Zuerst wurde ein deutlicher Lärm, ein Zusammenrennen der Rinder im Kraale hörbar. Wenige Augenblicke später ein schwerer Tritt. Sollte wirklich das Thier uns gewittert haben und sich an uns heranmachen? Ich lauschte an den Thürritzen, so wie ich jedoch, den schweren Tritt sich wieder nähern hörte, flog ich zu den Kindern. Der Säugling athmet rascher, hatte ich ihn unvorsichtiger Weise berührt? Ich mußte ihn in die Arme nehmen, sein Köpfchen an meine Brust pressen, auf dem Lager schien er mir weit, riesig weit entfernt zu sein. Ich suchte es mit meinem Hauch, mit meinen Küssen zu beruhigen, bis sich der rasche, schwere Athem zu meiner Beruhigung gelegt hatte. Da »Trab«, »Trab«, der schwere Tritt des Löwen wieder hörbar, näher der Hütte als zuvor. Dann, Herr, bevor ich mich dessen versah hörte ich, das Raubthier an der Hüttenwand, es hatte den Kopf gegen eine der breiten, tiefer liegenden Ritzen gepreßt und zwar mit einer Kraft, daß der lose Mörtel von der Innenwand herabfiel. Mit lauten, schlürfenden Athemzügen, schnupperte es durch die Fugen, vergewisserte es sich von unserer Anwesenheit.

Hatte ich in meiner Unruhe das Kind zu sehr an mich gepreßt, ich weiß es nicht, doch es fing an zu weinen. Werden Sie nicht unmuthig, Herr, warum runzeln Sie die Stirn? Konnte ich dafür, daß ich das Kind zu fest an mich zog? Ich war wohl dasselbe holländische Weib geblieben, allein ich war wehrlos und in einer finsteren Nacht einem wüthenden Feinde preisgegeben, den ich nicht einmal sehen konnte. Ich beugte mich nieder zu dem zweiten Kinde und hob es empor, und dieses durch das Weinen des Säuglings geweckt, fing nun nicht minder heftig zu weinen an. Was sollte ich thun? Wie sollte ich die Kinder beruhigen? Verzweiflungsvoll warf ich mich vorwärts, daß die brennende Stirne das Grasdach berührte, und preßte die beiden Kinder fest an mich. Ich konnte mich kaum der Thränen erwehren, aber bemeisterte mich mit fast übermenschlicher Gewalt, das Weib eines Boerjägers durfte nicht schluchzen.« Einige Tage später als sie das Erlebte ihrem Manne zu erzählen begann, suchte das so lange gefolterte mütterliche Gefühl in einem heftigen Schluchzen Erleichterung.

»Ich wollte an dem feuchten Grase meine brennende Stirne kühlen, allein um das Maß meines Schmerzes voll zu machen, dringt plötzlich durch all die Fugen und Ritzen unserer gebrechlichen Nußschale ein sinn- und ohrbetäubendes Gebrüll ein. Die dünnen, nichtigen Wände, die Luft um uns schienen zu zittern. Sie kennen es wohl, haben es doch vielmals in der Wildniß vernommen, dieses eigene Gebrüll! Wie aus der heiseren Kehle eines rachsüchtigen Riesen herausgestoßen! Die dumpfen Brülllaute zuerst rasch einander folgend, dann langsamer, in kürzeren Pausen und weniger deutlich, bis sie in einem dumpfen Stöhnen ihren Abschluß finden. Jeden Moment glaubte ich die Wand eingedrückt, und den grünlichen Schein der furchtbaren Augen zu sehen. Ich konnte mich kaum mehr aufrecht halten und fühlte meine Kraft schwinden. Doch Dank dem Herrn, er hielt Wache über uns; der Löwe versuchte noch mehrmals sein Manöver, uns durch sein Gebrüll aus der Hütte zu scheuchen. Doch es gelang ihm nicht. Um so erfolgreicher war sein Versuch an dem Viehkraal, die Ochsen brachen durch die Umzäunung aus den Dornbüschen, der Löwe griff eines der Thiere an und tödtete es nahe an unserer Wohnung. Deutlich hörte ich das Stöhnen des armen Rindes und das zornige Brummen des Löwen, der mehrmals während der Nacht den Cadaver verließ und unsere Wohnung umkreiste, ohne jedoch wieder so nahe anzukommen, wie er es das erstemal gethan.«

Nach seiner Rückkehr nahm Jan van Viljoen neuerdings die Verfolgung des räuberischen Eindringlings auf, die des hohen Graswuchses auf den Ebenen und in den Thälern des Maschona-Landes halber, bei weitem mehr Vorsicht erfordert und gefährlicher ist, als in den Betschuana-Ländern. Doch auch diesmal war seine Mühe erfolglos. Fünf Tage später kehrte der alte Herr mit seiner Frau von dem am Matabele-Hofe abstatteten Besuche zurück. Er war von einem andern holländischen Jäger Namens Grief begleitet.

