Zwei Monate später nachdem ich dies geschrieben, erhielt ich die Nachricht, daß sich die Boers die Freundschaft Khamanes, der bei Seschele wohnte und Khama feindlich gesinnt war, dadurch zu sichern gedachten, daß sie ihn zum Könige der Bamangwato’s erheben wollten. Als ihnen dies nicht gelang, trachteten sie auch Matscheng, den Onkel Khama’s, in ähnlicher, aber auch vergeblicher Weise, gegen diesen als Bundesgenossen zu gewinnen.
Im Jahre 1876, namentlich aber 1877, hatte sich die Lage der am Limpopo der Entscheidung harrenden Damara-Emigranten bedeutend verschlechtert, die Leute sprachen nicht mehr von einem gewaltsam erzwungenen Durchzuge, im Gegentheile wollten sie jedem Kampfe ausweichen, denn viele von ihnen waren fieberkrank geworden. Als das Fieber in ihren Reihen immer mehr um sich griff, entschlossen sie sich zum Aufbruche, sie ließen von Khama nochmals den freien Durchzug fordern und zogen unterdessen statt nach Schoschong nach dem Mahalapsiflusse, um den König Khama irrezuführen. Inzwischen hatte sich Khama auf einen möglicher Weise bevorstehenden Kampf mit den Boers vorbereitet. Seine Leute mußten sich auf dem freien Raum vor der Stadt täglich in der Führung der Waffen einüben, während er die vom Limpopo abziehenden Boers mit zahlreichen Kundschaftern umgab, um sich über jede ihrer Bewegungen zu orientiren. Die Nachrichten, die er erhielt, bestärkten ihn immer mehr und mehr in der Ueberzeugung, daß ihm die Weißen in keiner Weise gewachsen seien. Manch’ anderer Eingebornenfürst Süd-Afrika’s hätte aus der schlimmen Lage derselben Nutzen geschöpft und wäre über die durch Krankheiten und Entbehrungen im Widerstande geschwächten, jedoch noch immer wohlhabenden Herdenbesitzer hergefallen. Khama jedoch sandte den Missionär Rev. Hephrun an den Mahalapsi, um sich über die hilflose Lage der Abenteurer zu vergewissern. Als ihm der Prediger nach seiner Rückkunft ihre Lage schilderte, gestattete ihnen Khama sofort freien Durchzug. Die Emigranten waren seit 1875 derart herabgekommen, daß sie nicht nur an keinen Kampf mit den Bamangwato’s denken konnten, sondern Khama selbst die Befürchtung hegte, daß sie kaum im Stande sein würden, in ihrem hilflosen Zustande den Zuga-River zu erreichen. Bald nachdem sie Schoschong verlassen und ihren Zug nach Nordwest angetreten hatten, mehrten sich täglich und stündlich ihre Mühsale. Der erste Theil der Strecke Schoschong — Zuga-River ist ein einziger tiefsandiger Wald (von den holländischen Jägern gewöhnlich das Durstland genannt) und besitzt nur fünf Wasserstellen, wie den Letlotsespruit, die Wasserlöcher von Kanne, Lothlakane, Nehokotsa etc., an denen man Thiere tränken kann. Die meisten dieser Stellen sind im Sande oder ausgetrockneten Flußbetten gegrabene Löcher, welche es kaum gestatten, ein Gespann Ochsen auf einmal zu tränken; Abends aufgegraben, liefern sie am nächsten Tage einige Eimer Wasser, woher sollten die Emigranten das nöthige Wasser für ihre nach Tausenden zählende Rinder- und Schafheerde nehmen. So geschah es, daß die Thiere durch Durst förmlich außer sich, truppweise davonliefen und die Boers in elendem Zustande am Zuga anlangten.
Die Noth an Dienern machte sich bei den Leuten sehr fühlbar, ich sah oft Kinder die Leitochsen führen und Frauen, hier die Gattin, dort die Tochter, die riesige Peitsche schwingen. Nach und nach durch Krankheit decimirt und nachdem sie etwa 50 Percent ihrer Habe eingebüßt, langten die Emigranten am N’gami-See an. Von da begann ein neuer beschwerlicher Zug durch das Land der westlichen Bamangwato. Eine kleine Anzahl von Familien, deren meiste Mitglieder am Fieber darniederlagen und zahlreiche Waisen erreichten das Damaraland. Während meines Aufenthaltes in London im Jahre 1880 erfuhr ich, daß die Ueberlebenden jener bedauernswerthen Leute von allen Mitteln derart entblößt ankamen, daß ihnen die englische Regierung durch freiwillige Gaben der opferwilligen, englischen und holländischen Bevölkerung der Capstadt und anderer südafrikanischer Städte, an Kleidung und Nahrung etc. unterstützt, mehrere Sendungen per Dampfer via Walfischbai zugemittelt hatte. So endete der Versuch jener starrköpfigen Menschen, die, sich gegen jeden Fortschritt auflehnend, aus Nationalhaß und Unwissenheit mit offenen Augen ihrem Verderben entgegen eilten.
Bevor ich noch den Notuany erreicht hatte, konnte ich wahrnehmen, daß das Wild, welches während meiner zweiten Reise die Ufer des Limpopo so dicht bevölkert hatte, durch das unausgesetzte Jagen von Seite der Emigranten decimirt war. Ich fand nur Hippopotamus- und in einem dichten Gebüsch einige Giraffenspuren und diese führten in einem engen Fußpfade zum Flusse herab; doch hatte ich keine Muße den Giraffen zu folgen und wollte sie auch den Boers nicht verrathen.
