägers entsprechend, machten sich die Jäger noch am selben Tage an die Verfolgung des Raubthieres, indeß ohne Erfolg, trotzdem sie durch mehrere Tage mit dem ganzen Trosse ihrer Diener (fünfzehn Matabele) die Büsche und Dickichte abpürschten. Da man auch in der Nacht sein Gebrüll seltener vernahm, glaubte man, daß sich das Thier gänzlich aus der Gegend zurückgezogen hatte.
Acht Tage nach ihrer Rückkehr von der Elephantenjagd verließ der alte Jäger mit seiner Frau den Lagerplatz, um den König der Matabele, La Bengula zu, besuchen. Zwei Tage später verließ auch sein Sohn die Stelle, um neuerdings eine Elephantenjagd im Tsetse-Distrikt zu unternehmen. Genau sieben Tage später machte sich der Löwe an dem Lagerplatze wieder bemerkbar, in welchem diesmal nur die junge Frau mit ihren beiden Kindern und abseits in der Grashütte ein Matabele zurückgeblieben waren. Für die Frau, die sich — warum ist mir nicht erklärlich — in der Lehmhütte sicherer als in dem von einem Gestrüppzaune umgebenen Wagen hielt, schien diesmal das zeitiger als je zuvor schon bei Sonnenuntergang hörbare Gebrüll des Löwen eine schlechte Vorbedeutung zu sein. Um sie noch trüber zu stimmen, war die Nacht sehr dunkel und für einen etwaigen Ueberfall von Seite des Löwen wie geschaffen. »Nachdem ich mich,« so berichtet Frau Van Viljoen, vergewissert, daß der Viehkraal wohl verwahrt sei, und der Diener die Feuer um denselben angezündet hatte, begab ich mich etwas früher als gewöhnlich in das Hartebeest-Häuschen. Das Löwengebrüll war abermals und bedeutend näher als das erstemal, hörbar geworden; denken Sie jedoch nicht, daß es mich in Angst versetzt hätte, — das Weib eines holländischen Jägers ist an die Wildniß gewöhnt und hat nicht einmal, sondern oft reißenden Thieren in das grimmige Auge zu schauen. Sie ist nicht gewohnt zu fliehen, auch nicht, wenn diebische oder raubsüchtige Schwarze sie bedrohen. Die Waffe in der Hand weiß sie sich wohl zu vertheidigen, und doch, ich weiß es mir nicht zu erklären, — in jener Nacht fühlte ich mich erregt, fühlte etwas wie einen heftigen Schlag unter meiner linken Brust, ich fühlte dies immer wieder, so oft ich auf meine beiden auf der Erde in Carossen eingehüllten und schlafenden Kinder herabblickte; mehrmals erhob ich mich mit der Absicht Licht zu machen, doch wie durfte ich dies thun. Der durch die zahllosen Ritzen nach Außen dringende Schein mußte ja den Räuber nur auf uns in der Hütte aufmerksam machen und ihm auch die geringe Widerstandsfähigkeit der Hütte vor den Angriffen seiner Tatzen verrathen. Ich fühlte mich derart beengt, daß ich mich erheben mußte, die Luft schien mir drückend schwül, so lange ich auf dem Boden saß. Ich stand auf, doch kaum hatte ich mich erhoben, so zog es mich wieder herab zu den Kleinen, ich konnte sie in dem Dunkel nicht sehen, und dies machte mich noch ängstlicher. Wie befriedigt fühlte ich mich, als ich mich zu ihnen herabbeugend, — sie ruhig athmen hörte. Inzwischen hatte sich das Löwengebrülle wiederholt, das Thier mußte schon auf zweihundert Schritte nahe gekommen sein.
Dunkel, aber eben so ruhig wie schwarz war die Nacht, deutlich hörte ich die Bewegungen der Zugthiere in der sie schützenden Umzäunung, auch das Prasseln der an mehreren Stellen um dieselbe brennenden Feuer entging mir nicht, manchmal däuchte es mir, als würde ich den Schlag meines Herzens hören, so stille und ruhig war es um mich selbst. Leider war kein einziges Gewehr am Lagerplatze zurückgelassen worden, und so hatte ich im Nothfalle keine Waffe, um mich zu vertheidigen. Da sich mehr denn eine Stunde kein Löwengebrüll weiter hören ließ, fühlte ich mich etwas beruhigter; ich suchte rasch zu vergessen, was mich eben betrübt, und lauschte mit um so größerer Befriedigung, ja mit ganzem Herzen den Athemzügen der Kleinen. Doch, ich weiß es mir nicht zu erklären, wie es kam, eben dieser ruhige, glückliche Schlummer meiner Kinder, machte mich von Neuem unruhig. Wie, wenn er doch gestört werden sollte, gestört und mit Gefahr für ihre Sicherheit? Ich fühlte mich unglücklicher denn je. Sollten sich meine trüben Ahnungen erfüllen? Ich mochte mich mehr denn eine Stunde mit diesem Gedanken abgequält haben als dieselben nur zu schnell in Erfüllung zu gehen schienen.