Am 28. unternahm ich mit Pit mehrere Ausflüge an beiden Nata-Ufern. Da die Partien stellenweise sehr dicht bebuscht waren und wir häufig den Fluß und die in denselben mündenden Regenschluchten zu passiren hatten, deckten wir uns gegenseitig gegen unerwartete Angriffe. Zahlreiche Löwenspuren von respectabler Größe nöthigten uns zur Vorsicht und scharfem Auslugen. Die längs des Flusses und so hoch oben am Ufer führenden Wildpfade, von welchem aus das Raubthier eine gute Uebersicht über das breite und von den Antilopen ob seines Salzgehaltes häufig besuchte Bett haben konnte, waren von zahllosen Löwenspuren bedeckt. Neben diesem Wildpfade einhergehend, kamen wir zu einem am Rande einer kleinen Regenschlucht stehenden, etwa 20 Fuß hohem Baume, der deutliche Spuren der Löwenklauen trug. Hier pflegten die in der Nachbarschaft hausenden Thiere ihre Klauen zu schärfen und auf den Hinterpfoten hockend die Vordertatzen an der Rinde zu wetzen. Der Baum, dessen Aeste etwas armleuchterförmig gestaltet waren, schien mir für den Anstand wie geschaffen. Schon vor Sonnenuntergang war ich von Pit und dem Hunde begleitet, zur Stelle, ich trachtete mir wo möglich die bequemste Lage zu wählen, da ich in derselben 10 bis 14 Stunden zubringen mußte. Ich drängte Pit zur raschen Rückkehr, damit er noch bei vollem Tageslicht den Wagen erreichen konnte. Sowie ich mich allein befand, besah ich mir die nächste Umgebung rings um mich her; zu meiner Rechten standen in einer Entfernung von 20 bis 30 Fuß höhere Bäume als jener, auf dem ich Posto gefaßt. Der Boden war stellenweise hoch, doch schütter begrast, so daß man überall den lichten Sand, welcher den interessanten Blätterkalk an den Salzseen bedeckt, durchschimmern sah. Unter mir befand sich eine runde Stelle, welche außer meinen Fußstapfen und denen des Dieners nur Löwenspuren zeigte. An meiner Linken führte eine mit dichtem und hohen Gras überwachsene, etwa 6 Fuß tiefe und 20 Fuß breite Regenmulde, welche in den nahen, kaum 20 Schritte entfernten Nataspruit mündete. Am jenseitigen Ufer stand ein dichtes Gehölz, durch welches einer der Löwenpfade führte, von diesen zweigte sich ein Nebenpfad zu meinem Baume ab. Da die Nächte äußerst kalt waren, welcher Temperaturfall nach der bedeutenden Tageshitze um so empfindlicher war, hielt ich es für angezeigt, mich an einem der stärksten Aeste festzubinden, um nicht vom Schlummer überrascht mit den Löwen unter mir in nähere und unliebsame Berührung zu kommen. Mein Sitz ließ sonst nichts zu wünschen übrig, ich saß bequem in einer dreifachen Astgabel.
Unterdessen war die goldene Scheibe allmälig am westlichen Horizonte untergegangen, nur ein glühend rother Streifen schimmerte hie und da durch das lichte Gezweige der höheren Baumkronen. Ohne es vorher zu ahnen, war es mir in dieser Nacht möglich, so manche Scene aus dem Thierleben beobachten zu können. Schon bei Sonnenuntergang ließen sich aus den Grasebenen die Zebrahengste hören, welche mit lautem Quag-ga, Quag-ga ihre Wachsamkeit über die unter ihrer Führung stehenden Heerden zu erkennen gaben. Der nächste Laut, der dann und wann von allen Richtungen her zu mir drang, war das klagende Gebelle der Schabrakenschakale, aus dem man das mißtönende Einzelgeheul ihres grauen Bruders gut unterscheiden konnte. Es war zu erwarten, daß das ausgehängte Wildfleisch seine Pflicht thun werde und sie dem Wagen einen Besuch abstatten würden, was auch geschah, denn das anfangs verschwommene Gebelle wurde immer deutlicher und deutlicher, so daß ich mir sogar gegen Mitternacht einbildete, die Zahl der Concertisten bestimmen zu können. Bei einbrechender Dunkelheit fesselte ein eigenthümliches Geräusch, eine Art Kratzen und Scharren, meine Aufmerksamkeit; es waren Scharrthiere, welche in dem sandigen Boden nach Würmern und Puppen fahndeten. Diese kleinen Raubthiere arbeiteten die ganze Nacht hindurch; so oft sich ein Geräusch in der nächsten Umgebung vernehmen ließ, stellten sie ihre Arbeit sofort ein.