Am selben Nachmittage als die Jäger sich zu einem kleinen Nachmittags-Schläfchen niedergelegt hatten, wurden sie durch die Diener wach gerufen, welche die aus dem Matabele-Lande mitgebrachten Pferde, deren Bewachung ihnen oblag, herantrieben und die Nachricht brachten, daß ein und wahrscheinlich der nämliche Löwe einen vergeblichen Versuch gemacht habe sich eines der Reitthiere zu bemächtigen. Die Jäger sattelten sofort ihre Pferde, nahmen mehrere Matabele-Diener mit sich und eilten der Stelle zu, an welcher man das Raubthier wahrgenommen hatte. Der alte Herr van Viljoen nahm es auf sich, das Ufer des nahen Umaweja-Flusses hinabzureiten, während sein Sohn und Grief das seichte Flußbett durchritten, um das jenseitige Ufer abzusuchen. Kaum hier angelangt, wurden sie von einem der Matabele auf den unter einem Busche liegenden Löwen aufmerksam gemacht.

Er lag etwa hundert Meter von dem Flusse entfernt. So wie er uns erblickte machte er sich auf und davon. Nein — so sagte ich zu mir, berichtete mir Jan Viljoen, diesmal darfst du uns nicht entkommen, und dem Pferde die Zügel lassend, holte ich aus, hatte auch bald meinen Wunsch erreicht und das Raubthier, welches sich zeitweilig mit seinen Sätzen über das Gras erhob überholt. Schon sechzig Schritte vor ihm machte ich plötzlich gegen dasselbe Front und es gelang mir, es durch einen lauten Schrei und eine drohende Handbewegung auf einen Moment zum Stillstand zu bringen. Diesen Augenblick benutzte der uns nachgaloppirende Grief um von seinem Pferde aus auf den Löwen zu feuern. Die Kugel traf das Thier, das scheinbar todt zusammensank. Sofort eilten unter lautem Geschrei die Matabele-Diener herbei, um der Gewohnheit gemäß ihre Speere in den Cadaver zu tauchen. Doch — im selben Momente als sie demselben nahe kommen, springt der todtgeglaubte Löwe auf und macht sich sprungbereit. Nur zwei der Schwarzen hielten Stand. Als sie sich jedoch von ihren Genossen verlassen sahen, dachten auch sie an den Rückzug, denn sie konnten in dem hohen Grase die Bewegungen des Löwen nicht verfolgen.

Sobald jedoch der Löwe auch diese Beiden fliehen sah, sprang er ihnen nach. Der Verfolgte wurde zum Verfolger. Die Reiter, die ihn todt wähnten, hatten ihre Pferde gewendet und ritten eben langsam dem Lagerplatze zu, als ihnen durch das Hilfegeschrei der Matabele Halt geboten wurde. Im selben Momente hatten sie die Pferde herumgeworfen und eilten den beiden hart Bedrängten zu Hilfe. Doch sie kamen zu spät und konnten es nicht mehr verhüten, daß der Löwe einen der beiden Letzten ereilte, ihn zu Boden riß und Schenkel und Schultern zerfleischte. Jan van Viljoen war der erste zur Stelle, er war unmittelbar an das Raubthier herangeritten, sprang aus dem Sattel und sandte dem ihn anstarrenden Löwen die Kugel in das Ohr, daß er nach rechts überschlug und neben seinem Opfer niederfiel. Dieses jedoch, im Glauben der Löwe geberde sich scheintodt wie das erste Mal, sprang auf und suchte das Weite, um jedoch schon zwanzig Schritte weiter in Folge des starken Blutverlustes besinnungslos niederzustürzen. Drei Monate lag der Arme krank, bevor seine vielen Wunden heilten. Der Löwe gehörte der Krachmanetje-Art an und war der letzte, den Jan van Viljoen erlegte.

