Jagd auf Eland-Antilopen durch Masarwa’s.
Wir konnten Dank dem trockenen Wetter mehrere lange mit ein- und ausfließenden Spruits in Verbindung stehende Buchten der Soa, welche bei Regen unpassirbar sein mußten, übersetzen und übernachteten im Thale des sumpfigen Tsiriflüßchens, in dem ich bis zum 27. verblieb. Im nahen Walde fanden wir nahe an einem verlassenen Masarwadorfe in einigen im Flußbette des Momotsetlani (nach einer Baumart von den Masarwa’s so benannt) gegrabenen Löchern vortreffliches Trinkwasser. Ich unternahm während dieses Aufenthaltes mehrere Ausflüge in die Umgebung und erlegte auf einem solchen fünf Enten, zwei Perlhühner, die hier in zahlreichen Ketten anzutreffen sind, sowie einen braunen Storch, das erste Exemplar dieser Art, das ich bis zu diesem Tage in Süd-Afrika beobachtet.
Die Soa ist der größte, der in dem großen bis über den N’gami-See nach Westen sich hinziehenden, und durch den Tschaneng mit dem Limpopo-System zusammenhängenden Pfannenbecken liegenden Salzseen; gleich der Tsitani und Karri-Karri ist auch die Soa eine seichte, ein bis vier Fuß tiefe, weißlichgraue, nur kurze Zeit im Jahre theilweise, selten vollkommen gefüllte Pfanne. Es wäre sehr wichtig, durch ein ganzes Jahr in der trockenen wie in der nassen Jahreszeit dieses Salzseebecken zu beobachten, um dessen Verhältniß zum Zuga und zum N’gami-See studiren zu können; wenn dies bisher nicht geschah, so mag der Grund dieses Versäumnisses wohl darin liegen, daß das Reisen zur Regenzeit in dieser Gegend ungemein erschwert und nebstbei auch sehr gesundheitsschädlich ist. Daß der Zuga manchmal nach Westen und manchmal nach Osten fließt, läßt sich aus der ziemlich gleichen Höhe dieses großen central-süd-afrikanischen Beckens erklären. Ist der N’gami-See durch seine zahlreichen westlichen und nördlichen Zuflüsse gespeist, und sein flaches Becken gefüllt worden, so gibt er seinen Ueberschuß nach Osten durch den Zuga an die Pfannen ab, aus denen wieder derselbe durch den Tschaneng, deren natürlichen Abzugskanal, abfließt. Zeigt der N’gami-See niederes Wasser, so gibt der Zuga den Ueberschuß aus seinem tiefen Bette an ihn ab, da sich in ihm durch die reiche Beschilfung auch das Wasser längere Zeit zu halten vermag und er außerdem zahlreiche Quellen aufnimmt. Auch mag er zuweilen von dem überschüssigen Wasser der Westhälfte der Salzseen gespeist werden.
Am 27. Früh verließ ich den Tsiri und zog durch drei Stunden mit meinem Ochsengespann durch eine Unzahl von Buchten und kleinen Salzpfannen stets am Ufer des See’s hin. Erst gegen Mittag nahmen diese ab und wir betraten eine nach Norden unübersehbare, nach Westen durch den See und nach Osten durch ein Mapani-Gehölz begrenzte Grasebene, auf welcher sich allenthalben zahlreiches Wild in kleinen Rudeln herumtummelte. Hie und da sichtbare Schilfrohrdickichte ließen Süßwasser vermuthen, wir täuschten uns nicht und lagerten bald an einer solchen Lache. Von einem kleinen Ausfluge heimgekehrt und eben damit beschäftigt, meine letzthin gesammelten naturhistorischen Objecte zu ordnen, vernahm ich plötzlich zu meiner Linken das Hilfsgeschrei meines Dieners Meriko und als ich mich rasch am Wagenbrette emporrichtend nach ihm umsah, bot sich mir ein eigenthümlicher Anblick, eine Scene dar, wie ich sie vorher nie gesehen. Durch das hohe Gras kam Meriko herangerannt, und schrie in der Setschuana: »sie tödten mich, ich bin todt, sie tödten mich.« Er setzte wie ein flüchtiges Wild über die sich ihm stellenweise entgegenstellenden Zwergbüsche und hatte im Laufe sein aus Gras geflochtenes Hütchen und seine Khamacarosse verloren. Hinter ihm kamen, die nächsten etwa 150, die entferntesten 500 Schritte weit, andere laut schreiende und ihre Kiri’s hoch schwingende Eingeborne dahergestürmt. Endlich kommt Meriko zum Wagen herangekeucht, er umfaßt meine Füße und weist flehenden, verzweifelnden Blickes auf die ihm folgende Schaar, seine ersten Worte, die er zu stammeln vermochte, belehrten mich über die Scene. »Matabele, Herr, Matabele-Zulu wollen mich todtschlagen.«