Etwas später, gegen 10 Uhr, verließen die Gazellen und Antilopen ihre Weideplätze, um noch vor der gewöhnlichen Ausgangszeit der großen Raubthiere den salzhaltigen Schlamm im Bette des Nata zu belecken und in die freieren unbebuschten Partien, von woher sie gekommen, zurückkehren zu können. Der anmuthige Steenbock, einer der anmuthigsten unserer südafrikanischen Gazellen, kam bedächtig den Löwenpfad herangegangen. Hätte ich nicht zufällig hingeblickt, so hätte ich seine Annäherung gar nicht wahrgenommen; im Ganzen waren es drei Thiere, die ich erspähen konnte. Ein flüchtiger doch leiser Schritt, dem ein Moment Ruhe folgte, spornte meine Sehkraft zum Aeußersten an, doch konnte ich das Thier nicht erkennen. Abermals folgten einige flüchtige Sätze und dasselbe, gewiß eine größere Gazelle oder Antilope, verhielt sich ruhig, es wiederholte noch dreimal seine Sätze, um in der Zwischenzeit abermals zu lauschen.
Es mochte 10 Uhr sein, als eine Heerde von Thieren, nicht bedächtig und lauschend, doch langsam und in großer Zahl längs dem jenseitigen Ufer der Regenmulde herabstieg. Die Mündung dieser Mulde ermöglichte es den Thieren, bequem das kleine salzhaltige und einen Süßwasser-Tümpel enthaltende Flußbett zu erreichen. Die letzterwähnte Thierheerde war an einem besonderen Geräusche, das dem Anschlagen von Knitteln gegen die Baumstämme ähnelte, leicht zu erkennen. Es waren die durch ihr prachtvolles Geweih ausgezeichneten Kudu-Antilopen. Während ich diese Thiere noch später in dem Flußbette herumarbeiten hörte, näherte sich dem vom Flusse abwärts längs des Ufers führenden und die Regenmulde kreuzenden Wildpfade herab, ein kurzer etwas schwerer Tritt, und bald darauf gewahrte ich ein schwarzes, etwa kalbgroßes Thier, das ich als eine braune Hyäne erkannte. Das Thier ging langsam durch die Schlucht und schnupperte wiederholt beinahe bei jedem seiner Schritte, blieb dann auf einige Secunden stehen und fiel, auf das jenseitige Ufer der Mulde gelangt, sofort in ein rascheres Tempo ein.
Es schien mir, als sollte ich diese Nacht vergebens den König der Thiere erwarten. Als sich mir schließlich diese Befürchtung immer mehr aufdrängte, erscholl aus einer Entfernung von etwa 1000 Schritten das mir wohlbekannte, tiefe Gebrüll. Ich war jetzt sicher, daß das Thier seiner Gewohnheit gemäß den Pfad herunter und zu seinen Lieblingsbäumen kommen werde. Ich suchte nun meine Aufmerksamkeit von allem Anderen, namentlich von dem lauten Gebelle, mit dem meine beiden Hunde die an den Wagen drängenden Schakale abzuschrecken suchten, abzulenken. Mehr denn eine halbe Stunde verrann, bevor sich das Gebrüll des Löwen, diesmal in der Nähe, wiederholte. Nach etwa 15 weiteren Minuten vernehme ich den ersten Laut des herantrabenden Thieres, es kam näher und näher, doch deutlich nehme ich auch wahr, daß es nicht in seinem gewohnten Pfade am jenseitigen Mulden-Ufer, sondern mitten durch die hochbegraste Mulde selbst einherschritt.
Nach einigen raschen Schritten hielt das Thier inne, lauschte einen Moment, um sich wieder zu nähern. So war es bis auf 15 Schritte nahe gekommen — doch mir bei der in der Tiefe der Mulde herrschenden Dunkelheit und dem hohen Grase noch immer unsichtbar geblieben. Auf’s Gerathewohl in’s Gras zu feuern, hielt ich aus dem Grunde nicht gerathen, weil es den Löwen in die Flucht jagen konnte. Der Löwe mußte jetzt an dem Zweigpfade angelangt sein, der zu meinem Baume führte, er blieb jedoch volle 15 Minuten, in der Muldensohle, ohne sich zu rühren, er mußte mich wohl gewittert haben und schien sich für den Angriff oder die Flucht zu entscheiden. Da höre ich den Schritt wieder, dann eine Pause, um im nächsten Augenblicke zu hören, wie der Löwe einen Satz in das jenseitige Gebüsch machte und darinnen verschwand. Bald darauf belehrte mich Niger’s wüthendes Gebell, welche Richtung der Löwe genommen und ich bereute es, nicht gefeuert zu haben. An allen Gliedern steif, mußte ich nichtsdestoweniger auf meinem Posten ausharren, bis Pit und Niger bei Tagesanbruch sich bei mir eingefunden hatten.
Im Baume.
[5] Siehe [Anhang 2].