Mit Herrn Allenberg und Vermold machte ich mehrere Ausflüge nach dem Zwartkop- und Zondaags-River, auf welchen ich äußerst zahlreiche, der Juraformation angehörende Fossilien sammelte. Ich wollte meine Sammlungen sowie die Käfige mit den lebenden Thieren[24] mit dem Dampfschiff Arab der Union Steam Ship Company absenden und hatte auch die Befrachtung des Kutters, welcher die Colli von den Waarenhäusern bis an das etwa eine halbe Meile von der Küste vor Anker liegende Schiff bringen sollte, beaufsichtigt, und verließ den letzteren, als Alles vorsichtig in demselben niedergelegt worden war. Ich begab mich dann in die Stadt, um meine Abschiedsbesuche zu machen, denn ich wollte mit demselben Dampfschiffe bis Capstadt fahren, hier vierzehn Tage verbleiben, um mich dann auf dem Dampfer German einzuschiffen. Zur See zurückgekehrt, fand ich meine Colli am Meeresufer aufgethürmt; als man nämlich mittelst eines Taues den Kutter durch die Brandung zu ziehen suchte, war das letztere gerissen und der Kutter an’s Land zurückgeworfen worden, wobei das Wasser in das Fahrzeug gedrungen war. Es war ein Wunder, daß es nicht an der hölzernen Landungsbrücke zerschellte und ich so die Arbeit der letzten vier Jahre nicht eingebüßt hatte. Da es nun nicht mehr möglich war, mein Gepäck noch vor der am selben Nachmittage zu erfolgenden Abfahrt des Arab an Bord desselben zu bringen, überließ ich es der Obhut des neuernannten österreichischen Consuls für Port Elizabeth, Herrn von Mosenthal, eines ebenso gefälligen als hochgebildeten Mannes, welcher mir außerdem während meines Aufenthaltes in Port Elizabeth äußerst zuvorkommend begegnete und einer der wärmsten Vertheidiger der Interessen Oesterreichs im Auslande ist.

Als ich mich vierzehn Tage später in Capstadt einschiffte, fand ich meine Gepäckstücke in der besten Art und durch einen besonderen Bretterverschlag geschützt auf dem German untergebracht, wofür ich besonders den Herren Mosenthal, Allenberg, Vermold und dem zweiten Offizier des German zu danken habe. Am dritten Tage, nachdem wir Port Elizabeth verließen, landeten wir in Capstadt, wo ich ein nicht minder herzliches Entgegenkommen als in Port Elizabeth fand. Ich hielt hier mehrere Vorlesungen, darunter eine in der philosophischen Gesellschaft, die mich ein Jahr zuvor zum correspondirenden Mitgliede gewählt hatte. Ich machte in Capstadt die ehrenwerthe Bekanntschaft Sr. Excellenz des Statthalters der Cap-Colonie, Sir Bartle Frere, eines der hervorragenden englischen Politiker und Geographen, ferner einiger Edelleute, welche seinen Stab bilden, darunter des Sohnes des Lords Hathurton, Herrn Litleton, ferner der Minister der Cap-Colonie, vieler der hervorragendsten Mitglieder beider Häuser des Cap-Parlaments, sowie des berühmten Astronomen Prof. Gill, des Custos des südafrikanischen Museums, Herrn R. Trimen, des Landesgeologen Dunn, des Geologen Shaw, des Botanikers Bolus, der Redacteure der »Cape-Times«, Argus »Standard Mail« und der »Lantern«, sowie des »Uitenhaager Blattes«, Herrn Bidwell — sämmtlich Herren, die sich mit Wärme meines Vorsatzes bezüglich der Erforschung des centralen Süd-Afrika und einer Eröffnung Central-Afrika’s nach dem Süden angenommen hatten. Von den Mitgliedern des Parlaments wurde mir die hohe Ehre erwiesen, daß am Tage meiner Abreise von Capstadt durch Hon. Brown im Hause der Antrag gestellt wurde, daß sich das Gouvernement der Cap-Colonie meine Dienste zum Zwecke neuer Forschungen im Gebiete zwischen dem Vaal und Zambesi sichern solle. Die Regierung jedoch ersuchte, wie ich später erfuhr, den geehrten Herrn Antragsteller, meiner Rückkehr nach Europa halber, den Antrag zurückzuziehen.

In Capstadt wurden mir neuerdings 40 £ St. verehrt, welche mir sehr willkommen waren, da ich durch den verlängerten Aufenthalt in Grahamstown und in Port Elizabeth von der in Cradock erworbenen, zur Heimkehr bestimmten Summe manches Pfund eingebüßt hatte. Die Hälfte der in Capstadt verlebten Zeit brachte ich am Meeresufer zu und hier bildeten Fische und Schwämme meine Ausbeute, während mich die Algoa-Bai namentlich mit Cephalopoden, Muscheln, Schnecken, Seeraupen und Algen, die Umgegend mit Pflanzen und Fossilien versehen hatte.