Mir war es unerklärlich, wie sie hierher auf das Gebiet Khama’s gekommen waren und ich dachte schon, daß vielleicht ein Krieg zwischen beiden Nachbarstaaten ausgebrochen sei. Was beabsichtigen diese Männer? War das ein Angriff auf den Wagen und seine Insassen? Sie schienen mir, wie sie so gellend dahergesaust kamen, wahrhaft Wölfe in Menschengestalt zu sein. Von den Waffen Gebrauch zu machen, schien mir ein gefährliches Wagniß und zudem kannte ich nicht ihre eigentlichen Absichten. Ich mußte also das Weitere ruhig abwarten, nur Meriko wartete ihre Ankunft nicht ab, sondern sprang über die Deichsel und setzte nach der entgegengesetzten Seite seine Flucht fort, nur daß er nicht mehr schrie, um sich wahrscheinlich, wenn er die günstige Gelegenheit dazu ersah, in dem hohen Grase zu verbergen. Ich rief ihm zu, am Wagen zu bleiben, und daß die Löwen in dem vier Fuß hohen Grase gefährlicher als die Zulu’s seien, doch mein Mahnruf verhallt ungehört. In den anstürmenden Matabele sah er seinen sicheren Tod und diesem wollte er entrinnen. Endlich waren sie da, die berüchtigten Zulukrieger. Sie umringten den Wagen, schrieen und schwangen ihre Kiri’s. Das waren nicht die Vertreter eines Stammes, das war ein Gemisch verschiedener Stämme, »die gestohlenen Knaben der unter Moselikatse gemordeten und geplünderten Stämme,« welche zu Kriegern auferzogen, ebenso roh wie die zwei eigentlichen Zulu’s geworden waren, die sie anführten. Bis auf einen kleinen Lappen von Leder und Wollfranzen — einige trugen nur eine Kürbißschale oder ein cylindrisches Geflechte — nackt, waren sie beinahe sämmtlich mit einem aus schwarzen Straußenfedern oder anderen Wildhuhnfedern gearbeiteten ballonförmigen und auf der Stirnhöhe sitzenden Kopfschmucke versehen. Das wild rollende Auge gepaart mit dem Ausdrucke von ungewöhnlicher Rohheit in der Physiognomie, waren beredte Belege, daß sie einem kriegerischen Eingebornenstamme angehörten, der nur »gebieten« wollte und konnte. Die meisten der Anwesenden waren wohl schon Menschenschlächter gewesen, und dies nur einzig des Raubes halber. Der eine der beiden schwärzesten in der Schaar, die sich als Anführer kenntlich zu machen suchten, schwang sich auf die gestützte Deichsel und gab mir in einem gebrochenen Holländisch zu verstehen, daß sie die Krieger »La Bengulas« wären, daß sie gewohnt seien, auf ihren Streifzügen alle Diener der Weißen zu tödten, wenn man diese nicht loskaufe, deshalb seien sie gekommen, auch jenen Hund, der zu mir herangelaufen wäre, todtzuschlagen, wenn ich nicht sofort für ihn bezahlen würde. — »Bezahlen will ich nichts,« entgegnete ich, gute Miene zum bösen Spiele machend, »allein den Matabelekriegern will ich etwas schenken, wenn sie dann den Wagen verlassen.« Ich hoffte auf diese Art nicht nur allen möglichen Streitigkeiten und gefährlichen Situationen auszuweichen, sondern auch der allbekannten Stehlsucht der Matabele zuvorzukommen. Obwohl Th. und Pit unsere Utensilien mit Argusaugen bewachten, konnten sie es nicht verhindern, daß einer der Matabele besonderes Wohlgefallen an einem neben mir liegenden Messer fand, das er indeß, von mir in flagranti ertappt, wieder im Stiche ließ.
Verfolgende Matabele.
Der Zulu rief seinen Genossen, theilte ihm seine Meinung mit und dieser damit zufrieden, rief mit lautem Gekreisch alle die Anwesenden zusammen, um ihnen meinen Entschluß mitzutheilen. Die Nachricht wurde mit gleich heftigem Geschrei und Grinsen beantwortet. Nun hieß ich alle an der Deichsel antreten. Meine unerwarteten Gäste im Auge behaltend langte ich in den Wagen und holte einen Becher Schießpulver und ein Stück Blei (etwa zwei Pfund) hervor, womit ich die beiden Anführer beschenkte. »Lapiana«, rief der eine der Führer aus, er zeigte auf mein Sacktuch und ahmte die Bewegung des Zerreißens nach; dabei suchte er mir zu verstehen zu geben, daß solch eine Lapiana als Gurt um den Leib oder als Stirnverzierung, wie der mit Riemchen an dem Kopfe befestigte Vogelfedernschmuck getragen werden solle. Ich begriff nun seinen Wunsch und brachte zwei Meter Calico hervor, die ich in dünne Lappen riß und sie dann den Einzelnen reichte; dieselben wurden auch sofort in der angedeuteten Weise verwendet. Das Geschenk fand bei ihnen so sehr Gefallen, daß sie um weitere zwei Stücke für ihre Führer baten, welchem Ansuchen ich auch willfahrte, dann aber vom Wagen herabsprang und mich zu meinen Gefährten wendend, den lärmenden Gesellen den Rücken kehrte. Ihren Führern folgend, die langsam den Rückzug eröffneten und die Geschenke in der Luft schwangen, entfernte sich die Truppe und wir alle fühlten uns nun etwas weniger beengt als eine Stunde zuvor, da wir von dem schweißtriefenden Merico vernommen, welch’ ehrenvoller Besuch uns bevorstand. Manche der Matabele hatten von Th. Tabak für Salz eingetauscht.