Gegen Mittag erreichte ich einen in einer unbedeutenden Vertiefung liegenden Weiher, Yoruha, d. h. ein Sprung genannt, wo ich abermals den Jägern, die ich an den letzten Quellen getroffen, begegnete. Der Händler X. hatte ihnen diese Stelle als bleibenden Aufenthalt angerathen, weil seine Diener in den Yoruhawäldern eine Unzahl von Elephanten niedergestreckt hatten. Da nach den Spuren zu urtheilen eine Elephantenheerde an dem Yoruhawasser zwei Tage zuvor zur Tränke gekommen war, erwarteten die Jäger sie auch am heutigen Tage. Um keine Störung durch meine Hunde zu verursachen, ging ich weiter und langte früh am 15. an den Tamafopa-, d. h. den Skeleton-Quellen an. Etwa eine halbe englische Meile nordwärts davon, an einigen gewöhnlich das ganze Jahr hindurch wasserhaltigen Regenlachen entschloß ich mich, den Wagen tiefer in den Wald zu bringen und hier zwei oder drei Tage zu verbleiben, hauptsächlich um womöglich das Fell der Säbelantilope, der schönsten der südafrikanischen Antilopen, zu gewinnen. Auf einem Ausfluge nach dem Westen sah ich Steenbockgazellen und Zebra’s und kreuzte mehrmals von der vorhergehenden Nacht herrührende Spuren von Deukergazellen, Kudu’s, Giraffen, Büffeln und Elephanten, sowie von Schakalen, Hyänen, Leoparden und Löwen. Nach den zahlreichen Spuren, die ich an der größeren der beiden Regenlachen vorfand, zu schließen, mußte diese allnächtlich von einer großen Anzahl von Thieren, namentlich Zebra’s, Büffeln und Harrisböcken besucht werden und ich entschloß mich, hier eine Nacht auf dem Anstande zu liegen. Ich wählte mir diesmal Pit als Begleiter, der mir wohl eine recht amüsante Nacht bereitete, meinen beabsichtigten Zweck jedoch vereitelte. Bevor wir ausgingen, wurde um unseren Waagen eine entsprechende Umzäunung errichtet und Th. versprach jedwede Vorsicht zu gebrauchen, um einer etwaigen Löwenattaque würdig zu begegnen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang machten wir uns auf den Weg, um die von mir gewählte Stelle zu besetzen. Der Leser stelle sich in einem hochbegrasten Walde eine stellenweise mit fünf Fuß hohem Riesengras bewachsene, etwa 400 Meter im Umfange messende und etwa 10 Fuß unter dem Niveau des Waldes liegende Lichtung vor, in deren Mitte sich eine kleine, grasbewachsene Regenlache, der Rest des Gewässers befand, das vor wenigen Monaten die ganze Einsenkung ausgefüllt haben mochte. Am westlichen Rande der Lichtung stand ein mächtiger Hardekoolbaum und in der Lichtung selbst, etwa 15 Schritte von dem letzteren, ein etwa 30 Fuß hoher Baum der Acacia detinens, unter diesem erhob sich, theilweise durch ihn gestützt, einer der riesigen Ameisenhügel, und da sich die Aeste des letztgenannten Baumes tief neigten, schien die Stelle zu unserem Anstande wie geschaffen. Wir sammelten einige Aestchen, die von dem Hardekoolbaume abgefallen waren, um damit eine kleine, kaum zwei Fuß hohe Brustwehr zu errichten. Zwischen uns und dem Grase ringsum befand sich eine etwa 2½ Meter breite kahle Stelle, die wir beide für sehr günstig hielten. Da Pit noch nie zuvor auf dem Anstande des Nachts gelegen hatte, frug ich ihn, ob er sich auch stark genug fühle, die ganze Nacht durchzuwachen, er beeilte sich, mich dessen zu versichern und so machten wir unsere Gewehre schußbereit; als wir mit unseren Vorbereitungen fertig waren, hatte eben die Sonnenscheibe den westlichen Horizont berührt. Einige der schönen geschwätzigen Glanzstaare, von ihren weiten Ausflügen zurückgekehrt, zwitscherten noch eine Weile lang in den Zweigen des Hardekoolbaumes, bevor sie in die alljährlich bewohnten Nester hineinschlüpften. Bevor es jedoch dunkel geworden war, verließen wir noch für einen Moment die schon eingenommene Stelle, um dem Rathe meines Dieners nachgebend, von dem Dornbaume über uns einige seiner dünnen, doch langen Aeste abzuschneiden, um die Umzäunung damit zu bedecken. Aus der Ferne ertönendes Schakalgekläffe belehrte uns darüber, daß die Zeit herangekommen, zu welcher das den Tag über weidende Wild dem Wasser näher komme und die von den nächtlichen Streifungen zurückkehrenden Raubthiere sich an ihre gewohnten Raubzüge machten.
