Am 30., nachdem wir den beträchtlichen Aufstieg auf das waldige Plateau bewältigt, gelangten wir auf eine hochbegraste, nach zwei Seiten von Wäldern umsäumte Ebene. Dieser Abhang des Plateaus zeichnete sich durch einige bisher von mir nicht beobachtete Thier- und Pflanzenspecies tropischen Charakters aus. Manche der Leguminosen (Bäume) fielen mir durch das eigentümliche Entleeren ihres Samens auf. In Folge der Sonnenhitze barsten die Samenschoten mit einem lauten Geräusche, wobei die Samen herumgestreut wurden. Tausende von kleinen Bienchen schwärmten in der Luft, verkrochen sich in die Haare, Kleider und belästigten Augen, Ohren und Nase. Seitdem wir den Nata-River verlassen hatten, waren wir langsam höher und höher gestiegen, nun schien es mir, daß wir den Culminationspunkt des Plateau’s erreicht hatten. Am Nachmittage fuhren wir zum ersten Male nach längerer Zeit an einigen unbedeutenden, Melaphyr und Quarzit aufweisenden, niederen Höhen entlang, an welchen sich namentlich der Baobab bemerkbar machte, die übrigen Bäume und Sträucher aber, wahrscheinlich ob des steinigen Bodens mehr oder weniger verkrüppelt erschienen. Am Abend langte ich endlich an dem längst ersehnten ersten Zuflusse des Zambesi an; es war nur ein Bächlein, welches nahe an unserem Lagerplatze seinen Ursprung nahm, doch bildete es stellenweise tiefe Tümpel, denen man, so verlockend sie auch zum Bade einluden, nicht trauen durfte, da sich in ihnen oft Krokodile aufhalten. Das Gras an den Lichtungen ringsum und in den Thälern war niedergebrannt, stellenweise brannten noch die Büsche, die wahrscheinlich durch Straußenjäger in Brand gesetzt worden waren, um rasch das frische Gras zum Keimen zu bringen und damit die Strauße an diese Orte zu fesseln. Von dem Deikha-Flüßchen ab, mehrere Thäler, deren Regenabflüsse nach den letzteren zuführten, sowie bewaldete Sand- und Felsenhügel am 31. überschreitend, gelangte ich am Abend in das obere Thal des Panda ma Tenka-Flüßchens, das eine Strecke lang nach Norden und später nach Nordwest floß, und nachdem es zahlreiche Regenzuflüsse, sowie Spruits und stets fließende Berggewässer aufgenommen, unterhalb der Victoriafälle in den Zambesi mündet. Ich fand am linken Abhange zum Flusse mehrere Wägen vor, denn die ebenerwähnte Stelle bildet, seitdem englische Händler mit den Zambesivölkern in Verkehr zu treten begonnen haben, das Rendezvous derselben und ebenso der Elephantenjäger. Hier hatte der Zambesihändler Westbeech eine Handelsstation errichtet, welche aus einem umzäunten, eine Hütte und ein viereckiges Lagerhäuschen enthaltenden Gehöfte bestand. Einige Zeit im Jahre verweilte der Händler selbst hier, in seiner Abwesenheit versahen seine Geschäftsführer Blockley und Bradshaw die Geschäfte. Kam er vom Süden mit neuen Waaren hieher, nachdem er Elfenbein nach den Diamantenfeldern geführt, so trat er von hier aus seine Handelszüge nach Schescheke und den Zambesi abwärts an.
Unterricht im Elephantenjagen.
Ich traf in der Handelsstation Herrn Blockley an und in den Wägen Herrn Anderson, dessen ich schon erwähnt und der sich auch diesmal sehr freundlich zeigte. Als ich mich darüber wunderte, daß man hier so hohe Umzäunungen um die Wägen errichtet hatte, antwortete man mir: »Ja, aber die Löwen laufen auch hier wie die Hunde herum.« Der Weg war thatsächlich mit frischen Löwenspuren bedeckt. Die Löwenabenteuer, welche sich in der letzten Zeit in der unmittelbarsten Nähe der Station zugetragen, bilden einige der interessantesten, die ich meinen Tagebüchern einverleiben konnte. Ich will dem Leser eines derselben hier anführen und zwar jenes, bei welchen die schon an Henry’s Pan erwähnten Lotriets und zwar der ärmere der beiden Brüder und dessen zahlreiche Familie argen Schaden erlitten.
Am linken Ufer des Flüßchens, d. h. an dem zum wiesigen Thale herabführenden Waldabhange, einige hundert Schritte oberhalb der Handelsstation, standen im Mai 1875 fünf Wägen und ein zweirädriger Karren. Um die Zeit als sich dieses Abenteuer zutrug, waren die Besitzer der Wägen mit Ausnahme des A. Lotriet, der sich auf die Elephantenjagd begeben, anwesend. Obgleich man täglich Löwen in unmittelbarer Nähe oder auch weiter ab brüllen hörte, hatte sich doch keines der Raubthiere noch zu einem Angriff auf Menschen und Hausthiere erkühnt und dadurch die Lagerinsassen in vieler Hinsicht sorglos gemacht, wofür die äußerst primitive Umzäunung des Lagers sprach.