Auf einem dem Ufer entlang unternommenen Ausfluge schwebte ich in Lebensgefahr. Wir folgten einer größeren Kette Perlhühner, die Thiere liefen vor uns her, nur zeitweilig erhob sich eines, um sich nach uns umzusehen; so kamen wir auf eine unseren Weg kreuzende, über und über mit Gras überwucherte, etwa 12 Fuß tiefe und etwas breitere Regenschlucht, ich machte den mir unmittelbar folgenden Th. auf sie aufmerksam und stieg herab, um sie zu durchschreiten, mein Genosse hatte jedoch meine Warnung nicht gehört, sondern seine ganze Aufmerksamkeit auf die vor uns herlaufenden Perlhühner gerichtet und hielt den Sniderstutzen schußbereit in der Hand. Bei dem Sturze in die Tiefe der Schlucht fiel er nach vorne, wobei der Finger unwillkürlich den Drücker berührt haben mußte, denn die Kugel streifte meinen Nacken; zwei Centimeter mehr nach vorne gesenkt, hätte sie mir das Lebenslicht ausgeblasen.
Am Notuany schlug ich für einige Tage mein Lager auf, um mich der Durchforschung der nächsten Umgebung zu widmen. Mein erster Ausflug galt dem südlichen Winkel an der Mündung des letzteren Flusses in den Limpopo. Hier, im Schatten riesiger Mimosen, fand ich während meiner zweite Reise zahlreiches Hoch- und Niederwild, diesmal spähte ich lange vergebens nach Beute, bis endlich eine Gazelle aus dem hohen Ufergras vor mir aufsprang. Ein wohlgezielter Schuß aus dem nur mit Hasenschrot geladenen Gewehre hemmte für immer ihre zierlichen Sprünge. Einige in dem Walde wohnende Masarwa’s — Seschele’s Vasallen — brachten uns Pallahfelle zum Verkauf, die ich auch erstand.
Die Ufer am unteren Marico und dem Limpopo bestanden aus Granit, Gneis, grauem und röthlichem Sandstein, der letztere oft mit zahlreichen eingeschlossenen Kieseln und dann zuweilen recht groteske Hügelformen, wie eine am Ufer des letztgenannten Stromes den »Cardinalshut« bildend; stellenweise gesellt sich Grünstein und eisenhaltiger Kalkschiefer hinzu. Den ersten oberhalb seiner Mündung in den Limpopo in den Notuany einmündenden Spruit nannte ich Purkyne’s Spruit. Die stärksten unter den Mimosen, auf denen ich hie und da Geiernester bemerkte und die sonst der Aufenthalt zahlreicher Vogelarten (Bubo Vereauxii und maculosus, Psittacus, Coracias caudata und nuchalis etc. etc.) waren, hatten einen Umfang bis zu zehn Fuß.
Gegen meine zuerst gefaßte Absicht verließ ich den Notuany schon am 12. und zog das Limpopothal weiter abwärts. Da jedoch die Gegend meinen Sammlungen viele und schöne Acquisitionen versprach, hielt ich schon nach einer Tour von vier Meilen inne. Auf einem am 14. unternommenen Ausfluge vermehrte sich meine Sammlung um zwei Cercopithecus, einen Sciurus, zwei Perlhühner und zwei Francolinusbälge. An einem der erlegten Affen, einem ausgewachsenen Männchen, fielen mir einige krankhafte Auswüchse auf, die dem Thiere in Form von großen Geschwüren sein Dasein recht unangenehm gemacht haben mußten. Aus den Fluthen des Limpopo sah ich fast nach jeden 100 Schritten den Körper eines erwachsenen Krokodils auftauchen, und ebenso rasch verschwinden.
Am folgenden Tage verließ ich den Limpopo, um die bewaldeten, auf dem südlichen Abhange tiefsandigen, auf dem nördlichen felsigen Höhen zu überschreiten und in das Thal des Sirorume zu gelangen. Niger machte sich hier das Vergnügen, zwei über den Weg nach links laufende gefleckte Hyänen zu jagen, ohne die unbeholfenen Thiere einholen zu können. Gegen Mittag langten wir bei der schon erwähnten Lache auf dem Gipfel der Erhebung an und begannen am Nachmittage dieselbe gegen den Sirorume hinabzufahren. Die Benennung der nun erreichten Gegend als Buffadder-Gebiet zeigte sich auch diesmal richtig, unmittelbar am Wege fanden wir zwei zusammengerollte Schlangen, welche wir erlegten. Nach Trinkwasser fahndend, kam ich, einem schon früher benützten Masarwapfade folgend, zu einem etwa zehn Fuß tiefen, kleinen Loch, aus dem mir Wasser entgegenblinkte. Ich band meinen Hut an den Gewehrriemen, um das ersehnte Naß herauszuschöpfen; als meine Schöpfkanne beinahe den Wasserspiegel erreicht hatte, sah ich einen schimmernden Gegenstand theilweise am, theilweise über dem Wasser glänzen; den Gegenstand näher beobachtend, erkannte ich eine Buffadder, die sich vergebens bemühte, aus diesem Gefängnisse zu entschlüpfen. Ebenso häufig wie die Buffadderschlangen sind im Sirorumethale Leopardenspuren. Dichte Dorngebüsche, zerklüftete höhlenreiche Felsen an den Thalabhängen bieten hier dieser Wildkatze die gewünschten Schlupfwinkel.
Auf der Fahrt am nächsten Morgen fand ich am Sirorume einen Bamangwato-Posten. Sekhomo, der frühere Bamangwato-König, hielt hier keinen, da er nicht hinreichend Leute zur Verfügung hatte, darum sah auch zu jener Zeit Seschele diese Gegend als seinen Jagdgrund an. Die Gegend war von Giraffen, Kudu’s, Hartebeest- und Eland-Antilopen, sowie von Gazellen und Wildschweinen, doch auch zahlreich von Hyänen und Schakalen bevölkert.