Wir nahmen unsere frühere Stellung ein. Pit wählte seine gewohnte halbliegende, ich zog das Hocken vor, weil es mir für die Dauer noch das Angenehmste schien; wir sprachen Anfangs mit gedämpfter Stimme, jedoch hielt ich es für besser, auch davon abzulassen. Wir mochten eine halbe Stunde lang gelauscht haben, als ich vorsichtig aufstehend auslugte, doch konnte ich nichts sehen, und selbst über die Richtung, aus welcher ein eigentümlich gedämpfter Ton zu mir drang, konnte ich mich anfangs nicht orientiren, erkannte aber bald zu meiner Enttäuschung und Entrüstung, daß es Schnarchtöne waren, die sich dem weitgeöffneten Munde meines harmlos eingeschlafenen Dieners entrangen. Etwas unsanft geweckt, fühlte sich Pit über meine Beschuldigung bitter gekränkt und versprach den Anfechtungen Morpheus’ zu widerstehen — doch die Allgewalt des Schlafgottes besiegte schneller als ich es gedacht, den schwachen Willen des Schwarzen, dessen ganze Seligkeit eben der Schlaf war.
Gegen 10 Uhr, als das fahle Mondlicht über die Lichtung hinfluthete, vermengten sich seine melodischen Kehlkopftöne mit einem dumpfen Laut, wie wenn sich von Westen her ein Trupp Pferde dem Wasser nähern würde. Ich ergriff mein Gewehr und an den Mimosenstamm angelehnt, lugte ich zwischen diesem und dem an acht Fuß hohen Termitenhügel aus, der Laut wurde mit jeder Minute stärker und rührte unstreitig von Zebra’s her. Ich sollte auch nicht lange darüber im Zweifel bleiben, denn etwa eine Viertelstunde später, nachdem ich den Laut vernommen, erschienen auf der grell vom Lichte des Mondes beschienenen freien Stelle zwei Zebra’s, welche vorsichtig nach allen Seiten Rundschau hielten und beinahe nach jedem zweiten Schritte stehen blieben, um zu lauschen, wovon die sich aufrichtenden Ohren deutlich zeugten; nach wenigen Augenblicken kam die etwa 20 Stück zählende Heerde. Ich war unentschlossen, ob ich sofort feuern oder vielleicht zuvor noch Pit in die Gegenwart zurückrufen sollte, damit auch dieser zum Schuß käme. Die ganze Heerde stand nun auf der Lichtung ruhig wie eine aus Stein gemeißelte Gruppe. Die Betrachtung dieses schönen Bildes war mir kaum zwei Minuten lang vergönnt, denn aus der Tiefe unter mir drangen zwei das Gehör, den Geist und die Seele tief verletzende Mißtöne in die Stille der Nacht, laut genug, um von den kaum sieben Schritte entfernten Zebra’s gehört zu werden. Um die Thiere nicht vollends zu verscheuchen, weckte ich den Unverbesserlichen. Diesmal erhob er sich sofort, griff jedoch in seinem Schlaftaumel nach der niederen Umzäunung, welche mit Ausnahme der obersten Lage aus trockenen Zweigen bestehend, unter seinem Gewichte zusammenbrach, während ich nun rasch nach ihm griff, um ihn vor dem Falle zu schützen, damit er die Thiere nicht vollends vertreibe, wirft sich die Zebraheerde in Blitzesschnelle herum und war verschwunden, bevor ich noch an’s Feuern denken konnte.
Bald darauf schnarchte Pit lustig weiter. Mitternacht kam und nichts wollte sich hören lassen, doch gegen 1 Uhr, als sich der Mond wieder gesenkt hatte, vernahm ich ein Blöken von Nordwest her, welches sich der Lichtung zu nähern schien. Es war eine Büffelheerde, die Thiere hatten jedoch unsere Witterung bekommen und waren an der Lichtung vorübergegangen, und bei einer zweiten, die 500 Schritte nach Osten zu lag, eingekehrt. Ich wollte auch dieses vorüberziehende Wild zur Kenntniß meines wißbegierigen Dieners bringen und machte ihn auf das Brüllen und Blöken aufmerksam. »Kühe, Kühe und Kälber,« meinte er, »Th. hatte sie nicht fest gemacht.« Dann lehnte sich sein müder Oberkörper wieder zurück und bevor ich noch mein Lachen über seine Antwort unterdrückt, war er wieder eingeschlafen. Doch auch bei mir fing die Müdigkeit an, merklich ihre Rechte geltend zu machen, und ich versank in einen Halbschlummer, aus dem mich ein Geräusch, einem sich nähernden Sturmwind nicht unähnlich, emporriß.