Auch der 15. Mai verlief ruhig und die ihm folgende Nacht schien den Bewohnern des Thales umsoweniger gefahrdrohend zu werden, als der Mond sein silbernes Licht so hell über Berg und Thal ergoß, daß sich die Objecte deutlich und in großer Ferne abhoben. Trotzdem unterließen es die Matabele-Diener auch in dieser Nacht nicht, wie sie es in dunklen Nächten zu thun gewohnt waren, zwei mächtige Feuer zu beiden Seiten ihrer Hütten anzuzünden. Die Weißen hielten nur ihre Bedürfnisse in den Wägen, sie selbst, mit Ausnahme Y.’s, schliefen in den Grashütten nebenan. In der Lotriet’schen Hütte hatten sich die kleineren Kinder bereits zur Ruhe gelegt, nur die Mutter und die älteste Tochter waren noch wach, sie saßen an der niedrigen Thüröffnung und blickten durch dieselbe in die mondscheinhelle Nacht hinaus. Da schien es der Frau, als ob sie auf einer der freien Stellen vor der Hütte einen dunklen Gegenstand sich bewegen gesehen hätte. Um besser sehen zu können, kroch die Beobachterin aus der Hütte und sah schärfer nach dem Gegenstande. Auch die Tochter lugte aus dem Innern hervor, doch beide konnten den sich nähernden Gegenstand nicht erkennen, nicht eher, als bis er auf eine größere, grell beschienene Lichtung herausgetreten war und sich nun beiden als ein Löwe erkennbar machte. Mit einem Schrei stürzte die Mutter nach dem Wagen zu und suchte in diesem Zuflucht, während die Tochter eine Matte gegen die Thüröffnung der Hütte preßte, um sie zu verschließen. In ihrer Angst vergaß die Frau alle Rettungsmaßregeln, unterließ es, die Matabele-Diener herbeizurufen, welche mit Feuerbränden den Löwen verscheuchen und das am Wagen angekoppelte Pferd retten konnten. Kaum war die Frau in denselben gelangt, so fühlte sie einen heftigen Ruck am Wagen, dem ein lautes Fauchen und ein zweiter Ruck folgte, mit dem sich, nach dem Hufschlag zu urtheilen, das Pferd von dem Wagen losgerissen zu haben schien. Die Frau spähte nun aus, und sah, wie sich das Pferd mit dem Löwen am Rücken weiter zu schleppen suchte. Nun schrie die Frau um Hilfe, als jedoch die muthigen Matabele aus ihrer Hütte hervorstürzten und zu den Bränden griffen, war das Pferd schon niedergestürzt. Der Löwe hatte es durch wiederholte Bisse in den Nacken getödtet. Bei dem Geschrei der Frau hatten auch alle ihre Kinder wie Mr. M. Schutz in den Wägen gesucht. Für Mr. Y. wäre es eine Kleinigkeit gewesen, von seinem Wagen aus die ihm zur Verfügung stehenden Hinterlader auf das Raubthier abzufeuern, doch er konnte sich nicht zu einer solchen Heldenthat ermannen und überließ es den unbewaffneten Matabele, mit dem Thiere fertig zu werden. Den Muthigen war das Glück hold und da einige ihrer Wurfgeschosse gut trafen, jagten sie das Thier in die Flucht.
Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen.
Man wußte mir nicht zu sagen, warum am folgenden Tage der Cadaver des Pferdes nicht entfernt worden war, er blieb liegen und am nächsten Abend wiederholte der Löwe seinen Besuch, um sich an dem Raube gütlich zu thun. Doch diesmal machte er schon vorhinein durch anhaltendes Gebrülle die Bewohner der drei Wägen auf seine Ankunft aufmerksam und da war der vorsichtige Mr. Y. der erste, welcher auf Rettung dachte. Der Ansicht, daß weder die Wägen, noch die Grashütte ihre Insassen vor den Klauen des Löwen schützen können, ließ er sich von seinen Matabele-Dienern einen Assagai reichen und sich in den nahen Mapanibaum emporheben, der sich über den Hütten seiner Diener erhob. Die übrigen Weißen suchten Schutz in ihren Wägen, während die Diener den Löwen abermals durch Feuerbrände zu verscheuchen suchten. Doch gelang es ihnen diesmal nicht, das Raubthier blieb, es hatte sich an die brennenden Wurfgeschosse gewöhnt, ja es sprang nach ihnen und die Schwarzen hatten keine Zeit, die Assagaien aus ihren Hütten zu holen, sondern nahmen eiligst Zuflucht hinter den Wägen ihrer Herren. Ihnen folgend passirte der Löwe den Mapanibaum, auf dem Y. thronte und der selig in dem Gedanken, daß der Löwe von seiner Anwesenheit keine Ahnung hatte, sich auch mäuschenstille verhielt. Nun feuerte Frau Lotriet ein Gewehr ab, das sie sich im Wagen zurechtgestellt und blind geladen hatte, um das Thier zu schrecken und es von jeden weiteren Angriffen auf die Hütten und Wägen abzubringen. Knurrend und sich nach seinen Feinden umblickend, zog sich der Angreifer zurück, was die Matabele wieder bewog, sofort aus ihrem Verstecke hervor nach den Feuern zu stürzen und Feuerbrände zu ergreifen.
Der unter lautem Geschrei unternommene Angriff hatte auch Erfolg, einige brennende Wurfgeschosse trafen den Löwen so gut, daß er aufsprang und verschwand, Arnold Lotriet fühlte sich sehr niederschlagen, als er von dem Verluste hörte, denn ein Pferd, das bereits die endemische Pneumonie überstanden, ist in allen tsetsefreien Gegenden ein wahrer Talisman.