Mehr denn 20 Minuten hindurch konnte ich über die Ursache desselben nicht klug werden, nicht eher, als bis ich dessen sicher war, daß es von einer der beiden ostwärts von uns liegenden Regenlachen herkam, und ein schnarrender trompetenartiger Ton mein lauschendes Ohr traf. Es war eine zahlreiche Elephantenheerde, welche sich in dem größeren, mit Gras reichlich durchwachsenen Gewässer gütlich that. Deutlich konnte man zwischen dem trompetenartigen Geschnurre das Plätschern der Riesenthiere im Wasser vernehmen. Durch diese Wahrnehmung aufgeregt, ergreife ich Pits Hand und ihn aufrüttelnd, deute ich auf das Geräusch hin. »Ja,« lallte er, »decken Sie sich nur zu, der Wind bläst heute gar stark«. Nach wiederholtem Rütteln gelang es endlich, dem blöden Schläfer die Situation begreiflich zu machen.
»Ich erinnere mich,« sagte ich, »an zwei kleinen Stellen trockenes Gras gesehen zu haben, wir stecken dies in Brand, der die Thiere erschrecken und uns einen Anblick bietet, wie wir ihn wohl nach jahrelangem Wandern im Innern Süd-Afrika’s nicht oft erleben werden.« Doch damit zeigte sich mein Heldenjüngling nicht zufrieden. »Doctor, haben Sie heute Früh die zahlreichen Löwenspuren gesehen, und dahin sollen wir gehen? Aus dem hohen Gras können uns die Löwen auf den Rücken springen, bevor wir uns nur umwenden können.« Der Mond neigte sich zum Untergange, die Nacht fing an sich zu verdunkeln und nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt, beschloß ich diesmal dem Rathe meines Dieners nachzugeben. Wir lauschten noch eine Weile und dann entschlummerte Pit, doch es dauerte nicht lange und unwillkürlich folgte auch ich seinem Beispiele.
Wir mochten uns etwa eine halbe Stunde lang diesem Genusse hingegeben haben, als ich plötzlich durch ein unmittelbar vor dem Anstande hörbares Gebrülle zum Bewußtsein gebracht wurde, welches mich zum raschen Handeln nöthigte und mir die nächtliche Kühle vergessen ließ; es war das Gebrülle eines Löwen, dem ein schwächeres, mehr ein Brummen, jenes der Löwin folgte. Das Gebrüll wiederholte sich dann etwa 30 Schritte vor uns, worauf es sich zu nähern schien, ich kniete nieder und machte mich schußbereit, doch konnte ich der Dunkelheit halber nichts sehen, weshalb mir auch meine Lage etwas unangenehm vorkam, und dies um so mehr, als ich dessen sicher war, daß wir schon lange von den Raubthieren beobachtet wurden und meine Hände in Folge der Feuchtigkeit ziemlich starr geworden waren. Doch da liegt ja Pit, gewiß ein Retter in der Noth, doch konnte ich mich auf ihn verlassen?
Ich will zugeben, daß es ein etwas unsanfter Rippenstoß war, den ich ihm nun versetzte, denn rasch hob er sich empor und weil sich zufällig in diesem Augenblicke das Löwengebrülle wiederholte, war es nicht nöthig, Pit eine Erklärung dieses Lautes geben zu müssen. Er sprang sozusagen kerzengerade auf, und griff mit der Hand nach dem überhängenden Aste der Mimose. Auch die Raubthiere mußten das Geräusch vernommen haben, wir hörten, daß die Thiere näher kamen, nun schien mir auch zum zweiten Male des Dieners Wink vortrefflich, und der Baum eine rettende Insel werden zu wollen. Doch wie hinauf gelangen? Ich hatte eine von den schottischen Flachmützen, so wie ein Paar hohe Stiefel und einen bis an die Kniee reichenden Ueberzieher, so bewaffnet, war es vielleicht möglich, mir einen Weg nach Oben durch das dichte Netz der mit Doppeldornen versehenen Zweige zu bahnen, ich zog zum Ueberfluß den Ueberrock noch über den Kopf und ließ mich von Pit hinaufschieben, um desto leichter die Hindernisse zu bewältigen. Als ich den Fuß auf die ersten stärkeren Zweige setzte, zog ich Pit nach, der mir zu gleicher Zeit die Gewehre reichte. Trotzdem, daß wir endlich eine etwa drei Meter hohe Stelle über dem Boden eingenommen hatten, war es uns doch nicht möglich, ob der herrschenden Dunkelheit und des hohen Grases so viel von den Löwen zu erblicken, daß wir auf sie feuern konnten. Sie blieben brüllend im Hochgras der Lichtung hin und her rennend, bis gegen den Morgen, um welche Zeit sie in der Richtung, aus welcher die Büffel gekommen waren, verschwanden. Als wir nach ihrer freundlichen Entfernung auch zu unserer Abreise schritten, besuchten wir das jenseitige Wasser, aus dem indeß sowohl die Büffel als auch die Elephanten verschwunden waren. Hier fanden wir, daß wenigstens 30 Elephanten, darunter auch Kälber, dasselbe besucht hatten.
Da ich an den Thieren Beobachtungen anstellen wollte, so folgte ich ihnen mit Pit nach, nachdem wir zuvor am Wagen einen Morgenimbiß eingenommen und von Th. vernommen hatten, daß das Löwenpärchen auf einer freien Sandstelle kaum einen Steinwurf weit vom Lagerplatze gebrüllt habe. Doch gab ich die Verfolgung wieder auf, weil die Elephanten, nach den Spuren zu urtheilen, einen Vorsprung von mehreren Meilen hatten. Obgleich ich am selben Tage Tamafopa verlassen wollte, hatten mir doch die Elephanten in der vorigen Nacht das Herz so warm gemacht, daß ich noch einen Versuch allein unternahm, bei dem Gewässer, wo sie sich herumgetummelt hatten, auf dem Anstande zu liegen. Ich besah mir genau den Ort und wählte als den besten Observationspunkt einen etwa 50 Fuß hohen, dicken schönen Haardekoolbaum, an dem jedoch die niedrigsten Aeste so hoch begannen, daß es mich Wunder nahm, wie ich hinauf gelangen sollte. Endlich fand sich auch das Mittel hierzu, ich band acht Stück Ochsenriemen zusammen, nahm Pit und Meriko mit und ließ mich hinaufziehen. Oben machte ich es mir zurecht, so wie ich konnte, um das nächtliche Treiben bei dem Weiher so deutlich als möglich beobachten zu können. Leider war mein Harren ein vergebliches, es kam die Nacht, in diesem Theile der südafrikanischen Troppen von eigenthümlicher winterlicher Kühle und Schönheit, ich fror ganz entsetzlich. Gegen Mitternacht hörte ich zwar die herannahende Elephantenheerde, doch zugleich auch das wohlbekannte Knallen der afrikanischen Riesenpeitsche, und es währte nicht lange, daß das in den Büschen, von der Elephantenheerde verursachte Knacken, schwächer wurde und endlich, je näher der Wagen kam, gänzlich aufhörte. Wie ich später vernahm, war es der Elfenbeinhändler Kurtin, der nach dem Panda ma Tenka-Thale zog, um hier seinen mit einem Wagen vorausgesandten Bruder zu treffen.
Am 17. versuchte ich, ein Erdferkel (einen Termitenfresser) auszugraben. In der Nacht auf den 18. tödteten wir zwei Fahlschakale und zogen durch sehr tiefen Sand nach den Tamasetse- (d. h. sandiger Ort) Weihern, an denen ich bis zum nächsten Morgen verblieb. Da ein kalter Wind über die Lichtung, in der die Weiher liegen, herunter pfiff, zog ich meinen Wagen in’s Gehölz, um hier ein ruhigeres Nachtlager zu finden, und dies deshalb, weil ich bis zum 20. hier zu verweilen gedachte, um einer Säbelantilope habhaft zu werden. In der Nacht wurden wir plötzlich durch einen Aufschrei Meriko’s wachgerufen. Eine Schlange hatte sich auf seinem Unterleibe eingenistet. Leider war Meriko über diesen Besuch so erbittert, daß er das enteilende Thier schwer verletzte, bevor ich es für meine Sammlungen retten konnte.